Krieg gegen Israel

»Mögen wir gefestigt sein«

Naomi Henkel-Guembel überlebte den Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 2023, ich sitze in meiner Tel Aviver Wohnung, starre in die Leere und kann nicht schlafen.
Ich kann nicht schlafen und starre in die Leere. Es rasen Gedanken durch meinen Kopf, ich versuche, sie zu sortieren und weiß, dass ich mit diesem Zustand nicht allein bin. Das ganze Land ist aufgewühlt, ein ganzes Volk bangt.

In weniger als vier Tagen ist das Unvorstellbarste Realität geworden: Was wir gerade in Israel erleben, ist, laut der US-Sonderbeauftragten für Antisemitismus, Deborah Lipstadt, der tödlichste Angriff auf Juden seit der Schoa; Israel hat mehr als 1400 Todesopfer und über 3700 Verwundete zu beklagen, Tendenz steigend. Nicht zu vergessen, die Ungewissheit um die nach Gaza Entführten, deren Schicksal auf dem Spiel steht.

Simchat Tora stellt den krönenden Abschluss der Feiertagsreihe dar, die mit Rosch Haschana beginnt. Man kommt zusammen, als Gemeinschaft, als Freunde und Familie, feiert und tanzt. So weit die Parallelen zwischen den Nature-Rave-Partys nahe der Grenze zu Gaza und jenen, die den Feiertag in der Synagoge mit Torarollen begehen.

Plötzlich erschienen Terroristen, denen Menschenleben nichts wert sind.

In einer Zeit, in der die Kluft von Säkularen und Religiösen stetig zu wachsen schien, war das ein wohltuender Gedanke. Doch alles kam anders. Plötzlich waren in Süd- und Zentral-Israel die heulenden Sirenen zu hören, die losgehen, wenn Raketen nach Israel geschossen werden. Plötzlich erschienen Hunderte Terroristen, denen Menschenleben nichts wert sind.

Sirenen und Raketen-Alarm

Die Sirenen und das Aufsuchen eines möglichst sicheren Ortes bei Raketen-Alarm sind bekannte, ja leider fast routinierte, Abläufe. Die Bilder und Berichte jener, die die schiere Gewalt der Massaker und der Entführungen erlebt haben, jedoch nicht. Dies sollte ich jedoch erst wesentlich später erfahren. Stattdessen merkte ich, dass die Stimmung gedrückt ist und etwas in der Luft liegt.

Etwas, das ich jedoch noch nicht benennen konnte. Während am Vorabend die Synagogen und Straßen in Tel Aviv noch voll waren und gute Stimmung in der Stadt herrschte, ähnelte sie am Nachmittag bereits einer Geisterstadt.

Während der Hakafot, des Umzugs und Tanzens mit der Torarolle, teilte die Rabbanit die Anekdote eines Überlebenden des Warschauer Ghettos: Als die Gemeinde leise im Versteck mit all ihren Torarollen tanzte, stürmten die Nazis herein, nahmen die Rollen und verbrannten sie. Etwas später sammelten die in der Synagoge Anwesenden die Überreste auf und tanzten mit dem, was noch übrig geblieben war, als Zeichen ihrer religiösen Verpflichtung, des Widerstandes. Als Zeichen ihrer Resi­lienz.

Als Zeichen ihrer religiösen Verpflichtung: Diese Worte waren Balsam auf meiner Seele. Über die vergangenen Jahre hinweg rang ich mit der Schwere dieses Tages, dieses Anschlags, und versuchte, mit dem Erlebten einen Umgang zu finden. Wie bei jeder einschneidenden Verletzung gibt es neben den Höhen und Tiefen nicht zuletzt auch die Sorge vor den Tiefen: Welche vorsorglichen Maßnahmen muss man ergreifen, um nicht zurückgeworfen zu werden? Was hilft, wenn man doch immer wieder von dem Schmerz der Erinnerungen überwältigt wird? Es gibt eine Vielzahl an Antworten auf diese Fragen, die sich auch über die Zeit und mit den Umständen ändern.

