Tonkunst

Musikalische Traktoristen

»Hey, du süßer Traktor, hilf mir, meinen Fünfjahresplan zu erfüllen«: Schawuot-Lieder sind Kulturgut des jüdischen Sozialismus. Foto: Flash 90

Sieben Wochen nach Pessach ist Schawuot. Juden in aller Welt feiern die Übergabe der Zehn Gebote an Mosche und zugleich das »Fest der ersten Früchte«, denn zu dieser Zeit wird in Israel bereits das Korn geerntet. Diese doppelte Bedeutung von Schawuot spiegelt sich auch in der Musik – selbst bei einem Song mit dem Titel »Traktorist«, der noch zu Sowjetzeiten entstanden ist.

Doch bekannt wurde das jiddische Lied viel später durch die amerikanische Klezmer-Band Di Naye Kapelye um den Sänger Bob Cohen. Es scheint wie gemacht für das »Fest der ersten Früchte«. Und es ist durchaus kein Einzelfall: Es gibt eine ganze Reihe von Schawuot-Liedern, die die Freuden der Landwirtschaft besingen. Viele davon sind in den Zeiten der Pioniere im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina entstanden.

Doch Bob Cohen hat seinen »Traktoristen« nicht etwa dort, sondern in den rumänischen Karpaten entdeckt. Dorthin ist er vor ein paar Jahren gereist, um verloren geglaubtes jiddisches Liedgut vor dem Untergang zu retten. Alte Zigeuner konnten sich noch an die Musik von einst erinnern. Juden gab es dort schon lange nicht mehr.

Nur der »Traktorist« hat überlebt. Kein Wunder bei einem solchen Text: »Ich bin ein Traktorfahrer, man nennt mich Chaim-Jiddl. Ich singe beim Pflügen, der Wind spielt in meinen Haaren. Zwischen den Schollen, dort findet mein Traktor seine Lieder. Lasst uns Weizen und Korn schneiden, die Arbeit ist eine solche Freude! Hey, du süßer Traktor, mein lieber Freund, hilf mir, meinen Fünfjahresplan zu erfüllen.«

Pioniere Fünfjahrespläne haben sich weder dies- noch jenseits der Karpaten durchgesetzt – auch nicht in Palästina oder Israel. Dennoch passt das Lied bestens zum Fest der ersten Früchte. Denn auch in den Liedern der Pioniere, Zionisten und Kibbuzniks geht es um Scholle und Traktor, Brot und Blintzes.

Auch der Komponist des jiddischen Gassenhauers »Oyfn Pripetschik« hat Hymnen für jüdische Pioniere in Palästina geschrieben. Der 1848 in Odessa geborene Mark Warschawsky war zwar selbst nie dort, aber sein »Lid von Broyt« spielt dennoch im fernen Sehnsuchtsland. Sehnsüchtig klingt auch der Text: »Bündelt die Ähren, Brüder, bis die Sonne untergeht. Auch wenn uns die Sonne die Haut verbrennt, so verheißen die Sonnenstrahlen doch Glück. Wie gut das Brot doch geworden ist. Lass unsere Kinder wissen von einem guten Leben auf dieser Erde – dass das Brot und jeder Bissen von unseren eigenen Feldern kommt.«

Israel ist längst kein fernes Sehnsuchtsland mehr, es existiert real. Und deshalb drehen sich zeitgenössische Schawuot-Lieder auch nicht um die Verklärung wiegender Ähren, sondern vielmehr um die religiöse Seite des Festes und die spirituelle Erfahrung der Zwiesprache Gottes mit seinem Volk in Form der Tora.

Jazz Spirituell ist auch der Song »Shavuot« des jungen israelischen Jazzsaxofonisten Shauli Einav. Dabei gehört der Musiker nicht etwa zu den Religiösen, sondern zur Generation junger israelischer Jazzmusiker, die derzeit für viel Furore in der internationalen Jazzszene sorgen. Wie so viele Musiker seines Heimatlandes ist Shauli Einav zur Ausbildung in die USA gegangen und hat sich anschließend in der Welthauptstadt des Jazz, in New York, niedergelassen. Dort hat Einav seine Karriere in Gang gebracht, um schließlich von Paris aus die Bühnen dieser Welt zu erobern.

Der Schawuot-Song des Saxofonisten ist durchaus keine Ausnahme unter jungen israelischen Musikern. Auch Einavs Landsmann Zohar Fresco kann mit einem gleichnamigen Song aufwarten. Fresco ist einer der renommiertesten Perkussionisten Israels. Er entstammt einer sefardischen Familie aus Istanbul. Zu Frescos Vorfahren zählt der türkische Komponist Itzhak Fresco, genannt auch Tanburi Ischak Efendi, der als einflussreichster türkischer Musiker der Zeit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gilt. Er hat sowohl klassische türkische Musik als auch jüdische Synagogalmusik komponiert. So erstaunt es nicht, dass sein Nachfahr Zohar keine simple west-östliche Trommelei zu bieten hat.

Zohar Fresco hat seine »Shavuot«-Komposition in sieben Takten notiert – in Anklang an die sieben Wochen zwischen Pessach und Schawuot. Entstanden war seine Idee ursprünglich beim »Tikkun Leil Shavuot«. Doch statt nächtlichen Torastudiums oder dem Lesen des Buches Ruth gab es seinerzeit Musik und Dichterlesungen, die bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Für Zohar Fresco war das eine spirituelle Erfahrung, die ihn nachhaltig geprägt hat.

Dream-teams Zohar Fresco und Shauli Einav sind mit ihren Schawuot-Songs keine seltenen Vögel in Israel. Es ist dort in Mode gekommen, gemeinsam religiöse Lieder zu singen. An vorderster Front steht die Band Tafillalt um den Sänger und Trommler Yair Harel. Seine Interpretation von »Yedid Nefesh«, eines weiteren an Schawuot sehr beliebten Liedes, ist 2009 beim New Yorker Tzadik-Label erschienen.

Nicht nur den Jazz, sondern auch den Pop hat Schawuot also inspiriert – wenngleich wir jetzt wieder bei den landwirtschaftlichen Aspekten dieses Festes angekommen sind. Darum geht es auch bei »Adama Adamati«, das von vielen Interpreten gesungen wurde, darunter auch von Esther und Abi Ofarim. Erschienen war der Song damals noch auf einer 33-Zoll-Schallplatte, die man auch mono abspielen konnte. Ein Relikt einer längst vergangenen Hifi-Ära. Und auch das Dream-Team des israelischen Pop ist längst Geschichte.

Zerbrochen ist auch ein anderes Dream-Team: Alexander Penn und Alexander Zaid. Der dichtende Boxer und Lebemann Alexander Penn hatte den Song »Adama Adamati« aus Anlass des Todes seines Freundes Alexander Zaid geschrieben, der 1938 von einem arabischen Angreifer erschossen wurde – ausgerechnet bei der Verteidigung seiner Äcker. Ein passendes Ende für den Gründer der Landverteidigungsorganisationen Bar-Giora und Haschomer.

Aber immerhin hat der tragische Tod Zaids einen Anlass für eines der schönsten Lieder geliefert, die Schawuot zu bieten hat. Sei es, weil es ganz irdisch zum Fest der Erstfrüchte oder gut zum spirituellen Wochenfest passt. Musikalisch gesehen hat man an Schawuot jedenfalls die Qual der Wahl.

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