Clarice Lispector

Nahe dem wilden Herzen

»Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei«: Am Strand von Leme in Rio de Janeiro erinnert ein Denkmal an die berühmte Tochter der Stadt. Foto: imago/AGB Photo

»Wie beim Anfang beginnen, wenn die Dinge geschehen, bevor sie geschehen? Wenn es schon vor der Vorvorgeschichte die Monster der Apokalypse gab und ihre Reiter?« Zeitlebens hat die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector in ihrem Werk eben diese Fatalität umkreist.

Oder, genauer noch, die Fatalität, die um sie kreiste, auf Abstand zu halten versucht in immer neuen Texten und Metaphern. Das Ziel? Ein Wunsch, der sich mit tapferem Trotz als Zustandsbeschreibung ausgab und dennoch bereits in der Vergangenheit lag: »Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.«

Ukraine Als Chaja Pinkussowna Lispektor wurde sie am 10. Dezember 1920, vor genau 100 Jahren, in einem ukrainischen Nest namens Tschetschelnik geboren, das man sich schon vom Namen her als einen tristen, in sich verkapselten Winkel vorstellen muss.

1921 flieht die Familie vor Pogromen und Revolutionswirren via Bukarest, Budapest und Prag nach Hamburg, wo sie ein brasilianisches Schiff besteigt – zusammen mit weiteren Emigranten, selbstverständlich dritter Klasse. Chajas Mutter aber trägt schon zu dieser Zeit eine nicht behandelte Syphilis in sich; Monate zuvor war sie von marodierenden Russen vergewaltigt worden.

»Ich gehöre zu keiner sozialen Klasse, Randfigur, die ich bin.«

Clarice Lispector

Bereits 1930 wird sie sterben, beerdigt auf dem jüdischen Friedhof im nordbrasilianischen Recife. Zehn Jahre später stirbt auch Chajas Vater, gerade einmal 55 Jahre alt. In einem Roman, der die tragische Flucht- und Ankunftsgeschichte der Familie thematisiert, findet sich deshalb immer wieder die Frage: »Fun wonen is a Jid?« – »Woher stammt der Jude?« Doch stammt das in realistischer Chronologie erzählte Buch nicht etwa von Chaja, die inzwischen Clarice heißt, sondern von ihrer älteren Schwester Elisa.

Die Jüngere nämlich wird bis zu ihrem ebenfalls frühen Tod am 9. Dezember 1977 den Hilfsmitteln des autobiografischen Erinnerns zutiefst misstrauen. Denn weshalb einen Ort – ein Pogrom, eine Schiffspassage, die anders-jüdische Welt von Recife oder schließlich das mondäne, wenn auch nicht unbedingt glückliche Leben als Diplomatengattin in London, Neapel und New York – en détail und in herkömmlicher Manier beschreiben, wenn es eine Beunruhigung gibt, die weit darüber hinaus geht: »Inzwischen sind die Wolken weiß und der Himmel ganz blau. Wofür so viel Gott. Warum nicht ein wenig für die Menschen.«

Virginia Woolf In den 60er-Jahren, als ihr inzwischen geschiedener Mann Botschafter in Warschau ist, wird ihr, die bereits damals als vermeintliche »brasilianische Virginia Woolf« Berühmtheitsstatus erlangt hat, von der Sowjetunion eine Reise in die ehemalige (Nicht-)Heimat angeboten.

Lispector wurde bald nach ihrem Tod zu einem mysteriösen Geheimtipp. Zu verdanken ist dies einem jungen schwulen jüdischen Amerikaner namens Benjamin Moser.

Clarice Lispector aber lehnt ab. Auch Interviewer, die sie auf ihre Herkunft reduzieren möchten, bescheidet sie denkbar lakonisch: »Ich bin Brasilianerin und damit basta.«

Nur ist es so, dass sie mit somnambuler Sphinx-Miene in die Kamera schaut (wie eine Art Voraus-Melange aus Sibylle Berg und Romy Schneider), dass sie lispelt und ihr kehliges R ebenso zu einer »Fremden« zu passen scheint wie der alles andere als brasilientypische Name: Clarice Lispector, die bereits als 23-Jährige in ihrem 1943 erschienenen und sofort gefeierten Debütroman Nahe dem wilden Herzen Expeditionen in die Gefühlswelten einer jungen Frau unternommen hatte, sich jedoch kaum um die Beschreibung der Außenwelt bekümmerte.

Ähnlich wie Franz Kafka, mit dem ihr (freilich viel weniger kohärenter) Stil oftmals verglichen wird, kassierte deshalb auch sie von linksorthodoxen Kritikern den Vorwurf, ihr Schreiben sei »entfremdet und intimistisch«. Dazu in ihrer Selbstbeschreibung: »Ich gehöre zu keiner sozialen Klasse, Randfigur, die ich bin. Die Oberschicht betrachtet mich als Untier, als Kuriosum, die Mittelschicht mit Misstrauen, denn ich könnte ja ihr Gleichgewicht stören, und die Unterschicht macht um mich einen Bogen.«

schatten Tatsächlich findet sich in den Seeleninspektionen ihrer Romane keine brasilianische Folklore à la Jorge Amado. Selbst die Helligkeit von Rio de Janeiro, wo die Geschiedene dann bis zu ihrem Tod lebte und sich um ihren schizophrenen Sohn kümmerte und auch in eigener Sache immer wieder Therapeuten aufsuchen musste, scheint von Dunkel und Bedrohung gezackt.

Doch welche Worte, welche Beobachtungen entrang Lispector all dem Grauen, das da in und um sie war! »›Das ist mir peinlich‹, sagte sie und lächelte, verwickelt in ihre eigenen Schatten … Und so saß sie dort in den Sechzig-Sekunden- und Sechzig-Minuten-Labyrinthen, die sie auf den Weg zu einer Stunde bringen würden … Nur vage wurde ihr bewusst, welche Abwesenheiten sie in sich trug … Das Leben ist eine Faust in die Magengrube.«

zufall Ist es lediglich Zufall, dass die quasi weltweite (Wieder-)Entdeckung dieser Ausnahmeautorin, die bald nach ihrem Tod zu einem mysteriösen Geheimtipp geworden war, einem jungen schwulen jüdischen Amerikaner namens Benjamin Moser zu verdanken ist, der Lispectors Bücher dem Vergessen entriss, Übersetzungen in Dutzende Sprachen anregte und dazu auch noch eine große Lispector-Biografie veröffentlichte? Nicht nur in Brasilien war man dann verdutzt, was sich bei dieser Autorin alles auffand – Texte von verstörend karger Poesie freilich ebenso wie Seiten über Seiten einer enigmatischen Selbstfindungsprosa, die sich auch heute noch äußerst zäh lesen.

Und doch: In ihrem letzten Roman Der große Augenblick versucht eine denkbar unscheinbare Protagonistin namens Macabéa (der Name selbstverständlich eine Anspielung an den Widerstandsmut der Makkabäer), den fatalen Umständen etwas abzuringen – auch wenn es dann nur die ferne Erinnerung ist an einen Geige spielenden Mann an einer Straßenecke in Recife. »Es wurde Abend, und der schrille, hohe Klang zog eine goldene Linie unter das Rätsel der Straße, die im Dunkeln lag.« Sätze, wie sie nur Clarice Lispector hatte schreiben können.

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