Ich ergründe mittlerweile diese Fragen aus einer psychologischen Perspektive. Ein Zitat des Rabbiners Abraham Joshua Heschel hilft mir, immer wieder aufs Neue Kraft dafür zu finden: »Es gibt einen Sinn jenseits der Absurdität. Zeigt (…) die Gewissheit, dass jede kleine Tat zählt, dass jedes Wort Bedeutung hat.« Mittlerweile bin ich mehrheitlich in Tel Aviv und habe mich dem »Psychosozialen Erste-Hilfe-Dienst«, Tmicha Nafshit Rishonit, angeschlossen, welcher akute psychologische Beratung bei den Samstagabend-Protesten anbietet.

Etablierung und Stärkung der Resilienz

Als das Ausmaß der Ereignisse bekannt wurde, riefen wir ein landesweites Team-Meeting ein, um eine Einschätzung zu bekommen, was landesweit gebraucht wird, was sicherheitstechnisch möglich ist und wer welche Dienste zur Verfügung stellen kann. Wieder und wieder sind wir während des Meetings über die Grundsätze zur akuten Stabilisierung von Gewaltopfern sowie ihrer Angehörigen und die Leitfäden zur Etablierung und Stärkung der Resilienz in Folge der Ereignisse gegangen.

Wieder und wieder wurde uns eingeschärft, wie wichtig gerade die psychologische Beratung direkt nach den traumatischen Geschehnissen ist, um das Ausbrechen einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu verhindern.

Wir erleben gerade, wie die Bevölkerung in der wahrscheinlich größten Krise Kräfte schöpft.

Was offensichtlich erscheinen mag, ist nicht selbstverständlich: Die letzten Monate des internen Konflikts lasteten schwer auf der Bevölkerung und somit auch auf den Dienstleistern für psychische Gesundheit, sprich: Therapeutinnen und Therapeuten. Und dennoch erleben wir gerade, wie die Bevölkerung, in der wahrscheinlich größten Krise, Kräfte schöpft.

Mit der Erinnerung an die Ermordeten im Herzen und dem Bangen um die Verletzten im Kopf hat das Land zu seinem Lebenswillen zurückgefunden. Es scheint fast so, als ob ein Vers, der an Simchat Tora am Ende der Toralesung kollektiv gesagt wird, zu einem Imperativ geworden ist: Chazak, Chazak, VeNitchazek – sei stark, sei stark, und mögen wir gefestigt sein.

Naomi Henkel-Guembel überlebte den Anschlag an Jom Kippur 2019 in der Synagoge in Halle. Im Nachgang des Mordanschlags zog nach Tel Aviv, wo sie als Verhaltenstherapeutin arbeitet. Jetzt schildert sie ihre Eindrücke vom Beginn des Überfalls der Hamas auf Israel.

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  29.09.2026

Hard-Rock-Legenden

Kiss feiern 50 Jahre »Rock and Roll Over«

Eine umfangreiche Neuauflage des Albums kommt. Was ist enthalten?

 29.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Geburtstag

Streitbare Mahnerin: Lea Rosh wird 90 Jahre alt

Ihr Name ist eng verbunden mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Schon früh beschäftigte sich die Journalistin Lea Rosh mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Am Donnerstag wird sie 90 Jahre alt

von Birgit Wilke  29.09.2026

Die frühere rbb-Intendantin Patricia Schlesinger

Berlin

Strafprozess gegen Ex-RBB-Intendantin Schlesinger

Im Sommer 2022 erschüttert der RBB-Skandal den öffentlich-rechtlichen ARD-Sender. Der Fall beschäftigt auch die Justiz. Nun soll es wegen Untreue-Vorwürfen zum Prozess kommen.

 29.09.2026

Berlin

CDU-Kulturexperte schlägt Wolf Biermann für Nobelpreis vor

»Biermanns Werk, seine poetische Stimme stehen für die Unantastbarkeit individueller Freiheit als Würde des einzelnen Menschen bis heute«, schreibt Uwe Lehmann-Brauns zur Begründung

 29.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Sachsen-Anhalt

Der 7. Oktober und die Folgen: Podiumsdiskussion in Halle

Vor drei Jahren überfielen islamistische Terroristen Israel und rissen damit Gaza in einen bis heute andauernden Krieg. Zeitgleich nahmen weltweit antisemitische Ausschreitungen zu. Diskutanten erörtern die Ursachen

 28.09.2026

Berlin

Verschollene Golem-Filmmusik feiert Berliner Erstaufführung

Der Komponist Hans Landsberger, ein späteres Holocaust-Opfer, hatte die sinfonische Begleitmusik für den Film geschrieben. Seine Komposition gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Filmmusik

 28.09.2026