Nachruf

Mit israelischer Chuzpe und Berliner Schnauze

Hellmut Stern (1928–2020) Foto: Reuters

Nachruf

Mit israelischer Chuzpe und Berliner Schnauze

Zum Tod des Geigers Hellmut Stern

von Maria Ossowski  26.03.2020 14:39 Uhr

Er war ein echter Berliner, 1928 in Friedenau geboren als Sohn gutbürgerlicher Eltern, traditionsbewusst, hochmusikalisch. Hellmut Stern besuchte die 4. Jüdische Volksschule. Seine Eltern wollten den einzigen Sohn vor antisemitischen Angriffen bewahren.

»Das Judentum spielte dabei gar keine Rolle«, erzählte Stern seinem Freund David Dambitsch. »Wir waren wirklich Deutsche. Ich kann mich auch nicht entsinnen, jemals anders gedacht zu haben. Und selbst in der Zeit des Exils, als ich doch schon erwachsen wurde, habe ich mich trotzdem immer als Deutscher gefühlt. Ich bin so geboren.«

HUNGER Hellmut Sterns Eltern, durch die Nazis verarmte Musiklehrer, verließen mit ihrem einzigen Kind Deutschland nach der Pogromnacht. Ein zerstörtes Klavier auf der Straße hat Hellmut nie vergessen. In Harbin in China geigte er auf Marktplätzen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Die Familie hungerte.

Nach dem Krieg in Israel half ihm Isaac Stern zum Engagement beim Israel Philharmonic Orchestra. Hellmut Stern lernte in dieser Zeit auch Daniel Barenboim kennen. Für Barenboim war Stern immer ein Geiger, dessen Haltung eine deutschjüdische im besten Sinne war.

Seit 1961 saß er 34 Jahre lang am Pult der Berliner Philharmoniker.

»Respekt für Kultur, Respekt für das Denken. Respekt für den Geist, ich glaube, das ist es, was Hellmut betrachtet hat als das, was Deutsche und Juden gemeinsam haben oder haben müssen«, beschreibt Barenboim Sterns Haltung. »Er war altdeutscher Musiker im besten Sinne des Wortes. Er hat an eine notwendige musikalische Disziplin geglaubt. Musik ist nicht nur eine Frage der Begabung oder des Fühlens, sondern sie hat eine moralische, ethische Basis, nach der man bestimmte Dinge nicht tut.«

HATIKVA Stern galt als charakterlich besonders aufrecht, ab 1961 saß er am ersten Pult der Berliner Philharmoniker, für 34 Jahre. Er wurde auch ihr Orchestervorstand, und zwar ein kämpferischer, der Herbert von Karajan achtete, ihm aber auch Paroli bot, wo es notwendig schien.

Sterns Traum war, das Orchester nach Israel zu führen. Unter dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Karajan war dies unmöglich. Dann starb Karajan, und 1990 ging Sterns Traum in Erfüllung – eine Reise, die zu den Höhepunkten seines Lebens zählte.

»Wir waren frei und konnten uns die Dirigenten aussuchen. Selbstverständlich wählten wir Barenboim. Mehta war Hausherr in Israel, das war natürlich ein Glücksgefühl mit den beiden. Wir hatten eine wunderbare Zeit dort, und wir sahen viele Taschentücher während der Konzerte.« Als Zugabe nach Schubert und Beethoven spielten die Philharmoniker die israelische Nationalhymne, die Hatikva.

DISKUSSION Daniel Barenboim erinnert sich mit großer Freude an diese Reise: »Es wäre für Hellmut ein unvollendetes Kapitel seines Lebens geblieben, wenn die Berliner Philharmoniker nicht nach Israel gefahren wären. Er hat alle seine Fähigkeiten eingesetzt: menschliche, künstlerische, politische, diplomatische, sogar seine Mischung aus israelischer Chuzpe und Berliner Schnauze, alles hat er zusammengetan, um unwiderstehlich zu sein.«

Nach seiner aktiven Zeit als Musiker besuchte Stern Hunderte von Schulklassen, um aufzuklären über Faschismus und Diktatur. Er bezeichnete sich gern als Berufszeitzeugen. Stern war sich nicht zu schade, sogar mit Neonazis zu diskutieren, voller Engagement. Sie seien durchaus beeindruckt gewesen, hätten aber zum Schluss oft gemeint: »Dich meinen wir nicht als Juden. Du bist okay. Aber die anderen!«

Mit Hellmut Stern ist einer der letzten Repräsentanten einer deutschjüdischen Kultur gegangen, die so nie wiederkehren kann.

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem neuen Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Aufgegabelt

Salat mit gerösteten grünen Bohnen

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  18.10.2026

Ausstellung

Hinweise auf Hamas-Symbol - Museum Friedland verschiebt Schau

Bundespräsident Steinmeier war schon angekündigt, um die erweiterte Ausstellung des Museums Friedland bei Göttingen neu zu eröffnen. Nun verschiebt sich der Termin. Hintergrund ist ein antisemitisches Symbol

 18.10.2026

Großbritannien

Wegen Unterstützung von Palestine Action: Britischer Verlag nimmt Sally Rooneys Bücher vom Markt

Die irische Bestsellerautorin ist für ihre Unterstützung der in Großbritannien als Terrorgruppe eingestuften Organisation bekannt. Sie sei bereit, die Konsequenzen zu tragen, sagt Rooney

 16.10.2026

Wolf Biermann

»Israel ist mir näher als alle übrigen Länder dieser Welt«

Der Liedermacher wird 90 Jahre alt. Ein Gespräch über den Krieg gegen Unterdrückung, seine Eltern, den 7. Oktober und über neuen Faschismus

von Tobias Kühn  16.10.2026

Boca Raton (Florida)

Billy Joel kann derzeit weder Auto fahren noch auftreten

Der jüdische Sänger, Pianist und Komponist leidet unter einer Gehirnerkrankung

 16.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich keine Flugangst mehr habe

von Katrin Richter  15.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter  15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026