Dokumentarfilm

Mörder im O-Ton

Das radikal Böse: Leider führt der Titel in die Irre. Denn Stefan Ruzowitzkys Dokumentarfilm, der diese Woche in die Kinos kommt, zeigt, dass die Täter der Schoa eben nicht, wie der Titel unterstellt, von einem metaphysisch oder religiösen Bösen beseelt waren. Der Film untermauert vielmehr Hannah Arendts jahrzehntealte These von der »Banalität des Bösen«. Im Grunde, so Ruzowitzkys roter Faden, lässt sich fast jeder Mensch bei entsprechender Konditionierung und wenn er genug Hass beziehungsweise ideologisch geformte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit mitbringt, zu solchen Untaten bewegen.

Der Regisseur, bekannt durch unterschiedliche Werke wie den Medizinkrimi Anatomie, die Kinderanimation Hexe Lilli und das Oscar-prämierte KZ-Drama Die Fälscher, verknüpft seine Analyse der Täter mit der Frage, wie heute, da die meisten Zeitzeugen gestorben sind, eine filmische Auseinandersetzung mit der Schoa möglich ist. Das versucht er auf drei Ebenen.

quellen Da sind zunächst aus dem Off vorgetragene Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Verhörprotokolle der Mörder. Sie werden an manchen Stellen durch Quellenmaterial wie Todeslisten und Fotos sich amüsierender Soldaten illustriert. Zumeist sind Gesichter in Großaufnahme zu sehen. Im dreigeteilten Filmbild blickt neutrale Männermimik, gegeben von Schauspielern in Uniform, dem Zuschauer entgegen und will so gar nicht passen zu den Verlautbarungen der Täter, zu ihren Beschreibungen der Erschießungen und auch mal leisem Zweifel, anfänglichem Selbstmitleid und der Entschlossenheit, moralisch richtig zu handeln.

Denn wie in dem Film auch gezeigt wird, haben sich Einzelne der Abkommandierung zum Massenmord verweigert, ohne dass sie gravierende Konsequenzen befürchten mussten. Andere allerdings wollten bei Beförderungen nicht übergangen werden und mordeten deshalb mit. Auch gab es diejenigen, die sich völlig freiwillig zu den Tötungsaktionen meldeten.

Die O-Ton-Aussagen werden kurzgeschlossen mit Ergebnissen berühmter Experimente zum autoritären Charakter. Das Milgram-Experiment etwa wollte herausfinden, wie weit Konformität und normiertes Rollenverhalten Menschen dazu bringen können, anderen vermeintlich tödliche Stromstöße zu verabreichen.

Historiker Als drittes Element beim Versuch, den Massenmord zu verstehen, kommen thematisch ausgewiesene Experten – Historiker, Psychologen und Juristen – zu Wort. Mit Benjamin Ferencz äußert sich zum Beispiel der Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppenprozess. Ruzowitzky lässt den Historiker Christopher Browning auftreten, dessen Studie Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen von 1993 der Film auch wesentlich folgt.

Neben Gruppendruck und Truppenmoral werden psychologische Mechanismen wie die rasche Gewöhnung an den scheinbaren moralischen Ausnahmezustand erörtert. Auch Triumpherfahrungen im siegreichen Armeekörper sowie Blutrausch und die pure Lust am Töten werden als Aspekte des Erklärungsmusters herangeführt. Das ist alles nicht unbekannt, wird aber anschaulich vermittelt.

Weltfrieden Allerdings wird durch die Fokussierung auf Brownings Arbeit der Antisemitismus als Motor und Motiv der Mörder etwas unterbetont. Zwar klingt in den O-Tönen der Täter der Topos vom Fäden ziehenden »Weltjudentum« ebenso an wie die erlösungsantisemitische Denkfigur, dass der »Weltfrieden« erst durch die »Endlösung« möglich sein wird. Allerdings erscheint es im Film so, als sei alle Ideologie diesen normalen Männern erst durch die NS-Propagandamaschine eingetrichtert worden. Tatsächlich war Judenhass in Deutschland bereits zuvor gesellschaftlich tief verbreitet und verankert.

Dennoch: Allein, dass Stefan Ruzowitzky die verbreitete Mär vom unschuldigen deutschen Volk in einer fürs breite Publikum angelegten Dokumentation allgemeinverständlich widerlegt, ist bereits eine Leistung.

So taugt dieser Film als unbedingt notwendiges Korrektiv zu Geschichte umdeutenden Ergüssen wie der TV-Produktion Unsere Mütter, unsere Väter, in der die Deutschen zu Hitlers ersten und unfreiwilligen Opfern stilisiert wurden. Das waren sie nicht, im Gegenteil: Die Täter der Schoa entstammten einer hoch politisierten, ideologisierten und motivierten Generation. Sie taten als ganz normale Menschen alles, um als »Volksschädlinge« ausgemachte Menschengruppen zum Verschwinden zu bringen – egal wie.

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  10.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Interview

»Woher haben Sie die Noten?«

Kantor Assaf Levitin und der Verleger Christoph Koop über die Edition »Hashivenu« von Kompositionen für die Synagoge – und das Interesse auch von nichtjüdischen Chören an der Musik »Made in Germany«

von Christine Schmitt  10.08.2026

Musik

Wurde Boy George bei einem Konzert in Frankfurt sabotiert?

Techniker sollen seine In-Ear-Monitore immer lauter gedreht haben, bis der britische Pop-Star seinen Auftritt abbrach

von Imanuel Marcus  10.08.2026

Aufgegabelt

Zitronen-Zaatar-Hühnchen

Rezepte und Leckeres

 09.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Berlin

Einsatz gegen Judenhass: Iris Berben erhält Deutschen Kulturpolitikpreis

Die Schauspielerin steht nicht nur vor der Kamera, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich. Der Deutsche Kulturrat würdigt diese Leistung mit einem Preis. Igor Levit ist Laudator

 07.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  07.08.2026