Geschichte

Messias und Dandy

Auf keiner Fotografie sieht man Herzl jemals lachend oder nur im Ansatz lächelnd. Stets ist er mit ernster Miene zu sehen, um staatsmännisches Auftreten bemüht. Foto: ullstein

Wenn wir wissen wollen, was unter einem Dandy zu verstehen ist, dann erfahren wir mehr, wenn wir einen Blick in eines der Konversationslexika oder in die Wikipedia‐Enzyklopädie im Internet werfen. Da ist die Rede vom »Modenarren«, von dem »Mann, dessen Status, Arbeit und Existenz im Tragen von Kleidung besteht« (Thomas Carlyle, 1834), oder es findet sich der Hinweis auf den englischen »Gentleman«, jenen Herren also, der es versteht, seine Umwelt durch formvollendetes und kultiviertes Auftreten zu beeindrucken.

Auch in der jüdischen Welt gibt es den Typus des Dandy, nur bezeichnet man ihn nicht so, sondern nennt ihn meist »Schmock«, was ironisch‐abwertend gemeint ist und so viel bedeutet wie Angeber, Schönling oder Snob. Das Wort, das aus dem Jiddischen stammt und ursprünglich den Tölpel oder den Idioten meinte, wurde zunehmend benutzt, um einen unangenehmen Menschen entsprechend zu bezeichnen, oder um jemanden spöttisch zu karikieren, der eitel beziehungsweise arrogant ist, sich aber einbildet, intelligent, gutaussehend und geistreich zu sein. Friedrich Torberg hat in seinem Buch Die Tante Jolesch den »Schmock« als Synonym für den Snob beschrieben und diesem damit ein Denkmal gesetzt.

theatralik Einer derjenigen, der es perfekt verstand, die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich zu ziehen, war Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus. Herzl war, wie die zahlreichen überlieferten Porträtzeichnungen und Fotografien zeigen, eine beeindruckende Gestalt. Gutausstehend, mit ausdrucksvollen braunen Augen, meist sorgfältig gekleidet, zog er die bewundernden Blicke seiner Zeitgenossen auf sich. Das war für ihn kein Problem, sondern durchaus gewollt. Als Journalist und Bühnenschriftsteller wusste er, wie man sich in Szene setzt, um einen entsprechenden Eindruck in der Öffentlichkeit zu erwecken.

Der Kongress in Basel im August 1897, auf dem das Zionistische Grundsatzprogramm verabschiedet wurde, war von Herzl bis in die Einzelheiten höchstpersönlich geplant und organisiert worden. Nichts war dabei dem Zufall überlassen worden. Alles Wesentliche über die Tagesordnung und den künftigen Gang der Verhandlungen hatte Herzl im Vorfeld mit seinen engsten Mitarbeitern abgestimmt. Um die Feierlichkeit des Augenblicks zu unterstreichen, hatte Herzl mittels der Einladungskarten verfügt, die rund 200 Delegierten, die aus der ganzen Welt angereist waren, mögen zur Eröffnung festlich gekleidet erscheinen. »Die Leute«, so bemerkte er gegenüber seinem Mitstreiter Max Nordau, »sollen sich dran gewöhnen, in diesem Congress das Höchste und Feierlichste zu sehen.«

Manche der bei der Eröffnung des Kongresses zu beobachtenden Äußerlichkeiten reizten zu Spott. Der Eindruck einer gewissen Theatralik ließ sich nicht verbergen. Herzl, der von Anfang an im Mittelpunkt stand, genoss die Umstände des Eröffnungsablaufs. Er inszenierte und ließ spielen, wie er es als Bühnenautor kannte. Das Bild, das er den Delegierten von sich selbst vermittelte, war das Bild des Erlösers, des Befreiers, des Retters der Juden.

wirkung Als Herzl zum Rednerpult schritt, waren alle Augen auf ihn gerichtet. Minutenlang bebte alles vor begeisterten Zurufen. Es wurde getrampelt, es wurde in die Hände geklatscht, und es wurden Tücher geschwenkt. Der Ruf ertönte: »Jechi Hamelech! Lang lebe der König!« Manche der Augenzeugenberichte lassen die Erregung des Augenblicks spüren: »Es ist nicht mehr der elegante Dr. Herzl aus Wien«, äußerte sich zum Beispiel der Schriftsteller Mordechai Ben Ami (1854–1932), »es ist ein aus dem Grabe erstandener königlicher Nachkomme Davids, der uns erscheint, in der Größe und Schönheit, mit der Fantasie und Legende, die ihn umwoben haben.«

Ein anderer Teilnehmer, Mayer Ebner (1872–1955), Journalist und Schriftsteller aus Czernowitz in der Bukowina, war so überwältigt vom Auftritt Herzls, dass er davon überzeugt war, den Messias in persona vor sich zu haben: »Als ich ihn in seiner vollkommenen Schönheit sah, als ich in seine Augen blickte, die mir ein mystisches Geheimnis zu verbergen schienen, da jauchzte es in meiner Seele auf: Das ist Er, er der Ersehnte, der heiß Geliebte, der Gesalbte des Herrn, der Messias.«

stil War Theodor Herzl nun ein jüdischer Dandy, jemand, der besonderen Wert auf seine Kleidung und auf sein Auftreten legte? War er gar der Typus des eitlen Stutzers, der die Wiener Kaffeehäuser um 1900 bevölkerte? Ja und nein. Herzl gab sich so, wie er sich vermutlich selbst sah. Der Wirkung, die von ihm und seiner Person ausging, war er sich sicherlich bewusst.

