Geschichte

Nach dem Krieg kam der Würgeengel

Zwei Krankenschwestern des amerikanischen Roten Kreuzes bei einer Übung der Notfallambulanz in Washington D.C. (1918) Foto: picture alliance / akg-images

Der Erste Weltkrieg hatte auch unter den deutschen Juden einen hohen Blutzoll gefordert. Über 100.000 Juden kämpften zwischen 1914 und 1918 auf deutscher Seite, davon rund 77.000 direkt an der Front. Circa 12.000 von ihnen bezahlten diesen Einsatz für das Vaterland, an das sie glaubten, mit ihrem Leben. Neben der Trauer um die Gefallenen machte man sich gegen Kriegsende in vielen jüdischen Familien ebenfalls große Sorgen angesichts extremer Lebensmittelknappheit und der politischen Lage.

So nahm man auch in der jüdischen Presse zunächst nicht wahr, dass eine der größten Pandemien des 20. Jahrhunderts, die sogenannte Spanische Grippe, bereits im Sommer 1918 das kurz vor der Niederlage stehende Deutschland erreicht hatte. Wer jedoch damals die Todesanzeigen und Nachrufe in jüdischen Zeitungen aufmerksam verfolgte, der konnte vermutlich ahnen, dass sich hinter den gehäuften Sterbefällen mehr als nur die bislang bekannte Influenza verbarg.

Den Beginn der Pandemie nahm man auch in der jüdischen Presse kaum wahr.

Ein besonders tragisches Schicksal vermeldete am 19. Juli die »Neue jüdische Presse« für Frankfurt am Main: »Die Familie Gilbert Bloch, Hölderlinstr. 9, verlor in einer Woche infolge Influenza ihre beiden Söhne, den 27jährigen Albert, Inhaber des Hess. Kriegsehrenzeichens und der Roten Kreuzmedaille und den 28jährigen Curt Hans.« Auch an diesem Einzelfall zeigt sich das typische Muster der tückischen Infektionskrankheit, deren Erreger man erst viel später entdeckte: die auffällig hohe Sterblichkeit unter jungen, gesunden Erwachsenen.

TODESFÄLLE Doch der Höhepunkt der ersten Welle wurde erst im Herbst des Jahres, also zum Zeitpunkt des Kriegsendes, erreicht. Noch beunruhigender waren die Meldungen über gehäufte Todesfälle in jüdischen Gemeinden des benachbarten Auslands.

In der Jüdischen Presse vom 19. Juli 1918 wird schon früh die neue Bezeichnung für die sich weltweit immer schneller ausbreitende Pandemie erwähnt, und zwar in einem Bericht über Zürich: »Es ist, als sollte die vom Krieg verschonte Schweiz durch die Grippe, auch spanische Krankheit genannt, einen nicht normalen Verlust an Menschen erleiden. Seit drei Monaten wütet diese sonst harmlose Krankheit hier als Todesengel, und noch immer nicht will sie erlöschen.«

Stefan Zweig, der damals in der Schweiz lebte, notierte in seinem Tagebuch: »Die Grippeepidemie entsetzlich. Dreißig Leute sterben in Zürich jeden Tag, tausende sind krank. Natürlich hat man das törichte Gefühl wie im Krieg, es könne einen nicht betreffen, aber wie unbehaglich doch im Grunde, wie peinlich an jeder Ecke das Gespenst lauernd zu fühlen.«

Leider haben wir kaum Quellen darüber, welche Auswirkungen die Spanische Grippe auf das jüdische Gemeindeleben hatte. Gottesdienste dürften, wie auch im Falle der christlichen Kirchen, stattgefunden haben. Wir wissen lediglich, dass das Vereinsleben und die Jugendarbeit von Einschränkungen betroffen waren.

schuld So vermeldete die Oktober/November-Ausgabe der Zeitschrift des Bundes gesetzestreuer jüdischer Jugendvereine: »Die schreckliche Grippeepidemie stört unsere Arbeit ganz empfindlich.«

Vereinzelt vernimmt man in der jüdischen Presse Stimmen, die die Befürchtung äußern, man könnte den Juden wieder einmal die Schuld an allem geben: »Was ein richtiger Antisemit und ein deutschnationaler Volksparteiler ist, der glaubt, daß die Juden und vor allem die böse Alliance israélite universelle an allem Unglück in Deutschland und der Welt schuld sind, an Pest und Grippe und Brunnenvergiftung, daß die Juden Kriegshetzer und Friedenshetzer, Kapitalisten und Bolschewisten, Reaktionäre und Revolutionäre zusammen sind« (C.V.-Zeitung vom März 1919).

TRUPPENTRANSPORTE Die Spanische Grippe hat bekanntlich ihren Namen nach einem europäischen Land, das als erstes über die neue Seuche offen berichtete. Aus Nordamerika war das Virus mit Truppentransporten an die damaligen Kriegsschauplätze gelangt und hatte alsbald ein Massensterben nicht nur unter Soldaten, sondern auch unter der Zivilbevölkerung ausgelöst. So waren die USA gleich am Anfang und mit am stärksten von der ersten Welle dieser Pandemie betroffen. Auch jüdische Gemeinden beklagten zahlreiche Opfer.

Orthodoxe Gemeinden in den USA feierten seit der Cholera bekannte »Schwarze Hochzeiten«.

Die Verzweiflung war groß, zumal man weder den Erreger kannte noch ein wirksames Heilmittel hatte. So wundert es nicht, dass unter orthodoxen Juden ein alter ostjüdischer Brauch wiederauflebte.

