Märchen

Mit der Kraft der Fantasie

Foto: Hanser

Märchen

Mit der Kraft der Fantasie

David Grossman lädt in »Die Sonnenprinzessin« zum Träumen ein

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  07.10.2016 15:59 Uhr

Stellas Mutter hat einen geheimen Auftrag: Einmal im Jahr ist sie Sonnenkönigin. Sie hilft der Sonne, auf- und wieder unterzugehen. Und Stella darf Sonnenprinzessin sein. Anfangs ist sie skeptisch. Doch dann lässt sie sich auf das Abenteuer ein. Zusammen mit ihrer Mutter steht sie vor Morgengrauen auf und schwingt sich aufs Fahrrad. Ihr Ziel sind die Hügel vor der Stadt.

Noch liegen die Straßen im Dunkeln, fliegen die Vögel lautlos, weht ein kalter Wind – nichts deutet darauf hin, dass die Nacht vorübergehen wird. Dennoch scheint Stella ihre Zweifel abgeschüttelt zu haben. Nun ist sie es – mehr noch als die Mutter –, die die Sonne zum Aufgehen bewegen will. Erst stimmt sie zaghaft in das Flüstern der Mutter ein: »Geh auf, geh auf, meine Sonne …«.

Parabel Dann beginnt sie zu tanzen, bis die Mutter mittanzt. Das Kind spielt auf seiner Flöte eine Melodie, und die Mutter summt mit – bis sich am Horizont ein heller Streifen zeigt, dessen Licht sich allmählich auf Wolken, Bäume und Stadt ergießt: Stella und ihre Mutter haben es geschafft.

Was Mutter und Tochter in David Grossmans Märchen Die Sonnenprinzessin erleben, ist eine wunderbare Parabel über die Kraft der Fantasie und die Macht der Sprache. Denn es ist etwas Besonderes, wenn man die Sonne selbst geweckt hat – alles strahlt in einem einzigartigen Licht.

Als Stella und ihre Mutter am Ende des Tages ans Meer fahren und mit ihren Worten die Sonne wieder zum Einschlafen bringen, hat Stella eine Erfahrung gemacht: Jeder kann seine Wirklichkeit selbst erschaffen. Denn was Stella und ihre Mutter bewirken können, gilt genauso für andere. Jeden Tag ist ein anderer Mensch König oder Königin, Prinz oder Prinzessin der Sonne, verrät ihr die Mutter vor dem Einschlafen. Wer es morgen sein wird, ist noch geheim.

Vorstellungskraft Das Bilderbuch von David Grossman und der Multimedia-Künstlerin Michal Rovner ist ein Märchen für Menschen jedes Alters. Gerade weil der Text eher sparsam gehalten ist, öffnet der Autor Raum für die Fantasie. Grossman zeigt, dass Menschen nicht viele Worte brauchen, um Wünsche, Träume und Vorstellungskraft in Gang zu setzen. Was im Reich der Fantasie beginnt, wirkt in die Wirklichkeit hinein.

Oft reichen eine Idee, ein Bild, ein Gegenstand, die dank der Kraft der Vorstellung und Sprache magische Kräfte freizusetzen scheinen und die Wirklichkeit buchstäblich in einem anderen Licht erstrahlen lassen. Alles ist möglich, glaube an dich und an den Wert der Fantasie – das ist das Geschenk, das Stellas Mutter ihrer Tochter mit auf den Weg gibt, indem sie sie auffordert, in eine Rolle zu schlüpfen.

David Grossman, Michal Rovner: »Die Sonnenprinzessin. Eine Gute-Nacht-Geschichte«, Übersetzt von Anne Birkenhauer. Hanser, München 2016, 48 S., 15 €

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026