Interview

»Mich zieht es nach Israel«

Max Herre Foto: Ronald Dick

Herr Herre, wie würden Sie Ihr neues Album »Hallo Welt!« beschreiben?
Es ist ein Rap-Album, auf dem viele Stile vertreten sind. Aber Rap ist der rote Faden. Musikalisch etwas auszuprobieren war mir wichtig.

Ist das Album auch politisch?
Das würde ich so nicht sagen. Obwohl sich Rap auch für politische Statements eignet. Es ist eine direkte Form der Sprache – man sagt Dinge expliziter, denn man benutzt weniger Bilder und hat dadurch einen direkten Bezug zu den Geschehnissen drum herum. Das letzte Album war emotionaler und persönlicher. Ich sehe mich als Rapper in einer bestimmten Tradition, die ihren Blick nach draußen richtet und die Wirklichkeit zeigt. Das vergangene Jahr war wahnsinnig intensiv in der Dichte der Ereignisse und der Bilder. Nehmen wir einen Song wie Aufruhr (Freedom Time) zum Beispiel – ich werde oft gefragt, ob man die gesamte Komplexität der Welt in drei Zeilen unterbringen muss. Aber es fand ja alles gleichzeitig statt. Rap schafft es, die Gewalt der Bilder stakkatoartig widerzuspiegeln.

In Ihrem Song »Berlin-Tel Aviv« geht es um die Geschichte Ihrer Familie.
Ich habe mich seit Jahren immer mal wieder mit Klezmer beschäftigt und mag vor allem die Harmonik sehr. Mit meinen Studiokollegen Samon Kawamura und Roberto Di Gioia habe ich musikalisch etwas herumgeforscht und kam auch in Berührung mit verschiedenen chassidischen Sachen. Mich interessierte vor allem die Geschichte des osteuropäischen Klezmers, der ja auch mit dem argentinischen Tango verwandt ist. Damit habe ich musikalisch experimentiert, und plötzlich war die Musik da.

Was fasziniert Sie daran?
Die Musik hat mir in gewisser Weise den Text diktiert. Ich habe mich in Berlin-Tel Aviv auf eine Reise begeben. Nämlich auf die Suche nach der Geschichte meiner Tante und die meiner Großtante. Der Song ist aus den Biografien der beiden Frauen zusammengesetzt: Tante Ruth, die in Jerusalem wohnt und heute 84 Jahre alt ist. Sie kam aus Breslau, ging nach Berlin und kam über Holland nach London, bevor sie nach Tel Aviv auswanderte. Die andere Geschichte ist die Geschichte der Familie Caspari aus Berlin. Beide Leben habe ich zu dieser einen Gesichte verdichtet. Ich wollte zeigen, wie ein Kind mit so einem Schicksal umgeht. Und wollte klarmachen: Deutschland war und ist für Juden eine Heimat.

Wie ist denn die Geschichte Ihrer Großmutter weiter verlaufen?
Meine Großmutter ist 1941/42, als das Bombardement in Berlin zu heftig wurde, mit ihrer Familie an den Bodensee gezogen. Sie war sogenannte Halbjüdin. Niemand kannte sie in diesem süddeutschen Dorf, in dem sie unerkannt überleben konnte.

Haben Sie in der Familie darüber gesprochen?
Die Geschichte meiner Großmutter und die der restlichen Familie waren immer sehr präsent.

Wie ist Ihre Verbindung zu Israel?
Immer wenn ich da bin, bin ich sehr beeindruckt. Mein Cousin wohnt in Jerusalem, und inzwischen lebt meine israelische Cousine in Berlin. Es zieht mich nach Israel - kulturell und familiär: ich komme dort an und bin Teil von etwas. Alles ist sehr inspirierend. Tel Aviv ist die vermutlich schönste Stadt am Mittelmeer. Das Wort Heimat wäre vielleicht zu groß, aber eine Art Verbundenheit gibt es schon – ich habe mich nie fremd gefühlt.

Mit dem Rapper sprach Philipp Engel.

Im Kino

Mutiges Biopic über Österreichs Ex-Kanzler: »Bruno – Der junge Kreisky«

Harald Sicheritz hat ein Biopic gedreht, das die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen der Linken an sich und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren differenziert darstellt

von Sascha Westphal  06.10.2026

Literatur

Neues Jugendbuch von Holly-Jane Rahlens: Ein eher unbekanntes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte

Displaced Persons Camps der Nachkriegszeit: Sie stehen im Zentrum eines neuen Buches von Holly-Jane Rahlens. »Frostblüten« heißt und erzählt von der Freundschaft der jüdisch-polnischen Estera und der Berlinerin Lotte

von Nina Schmedding  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Literatur

Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« mit Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

Der Preis wurde am Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse vergeben

 05.10.2026 Aktualisiert

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  05.10.2026

Zahl der Woche

136 israelische Athleten

Fun Facts und Wissenswertes

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Frankfurt

Kronen der Schrift

Im Jüdischen Museum ist die weltweit größte Privatsammlung von Rimonim zu sehen. Sie stammen aus China, dem Jemen oder Marokko. Gesammelt hat sie ein heute 100-jähriger Schweizer Jude

von Mascha Malburg  05.10.2026

Biennale Jerusalem

Aus den Tiefen ins Licht

250 Künstler aus Israel und anderen Ländern verarbeiten das Massaker des 7. Oktober

von Sabine Brandes  05.10.2026