Graphic Novel

Mit Tallit und Pistole

Mein Vater wickelte sich in ein Betttuch, um zu meditieren»: Gewundert hat sich Benjy als kleiner Junge schon ein bisschen über die Riten bei sich zu Hause. Die Mutter sagte dazu nur achselzuckend: «Dein Vater hat eine seltsame Religion.» Aber beide baten den Jungen, nicht weiterzuerzählen, warum er samstags nicht wie die anderen Kinder zum Spielen raus konnte. Was es indes damit auf sich hatte, dass er aus einer Familie getaufter Juden stammte, erfuhr Benjamin Melendez erst in seinem zweiten Leben. Der Comic Ghetto Brothers hält nun die Geschichte dieses vergessenen Helden in Wort und Bild fest.

In seinem ersten Leben war Melendez, von allen «Yellow Benjy» genannt, ein Gang-Boss. Seine Familie verließ Puerto Rico, als er gerade wenige Jahre alt war. Als sie in den 60er-Jahren in der Bronx ankam, zählte diese nicht zu den attraktiven Wohngegenden New Yorks. Das war in den Jahrzehnten zuvor noch ganz anders, als das Viertel noch keinen stetigen Zuzug von Iren, Italienern und Juden hierher verbuchte. Im Filmklassiker Der Jazzsänger etwa läuft ein Rabbinersohn weg, um sich in der Musik zu verwirklichen. Seiner Mutter verspricht er: «Ich bringe dich in die Bronx!»

gewalt In den 60er-Jahren lebten überwiegend Farbige und Latinos in der Gegend. Wie der Alltag der anderen Bewohner war auch Benjys Tagesablauf von Gewalt bestimmt. Die Menschen besaßen nichts und schlugen sich darum. Die meist nach Straßenzügen organisierten Gangs gaben den Jugendlichen zumindest lokale Sicherheit. Benjy und die Seinen gründeten also eine eigene Bande als Familienersatz: die Ghetto Brothers. Den Namen dachte sich Benjy aus.

Die Ghetto Brothers wuchsen mit mehr als 2000 Mitgliedern zur größten Bande der Bronx an. Die Gewalt nahm dadurch aber nicht ab, im Gegenteil: Beim Versuch einer Streitschlichtung wird ein Anführer der Gang erschlagen. Alle erwarten nun den Ruf zur Rache, sind bis an die Zähne mit Pistolen bewaffnet. Doch Benjy will der Gewaltspirale entkommen und bittet die Gangs zum Versöhnungsakt.

Das hatte es zuvor noch nicht gegeben: Auf dem Friedensgipfel im Dezember 1971 schließen die Banden einen Pakt, und zumindest für einige Jahre herrscht eine erstaunliche Ruhe im Quartier. Einst gewalttätige Konflikte werden nun über Musik ausgetragen. Die Gangs besuchen gemeinsam Partys, DJs messen sich an den Plattenspielern, Breakdancer auf der Tanzfläche.

Reconquista Doch die Ruhe währt nicht lange, nach einem Angriff auf seine Frau flüchtet Melendez aus der Bronx. Eine Bekannte vermittelt ihm eine Stelle als Sozialarbeiter und setzt auch Impulse für sein zweites Leben. Von ihr erfährt er, dass sich sein Vater eben nicht in ein Betttuch hüllte, sondern in einen Tallit. Verschüttete Erinnerungen kommen hoch, und er wird sich bewusst, dass er ein «Marrano» war. «Schweine», so nannten die Spanier die Nachfahren getaufter Juden nach der Reconquista im Jahr 1492.

Melendez wird klar, dass das auch seine Geschichte ist. Auf der Suche nach sich selbst und der erwachten Jüdischkeit findet er Halt in der letzten Synagoge in seinem alten Viertel. Durch sein Judentum findet er Halt und kehrt der Ghetto-Welt zunehmend den Rücken. Selbst seiner Frau verschweigt er sein neues Ich. Sie vermutet, er sei zu den Gangs zurückgekehrt, und verlässt ihn.

Und doch findet Melendez seinen Frieden. In der letzten Szene im Buch ist er auf dem Weg zu seinen jetzt erwachsenen Kindern, die ihn kennenlernen wollen. Und er wird ihnen seine Geschichte von den Gangs, dem Waffenstillstand und dem Finden seines Glaubens erzählen.

mitreißend Bestechend in der Dramaturgie, berichtet der Comic von Melendez’ erstaunlichem Schicksal, verquickt persönliche Biografie mit der größeren Erzählung um den Ursprung der Hip-Hop-Kultur. Die individuelle Suche nach Heimat und Identität, eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, verquickt sich mit den besonderen historischen Umständen zu einer bemerkenswerten Lektüre mit parabelartigen Zügen. Vorsprünge und Rückblenden fügen sich zum mitreißenden narrativen Fluss.

Der raue Schwarz-Weiß-Stil von Claudia Ahlering vermittelt ein Gefühl des harten Lebens in der Bronx. Ihrem schnellen Strich zum Trotz sind die Comicbilder auch dokumentarischer Natur. Denn Autor Julian Voloj hat die Geschichte sorgfältig recherchiert, sich mit Melendez getroffen und Fotos der Originalorte gesammelt. Die letzte Zeichnung zeigt Benjamin Melendez mit Basecap, im Anhang lächelt er den Leser mit Tallit und Ghetto-Brothers-Jacke an. Er scheint ganz bei sich angekommen zu sein.

Julian Voloj: «Ghetto Brother: Eine Geschichte aus der Bronx». Illustriert von Claudia Ahlering. Avant-Verlag, Berlin 2015, 128 S., 19,95 €

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