Diese Wirkung versuchte Herzl möglichst überall dort vorteilhaft zur Geltung zu bringen, wo er der Ansicht war, die Stilisierung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (die Betonung der Körperhaltung und bestimmter Gesten sowie eine gewählte Art des Sprechens) könnten ihm bei der Realisierung seiner Pläne helfen. Dafür bediente er sich der verschiedensten Mittel sowohl bei öffentlichen Auftritten als auch in seinen Veröffentlichungen.

So legte Herzl, beispielsweise wenn er Texte für das Feuilleton der Neuen Freien Presse verfasste oder vor größeren Menschenansammlungen sprach, Wert auf eine gewählte Sprache. Viele der von ihm bei diesen Gelegenheiten benutzten Redewendungen waren ganz offensichtlich darauf angelegt, bei seinen Lesern beziehungsweise Zuhörern Eindruck zu schinden. Darüber verlor er allerdings nie die »eingeborene Noblesse« (Stefan Zweig) aus dem Blick. Er konnte jemanden in der Sache heftig angehen, war aber diesem gegenüber nie beleidigend, nie ausfallend, sondern stets bemüht »gentlemanlike« den Ton zu wahren.

auftreten Die Fotografien und Zeichnungen, die von Herzl überliefert sind, zeigen ihn als einen Mann, der nicht nur Wert auf sein Äußeres legte, sondern darüber hinaus auch den Eindruck zu erwecken suchte, zu Größerem berufen zu sein. Er ist geradezu um ein staatsmännisches Auftreten bemüht und blickt den Betrachter ernst an. Auf keiner der Fotografien sieht man ihn jemals lachend oder nur im Ansatz lächelnd.

Stets ist er mit ernster Miene zu sehen, den Blick starr nach vorn gerichtet, die Haltung aufrecht. Der Bart ist sorgfältig gestutzt, die Hände und Fingernägel manikürt, die Schuhe auf Hochglanz poliert. Der Eindruck drängt sich auf, dass Herzl sich als Retter gesehen hat, als jemand also, der glaubte, ihm sei von der Geschichte eine Mission übertragen worden, die er zu erfüllen habe.

Eine Karikatur, die im »Schlemihl« abgedruckt wurde, amüsiert sich über Herzls Selbstdarstellungsbemühungen. Gezeigt wird er in dieser Karikatur im Frack – und mit überlangen Hosenbeinen. Versehen ist die Zeichnung mit der kommentierenden Überschrift »Der größte Jude der Gegenwart …«. Ironie, Spott und, wenn man so will, tiefere Bedeutung gehen bei dieser Überschrift ineinander über.

fin de siècle Herzl war sicher beides: eitel und von einer Idee besessen. Ein Dandy im engeren Sinne war er hingegen nicht, auch wenn er bestimmte Eigenschaften an den Tag legte, die einen solchen Schluss zulassen. Herzl ist ein typisch »wienerischer Stil« nachgesagt worden, womit eine gewisse spielerische Leichtigkeit verbunden war. Schon seinen frühen Biografen fiel auf, wie sehr er zum Wiener Milieu des Fin de Siècle gehörte. Diese Welt hat ihn unverwechselbar geprägt. Zeitlebens orientierte er sich am Stil und Gehabe der tonangebenden Schichten Wiens. Dazu gehörte nicht nur die schon angesprochene gewählte Art des Sprechens, das theatralische In‐Szene‐Setzen, sondern auch die mit dem Auftritt verbundenen großen Gesten.

In diesem Zusammenhang muss wohl auch Herzls Bewunderung für die aristokratische Lebensform gesehen werden. Sie war ihm, was er an verschiedenen Stellen seiner Briefe und Tagebücher zu erkennen gibt, nicht nur Vorbild, sondern faszinierte ihn derart, dass er sogar von einer »jüdischen Aristokratie« in seinem zu errichtenden Judenstaat träumte. Im Judenstaat und in dem 1902 erschienenen Roman Altneuland finden sich zahlreiche Belege dafür.

selbstüberschätzung Auffallend ist jedenfalls, dass Herzl in den letzten Jahren seines Lebens in Bezug auf seinen Judenstaatsplan sehr egozentrisch wurde. Geradezu besessen von der Vorstellung, dass es ohne ihn nicht ginge, bestand er immer wieder darauf, die Grundlagen für den jüdischen Staat noch zu seinen Lebzeiten zu legen. Inwieweit Herzl hier zur Selbstüberschätzung neigte, mag dahingestellt bleiben.

Fest steht jedenfalls, dass er trotz des schlechten Gesundheitszustandes in seinen letzten Lebensjahren und trotz des Widerstandes, den seine Aktivitäten auslösten, bemüht war, den Judenstaatsplan weiter voranzutreiben. In diesem Zusammenhang verdient einer seiner letzten Briefe besondere Beachtung. Der Brief, auf dem Krankenbett an seinen Stellvertreter David Wolffsohn, den »lieben Daade«, geschrieben, enthält die merkwürdige, bis heute vielfach als rätselhaft empfundene Präsens‐Formulierung: »Machet keine Dummheiten, während ich todt bin.« (6. Mai 1904)

Das Herzl diese Formulierung »während ich todt bin« nicht unabsichtlich gewählt hatte, kann als sicher angenommen werden. Schmock, Snob, Dandy, ein »königlicher Nachkomme Davids« oder gar der erschienene Messias? In diesem eigenartig anmutenden Satz spiegelt sich wahrscheinlich von allem etwas.

Auszug aus dem Aufsatz »Der ›jüdische‹ Dandy. Die Selbstinszenierung des Theodor Herzl«, erschienen in »Der Dandy. Ein kulturhistorisches Phänomen im 19. und 20. Jahrhundert«. Hrsg.: Joachim H. Knoll, Anna‐Dorothea Ludewig und Julius H. Schoeps, De Gruyter, Berlin 2013, 304 S., 99,95 €

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