Chanson

Musik statt Krieg

Populär in Deutschland wie in Frankreich: Barbara (1930–1997) Foto: dpa

Chanson

Musik statt Krieg

Mit ihrem Lied »Göttingen« trug die Sängerin Barbara zur Völkerverständigung bei

von Cornelia Ganitta  11.06.2020 10:19 Uhr

Wo Politiker zuweilen um Worte ringen, kommt ihnen die Musik zupass. Besser noch: das Chanson. So geschehen im Fall Barbara (1930–1997). Mit ihrem Lied »Göttingen«, das die französische Sängerin 1964 in der gleichnamigen Stadt zur Uraufführung brachte, rührte sie zu Tränen.

Obschon vielfach erzählt, lohnt der Blick zurück. Zum einen im Gedenken an Barbara, die in diesen Tagen 90 Jahre alt geworden wäre, zum anderen angesichts eines weltweit (wieder) aufkeimenden Ras­sismus. Dabei hatte Barbara nie vor, so kurz nach dem Krieg in Deutschland aufzutreten, geschweige denn, ein Chanson über blonde deutsche Kinder zu schreiben, die genauso waren wie die Kinder in Paris.

PARIS Als zweites von vier Kindern wächst Monique Andrée Serf in einer jüdischen Familie in Paris auf. Erst viele Jahre später wird sie sich, in Anlehnung an ihre Großmutter, Barbara nennen. Ihr Vater kam aus dem Elsass, ihre Mutter aus Odessa. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten landet die Familie 1943 im südfranzösischen Saint-Marcellin, wo sie sich vor dem Zugriff des mit Nazi-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regimes verstecken muss.

Zuerst wollte Barbara gar nicht in Deutschland auftreten.

Zurück in Paris, erhält Monique nach dem Krieg Gesangs- und Klavierunterricht, um schließlich ab 1947 am Pariser Konservatorium klassische Musik zu studieren. Anfang der 50er-Jahre unternimmt sie in Brüssel erste musikalische Gehversuche, indem sie vor Freunden Chansons von Edith Piaf und Juliette Gréco singt. Nach ihrer Rückkehr nach Paris lernt sie Jacques Brel und Georges Brassens kennen, mit deren Liedern sie auftritt. Nebenbei schreibt sie eigene Texte, die sie vertont und in ihr Programm aufnimmt. 1957 nimmt sie in Brüssel eine erste Single auf. Doch erst 1964 gelingt ihr der Durchbruch, mit einem Lied, das ausgerechnet in Deutschland entstand.

KLAVIER Anfang 1964 reist der Direktor des Jungen Theaters in Göttingen, Hans-Gunther Klein, nach Paris, wo er versucht, Barbara für ein Gastspiel zu engagieren, was zunächst misslingt. Die Chansonnière lehnt ab, um nur einen Tag später zuzusagen. Bei ihrem Eintreffen ein paar Monate später steht der für den Auftritt zur Bedingung gemachte Flügel nicht auf der Bühne, weshalb die Sängerin nicht konzertieren will.

Schließlich schaffen in einer spontanen Aktion zehn Studenten einen Flügel heran, den eine Dame aus dem Nachbarhaus zur Verfügung gestellt hatte. Der Auftritt kommt zustande und wird vom Publikum frenetisch gefeiert. Barbara bleibt eine Woche, in der sie an jedem Abend auftritt.

Wider Erwarten entwickelt sie während dieser Zeit eine Zuneigung zu diesem Land. Mit Folgen, wie sie später in ihrem Buch Es war einmal ein schwarzes Klavier … Unvollendete Memoiren, das 2017 auf Deutsch erschien, schrieb: »In Göttingen entdecke ich das Haus der Brüder Grimm, in dem die uns aus der Kindheit gut bekannten Märchen entstanden waren. Am letzten Mittag meines Aufenthaltes kritzelte ich ›Göttingen‹ im kleinen Garten, der an das Theater grenzte, nieder. Am letzten Abend habe ich den Text zu einer unfertigen Melodie vorgelesen und gesungen, wobei ich mich dafür entschuldigte. In Paris habe ich dieses Chanson fertiggestellt. Ich verdanke dieses Chanson also der Beharrlichkeit Gunther Kleins, zehn Studenten, einer mitfühlenden alten Dame, den kleinen blonden Kindern Göttingens, einem tiefen Verlangen nach Aussöhnung, aber nicht nach Vergessen.«

Es sind leise Zeilen wie diese, die »Göttingen« über Nacht berühmt und zu einem Plädoyer für die Völkerverständigung werden lassen: »Lasst diese Zeit nie wiederkehren / und nie mehr Hass die Welt zerstören / Es wohnen Menschen, die ich liebe / in Göttingen / in Göttingen.« Fortan nimmt die Sängerin das Lied fest in ihr Repertoire auf und produziert eine LP auf Deutsch (Barbara singt Barbara), was auch in Frankreich zu ihrer Popularität beiträgt. Hätte es das Deutsch-Französische Jugendwerk, dessen Gründung auf den »Élysée-Vertrag« von 1963 zurückgeht, nicht schon gegeben, so wäre es wohl spätestens nach Barbaras »Göttingen« erfunden worden.

EHRUNG Erst viele Jahre später wurde die Chansonnière für ihr Engagement sowohl in Deutschland als auch in Frankreich geehrt. 1988 erhielt sie die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen. Der ehemalige Spielort des Jungen Theaters wurde mit einer Gedenktafel versehen und eine Straße nach ihr benannt. 2002 nahm das französische Bildungsministerium »Göttingen« in das offizielle Schulprogramm der Vor- und Grundschulen auf. 2003 zitierte Bundeskanzler Gerhard Schröder aus dem Text des Liedes in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag des Élysée-Vertrages bei einer gemeinsamen Sitzung des Bundestags und der französischen Nationalversammlung in Versailles und bemerkte: »Was Barbara dort direkt in unsere Herzen hineingesungen hat, das war für mich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen.« 2014 erklärte der Liedermacher Reinhard May in einem »Göttingen-Feature« im Deutschlandfunk: »Alle Deutschen, die das gehört haben, werden es auch mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen haben: Man hat uns trotzdem noch lieb, obwohl wir Deutsche sind – und dieses Gefühl kann man manchmal verdammt gut gebrauchen.«

2016 brachte das Städtische Museum Göttingen eine Sonderausstellung zu Ehren der Sängerin. 2017 wurde, anlässlich ihres 20. Todestages, vom Jungen Theater in Göttingen das Schauspiel Barbara. Gegen das Vergessen von Peter Christoph Grünberg aufgeführt. Ein Jahr später erhielt eine Metrostation in Paris ihren Namen. Ihre Rezeption ist, auch dank der sozialen Medien, bis heute ungebrochen. So platzierte der deutsch-französische Kultursender Arte 2018 eine ebenso niedliche wie eingängige Animation zur Entstehungsgeschichte des Chansons auf YouTube, und ein User kommentierte: »Ein sehr schönes Chanson, doch Göttingen und Paris gibt es zum Glück an vielen Orten in Deutschland und Frankreich. Bin ein deutscher Papa von drei französischen Kindern und von einem super-tollen deutsch-französischem Enkelkind, Ich hoffe, das geht so weiter. Macht Liebe ... nicht Krieg!« Es scheint, als brauchten gerade Zeiten wie diese die ständige Erinnerung.

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