Theater

Mit Kufiya und Kippa

Eine der Figuren ist ein »Judendarsteller« – ein Schauspieler, der gern Juden spielt. Foto: © Jasmin Schuller

Theater

Mit Kufiya und Kippa

Noam Brusilovskys Stück »Fake Jews« in Berlin knüpft an die Geschichte von Fabian Wolff an

von Stephen Tree  05.02.2026 13:54 Uhr

Ein kleiner, schwarzer Theaterraum, die »Box« des Deutschen Theaters Berlin, gerade groß genug für 80 Zuschauer. Darin steht eine leere Bühne mit einer altmodisch gestreiften DDR-Sesselgruppe und einem Plattenspieler, auf dem die erste, rührende Strophe von Georg Kreislers Hymnus an sein »Mütterlein« kreist.

Woraufhin sich der Raum mit Figuren füllt: dem ungenannt bleibenden Hauptdarsteller, der sich als Jude und Besitzer einer für den Verlauf des Abends zentralen Kippa vorstellt; seinem Freund David »Dave« Hirschberg, einem nichtjüdischen deutschen Schauspieler, der sich auf die Darstellung jüdischer Figuren spezialisiert hat; einer liebenden Mutter, die ihren Sohn immer wieder mit der Ermahnung »Nicht vor den Gojim!« zu zügeln versucht; einer BDS-begeisterten jüdischen Enkelin eines Zentralratsgründers und reichen Erbin namens Amalia; einer tief verletzten Ex-Freundin sowie einer ganzen Redaktionskonferenz, die den sich verzweifelt wehrenden Hauptdarsteller kühl und sachlich in die Schranken weist.

»Schauspieler des Jahres 2025«

All diese Figuren haben einen einzigen Darsteller: den wunderbaren Moritz Kienemann, »Schauspieler des Jahres 2025«, der sie im Laufe einer knapp zweistündigen, fast schmerzhaft spontan wirkenden Conference mit einer Geste, einer Umdrehung, einer Veränderung des Tonfalls, derart plastisch heraufbeschwört, dass sie ebenso präsent erscheinen wie der seine eigene Lebensgeschichte berichtende Erzähler selbst.

Alle Figuren haben einen einzigen Darsteller: den wunderbaren Moritz Kienemann.

Fake Jews, »Falsche Juden«, heißt der vom mehrfach preisgekrönten Hörspielautor Noam Brusilovsky verfasste und wirkungsvoll in Szene gesetzte Abend, dem man die eingehende Auseinandersetzung des jungen Israelis mit deutsch-jüdischen Befindlichkeiten anmerkt. Sie muss ihn fasziniert haben, seit er 2012 nach Berlin kam, wo er 2018 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch als Theaterregisseur abschloss.

Brusilovsky lässt den Abend immer wieder durch kurze Einspielungen bei dunkler Bühne unterbrechen. Dabei erläutern Zeitzeugen und Experten – wie eine Spezialistin für »Pseudologia fantastica« – ähnlich gelagerte tatsächliche Fälle und deren Hintergründe. Das schenkt Publikum wie Darstellern Verschnaufpausen, die den Spielfluss noch verdichten.

Als falscher Jude Vorteile und Status erschleichen

Auch wenn ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass hier eine »frei erfundene« Geschichte erzählt wird, sind die Bezüge zum echten »Fake-Juden« Fabian Wolff nicht zu übersehen – dem jungen Ostdeutschen, der als Stimme »israelkritischer« junger deutscher Juden gefeiert wurde und dann öffentlich eingestehen musste, dass er gar kein Jude war. Allerdings hat das »jüdische Ansehen« durch die Katastrophe des 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Krieg derart Schaden genommen, dass die Möglichkeit, sich wie der Held des Abends als falscher Jude Vorteile und Status erschleichen zu können, heute beinahe utopisch erscheint.

Auf der Bühne berichtet der Erzähler von einem Schlüsselerlebnis, als er sich, klein, dick, ausgegrenzt, im Geschichtsunterricht als Jude outet, dessen Familie im Holocaust gelitten habe. Daraufhin verbessert sich sein Standing schlagartig, und er wird von der Geschichtslehrerin zu Beiträgen für die Schülerzeitung ermutigt – eine Vorbereitung auf seine spätere journalistische Laufbahn.

Er erzählt von einem einwöchigen New-York-Aufenthalt, bei dem er sich zum »Diasporajuden« und Israel-Gegner wandelt, der nun, »als Jude«, seine deutschen Landsleute, die »Israel-liebenden Kartoffeln«, zu »Pommes« verarbeiten möchte. Durch die Vermittlung Amalias, der jüdischen BDS-Fanatikerin und Israel-Feindin, darf er seine Position »auf der großen Bühne des Deutschen Theaters« vertreten. Ein Auftritt, für den er sich von seinem Freund, dem nichtjüdischen Judendarsteller, coachen lässt.

»Jude und Mensch«

Wir sind dabei, als er mit Kufiya und Kippa als »Jude und Mensch« vor das Mikrofon tritt und frei in gemessenem Ton die große Rede beginnt. Bis unvermittelt das Mikrofon streikt, das er verzweifelt durch Klopfen zu reaktivieren versucht. Worauf auch noch das Licht ausfällt. Als die Bühne wieder hell wird, hält er einen Text in der Hand, den er stockend vom Blatt abliest: den Abschiedsbrief seiner Freundin, die von einer verkorksten Beziehung berichtet, in der jede Widerrede als »Antisemitismus« bezeichnet wurde, während sie doch wusste, dass ihr Ex-Freund, der öffentliche Jude, gar kein Jude war. Um mit dem traurigen Hinweis zu enden: »Wenn Sie den Brief bekommen, bin ich tot.«

Kann eine erfundene Person auf Persönlichkeitsrechte pochen?

Wir erleben, wie der Held daraufhin in die Zeitungsredaktion einbestellt und ihm trotz emotionaler Gegenwehr – das lasse er sich als Jude nicht bieten! – eiskalt gekündigt wird. Der Einzige, der zu ihm hält, ist der nichtjüdische Judendarsteller »Dave«, der sich nun allerdings überlegt, die Geschichte seines unglücklichen Freundes auf der Bühne nachzuspielen. Was der ihm unter Hinweis auf seine »Persönlichkeitsrechte« empört abspricht.

Das wiederum zieht die schlüssige Gegenfrage nach sich, ob denn eine »erfundene Person« Persönlichkeitsrechte habe? Die Bühne wird dunkel, der Plattenspieler dreht sich wie zu Anfang, und wir hören, wie der jüdische Chansonnier Georg Kreisler sein »Mütterlein« preist, das »nie despotisch« war und ihn »glücklich und neurotisch« zurückließ.

Premieren-Applaus ohne Ende. Einziger Kritikpunkt des Rezensenten: Bei 80 Plätzen und einem gefragten Hauptdarsteller wird die Zahl der Zuschauer dieses herausragenden Abends notgedrungen begrenzt bleiben.

Weitere Termine am Deutschen Theater am 16. Februar sowie 10., 21. und 22. März

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