Coming-out

Minderheit der Minderheit

Keine Schwiegertochter für die Mamme: Teilnehmer beim Gay Pride Day in Tel Aviv Foto: Flash 90

Der Held ist schwul. Wer hatte es geahnt? Wer gewusst? Und wer hätte das nie und nimmer von so einem gedacht? Nationalspieler vom FC Bayern München, geliebt von den Fans für seinen harten Schuss, niemals einen »schwulen Pass« geliefert, womit Fußballspieler und Trainer ein schwaches Zuspiel bezeichnen. Thomas Hitzlsperger war Profifußballer noch bis vor sechs Monaten. Zu sagen, dass er Männer liebe, wenn er auf dem Fußballfeld nach einem Tor ins Knäuel der sich gegenseitig bespringenden Kameraden geriet, hatte er nie gewagt, und auch nicht unter der Gemeinschaftsdusche. Erst jetzt, nachdem er aus dem aktiven Fußball ausgeschieden ist. Immerhin, und er lebt.

Der letzte bayerische Held, von dem man plötzlich erfuhr, dass er schwul war, wurde ermordet aufgefunden. Über 20 Jahre ist das her. Walter Sedlmayr, Münchner Volksschauspieler, Rollentyp: pfundskerliges Mannsbild. Dass so einer einen so täuschen konnte, nahm die Nachwelt dem schwulen Verblichenen postum übel.

eltern Eine jüdische Großmutter hatten weder Hitzlsperger noch Sedlmayr. Ich erwähne dies nur, um daran zu erinnern, dass sich schwuler Schlamassel noch steigern lässt. Homosexuell sein und jüdisch. Da stellt sich unter Umständen die Frage, was gesteht man wem zuerst?

Den jüdischen Eltern zuletzt. Das kann man ihnen unmöglich antun. Nach alledem? Sechs Millionen ermordete Juden, und die eigene Tochter, der eigene Sohn, verweigern der Mamme, dem Tate die Enkelchen. »Und wieso hast du uns nichts gesagt? Man hätte doch etwas tun können.«

Hätte man? Nein. Hätte man nicht. Man kann Homosexualität nicht einfach an- und abstellen. Aber das mach du mal einer jüdischen Mutter klar.

Anat hatte mir geschrieben. Sie war verzweifelt. Ihre Mutter höre nicht auf, sie an den Mann bringen zu wollen. Anat besuchte ihre Eltern regelmäßig zum Schabbes, und spätabends ging sie mit rasenden Kopfschmerzen heim. Migräne hatte die Ärztin diagnostiziert und hinzugefügt, Ursache könne unterdrückte Wut sein. So flog ich nach Jerusalem, um ihr beizustehen, wenn die 38-jährige Tochter es endlich sagen würde.

angst »Ich habe Angst, das bringt meine Mutter um.« Wir standen an einer stark befahrenen Kreuzung in Jerusalem und warteten darauf, die Straße überqueren zu können. Es war Freitag. Die Fußgängerampel hatte zweimal grün für uns gezeigt, aber die Autos fuhren einfach weiter. »Deine Mutter hat schon ganz anderes überlebt«, sagte ich, und Anat erwiderte: »Meine Eltern müssten mich doch verstehen! Gerade als Juden wissen sie, was es bedeutet, sich verstecken zu müssen vor der Umwelt. Ich habe ein Leben für mich erfunden, von dem ich jedem erzähle und das ich überhaupt nicht lebe. Soll das denn nie aufhören?« »Erwarte bitte nicht, dass deine Mutter es gut findet«, sagte ich.

Da lachte sie und küsste mich mitten auf den Mund. Neben uns hielt mit quietschenden Bremsen ein Straßenkreuzer. Weitere Autos dahinter stockten auf. Man hupte und fluchte. Aus den Fenstern der alten Limousine hingen orthodoxe junge Juden. Sie beschimpften und bespuckten uns. Das war Anat unangenehm vor mir. Aber weshalb sollten daffke orthodoxe Juden homosexuelle Juden mögen? Wegen Auschwitz?