Am 20. Oktober 1918 versammelten sich 1200 russische Juden auf dem Mount-Moriah-Friedhof in Philadelphia. Zu diesem Zeitpunkt, im Spätherbst 1918, waren an der Spanischen Grippe in Philadelphia mehr als 12.000 Menschen gestorben.

Zusammenkunft Der Anlass dieser Zusammenkunft war jedoch nicht wie üblich trauriger Art. An diesem ungewöhnlichen Ort sollten zwei Personen getraut werden, die sich vorher nicht kannten und nur eines gemeinsam hatten, nämlich ihre Herkunft aus ärmlichsten Verhältnissen. Man feierte also dort eine bereits aus Zeiten der Cholera bekannte »Schwarze Hochzeit«.

Die weitgehend assimilierten amerikanischen Juden in der Stadt begegneten diesem seltsamen »Beschwichtigungsritual« aus der Alten Welt mit Unverständnis, wie man einem Bericht in der lokalen jüdischen Wochenzeitung entnehmen kann, der nach dieser seltsamen Hochzeit erschien.

Wie unter anderem eine historische Fallstudie zu Hartford, Connecticut, nachweist, waren Stadtteile, die einen sehr hohen Anteil an osteuropäischen Einwanderern hatten, besonders stark von der Spanischen Grippe betroffen.

Ähnliches gilt für New York, das aber trotz der vielen Immigranten aus Ost- und Südeuropa nicht schlimmer betroffen war als andere amerikanische Hafenstädte. Das mag zum einem an der damals schon in Umgang mit Infektionskrankheiten wie der Tuberkulose recht erfahrenen Stadtverwaltung gelegen haben. Zum anderen reagierten die jüdischen Gemeinden auf die Bedrohung und trafen Vorsichtsmaßnahmen.

rabbinatsgericht Bereits zum Anfang der Epidemie berichtete die jüdische Zeitung »Forward«, dass das New Yorker Rabbinatsgericht verkündet habe, man müsse sich in diesen gefährlichen Zeiten in einem Trauerfall nicht streng an die Halacha halten.

Zwar sei die Schiwa, bei der Familienangehörige und Freunde sieben Tage in häuslicher Gemeinschaft trauern, weiterhin geboten. Doch man durfte nun etwas tun, was nach den religiösen Vorschriften an sich nicht gestattet ist: »Wer in engen Räumen lebt oder solche, die frische Luft haben müssen, kann aus gesundheitlichen Gründen jeden Tag ein paar Stunden nach draußen gehen.« Normalerweise ist nämlich den engsten Angehörigen nicht erlaubt, das Haus in dieser Zeit der Trauer zu verlassen.

In Jerusalem und Jaffa wurden Schulkinder mit Symptomen sofort zum Arzt geschickt.

In Dayton (Ohio) hatten jüdische Gemeinden ihre Mitglieder im Oktober 1918, als die Pandemie auch diese amerikanische Kleinstadt erreichte, aufgefordert, nicht zum Gottesdienst zu kommen und lieber zu Hause zu beten.

ISRAEL Die Spanische Grippe verschonte auch Eretz Israel nicht. Das britische Mandatsgebiet Palästina war jedoch weniger betroffen als andere Regionen, weil das Land damals noch nicht dicht besiedelt war. Selbst in den wenigen urbanen Zentren wie Jerusalem oder Tel Aviv starben offenbar weniger Menschen an der Spanischen Grippe als in gleich großen europäischen Städten.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Bericht vom 15. September 1920, den die American Zionist Medical Unit damals an das Joint Distribution Committee schickte: »Die Influenza-Epidemie in Palästina war in diesem Jahr nicht so schwerwiegend wie in vielen anderen Ländern, möglicherweise insbesondere aufgrund der energischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie. Die Schulkinder in Jerusalem und Jaffa, die die geringste Spur einer beginnenden Influenza zeigten, wurden von ihren Lehrern zur medizinischen Untersuchung in die medizinische Abteilung geschickt. Wenn die Untersuchung positive Ergebnisse ergab, wurde das Kind sofort isoliert, wodurch die Ausbreitung der Influenza unter den Schulkindern weitgehend verhindert wurde.«

Siedlungen Dennoch starben im Jahr zuvor in einzelnen Siedlungen, wie zum Beispiel der Jemenitischen Kolonie, in kurzer Zeit Dutzende an dieser neuen Seuche. Auch Anfang 1921 war die Gefahr noch nicht vorbei, wie eine Notiz im »Jüdischen Volksblatt« vom 14. Januar des Jahres verdeutlicht: »Da sich in letzter Zeit die Grippe in besorgniserregender Weise in Jerusalem verbreitet, hat die Leitung der Hadassa ein Rundschreiben erlassen, in dem die notwendigen Vorsichtsmaßregeln zur allgemeinen Kenntnis gebracht werden.«

Bereits knapp ein Jahr zuvor hatte die hebräische Tageszeitung »Do’ar Hayom« ihre Leser ermahnt: »Vermeiden Sie überfüllte Versammlungen an geschlossenen Orten! Vermeiden Sie den Kontakt mit anderen so weit wie möglich! Schütteln Sie nicht einmal die Hand, wenn Sie Hallo sagen!«
Hundert Jahre später findet man ähnliche Ratschläge in der israelischen Presse; denn der jüdische Staat ist verhältnismäßig stark von der Covid-19-Pandemie betroffen. Inzwischen ist Israel jedoch weltweit Spitzenreiter im Impfen gegen Corona.

Der Autor ist Medizinhistoriker. Bis 2020 leitete er das Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart.

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