Später, bei Anats Eltern, schlug ihr Vater die Hände vors Gesicht: »Nebbich, auch das noch.« Ihre Mutter behauptete, sie habe es sich schon lange gedacht. »Wieso«, fragte Anat, »hast du dann nichts gesagt?« Und ihre Mutter erwiderte gekränkt: »Du hast doch auch nichts gesagt.«

Ob vermehrt Nachgeborene von Überlebenden der Schoa homosexuell geworden sind? Mehr als die üblichen sechs Prozent einer Bevölkerung? Wenn dem so wäre: Weshalb? Furcht vor der Zukunft eigener jüdischer Kinder? Das wäre zu platt. Waren die Eltern, die auf wunderbare Weise überlebt hatten, so stark an diese Tochter und diesen Sohn gebunden, dass man zu keiner eigenen Elternidentität fand, ihnen das nicht nehmen durfte, ihre Bedeutung? Was durfte man diesen Eltern überhaupt antun? Danach? Nichts – und entwickelte heimlich homosexuelles Begehren, um sich eigenes Begehren zu bewahren. Wochen später rief Anat mich an. »Meine Mutter behauptet, sie habe sich damit ausgesöhnt.« Schon dieses Wort mache sie rasend. Und außerdem glaube sie es ihrer Mutter nicht. »Sie möchte einfach bloß die beste aller Mütter sein.«

bekenntnis Als der Fußballspieler Hitzlsperger öffentlich erklärte, schwul zu sein, wurde er mit Glückwünschen von heterosexueller Seite überschüttet. Man lobte den Mut des Schwulen, man kennt sich ja und weiß, dass so einer einem nicht über den Weg trauen darf. Vom Bekenntnis des Schwulen war viel die Rede. Bekennen müsste sich eine notorisch vorurteilsfreudige heterosexuelle Mitwelt. Sie tut es, wenn sie gratuliert, aber nicht einmal das will sie wahrhaben. Damit die stigmatisierende Mehrheit ihre Schuldkomplexe loswerden kann, muss die stigmatisierte Minderheit wagen, aus ihrem Versteck zu kommen. Das Risiko trägt sie allein.

Auf diese Weise hat sich die deutsche Gesellschaft allmählich daran gewöhnt, das Wort »Jude« wieder im eigenen Mund zu führen und auszusprechen. Voraussetzung für diese Entwicklung war Zeit, die verging, mindestens zwei Generationen. Voraussetzung dafür war, dass Juden damit begannen, von sich als Juden offen zu sprechen. Voraussetzung dafür war, dass »Jude« wieder ein Schimpfwort werden konnte.

schimpfwort Kinder sind da wie Tiere. Sie spüren instinktiv, bei welchem Wort die Erwachsenenwelt mit ihren verdrängten Schuldkomplexen reflexhaft zusammenzuckt. »Schwul« und »Jude«. Auf den Schulhöfen Deutschlands im Osten wie im Westen haben diese zwei Wörter Hochkonjunktur.
»Jude« und »schwul« lassen sich nicht positiv wenden. Während etwa »geil« – einstmals ein vulgärer Unterschichtsausdruck – es in die deutsche Hochsprache geschafft hat und dort als höchste Auszeichnung geführt wird, werden die Wörter »Jude« und »schwul« diese Karriere niemals machen können.

Beiden Wörtern wohnt eine Macht inne. Werden sie ausgesprochen oder gehört, verkörpern sie sich. »Schwul« verkörpert Triebhaftigkeit-Verbot-Schande, und das ist ein Spannungsverhältnis von besonderer Dynamik. Das Wort »Jude« übertrifft in seiner Wirkungsmacht jedes andere sogenannte obszöne Wort. Es schleppt fremde Schuld mit sich, lässt sie nicht ruhen und weckt nicht zuletzt darum Hass und Neid.

frauenbewegung Und wie ergeht es nun diskriminierten Minderheiten unter anderen diskriminierten Minderheiten? In der Frauenbewegung Ende des vergangenen Jahrhunderts waren die Lesben die Crème des Feminismus. Homosexuelle Frauen waren Anführerinnen und Theoretikerinnen. Lesben gingen auf die Straße gegen den Abtreibungsparagrafen. Es war eine Frage der Solidarität mit den armen Heteras. Kamen die vom Frauenplenum nach Hause, hatten sie einen Vergewaltiger vorm Fernseher sitzen und ihre plärrenden Kinder am Bein.

Als lesbische Feministin zu sagen, ich bin übrigens auch noch Jüdin und fände es wichtig, die Affinität mancher schwuler Männer und einiger lesbischer Frauen zur faschistischen Symbolik zu thematisieren, war ein Erlebnis für sich. In der deutschen Frauenbewegung war eine ungezählte Mehrheit, lesbisch wie hetero, für den palästinensischen Befreiungskampf. Ob er Palästinenserinnen auch die Gleichberechtigung brachte, war erst in zweiter Linie wichtig. Und mir sagte der feministische Führungskader: »Du bist als Jüdin nicht objektiv.«

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