Judenfeindschaft

Meister der Sprach-Gewalt

»Was ist eigentlich besonders an diesem herumzigeunernden Israeliten?«: Martin Walser über Bob Dylan Foto: picture alliance/KEYSTONE

Judenfeindschaft

Meister der Sprach-Gewalt

Statt eines Nachrufs: Zum Tod des Schriftstellers Martin Walser

von Benjamin Ortmeyer  03.08.2023 09:47 Uhr


Über Tote soll man nur Gutes sagen, heißt es oft. Doch das lateinische Sprichwort wurde falsch übersetzt. Denn »De mortuis nihil nisi bene« bedeutet wörtlich: »Über Tote rede man nur gut.« Es geht also darum, dass man über Tote in guter, korrekter Weise spricht, also mit Tatsachen und nicht mit Verleumdungen. Die Phrase, dass über Tote nur Gutes gesagt werden darf, beruht auf einer falschen Übersetzung.

Der Schriftsteller Martin Walser ist tot, und Politiker und Presse ergehen sich in Lobtiraden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) lobt Walser als »großartigen Menschen«, Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hält den Verstorbenen für »einen bedeutenden Intellektuellen«, der »dem Seelenleben der Deutschen auf den Grund gegangen« sei, Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) spricht von »dem Jahrhundertautor in Deutschland«.

Seine Relativierung der Nazi-Zeit war schon früh von ihm fixiert worden.

Wer die Skandale um Martin Walser verfolgt hat, reibt sich verwundert die Augen: Diejenigen, die immerzu die Solidarität mit der jüdischen Gemeinde propagieren, goldene Worte zum Tod des einstigen Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis und des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki fanden – sie alle würdigen jetzt in Superlativen Martin Walser? Ob es hilft, dem Gedächtnis der Politiker mit Fakten, gut recherchierten Fakten, auf die Sprünge zu helfen?

»MORALKEULE« Frankfurt am Main, 11. Oktober 1998: »Wegschauen« / »Moralkeule« / »Monumentalisierung der Schande« / »Meinungssoldaten« / »vorgehaltene Moralpistole« – das waren die Schlagwörter der fürchterlichen Paulskirchenrede, die Walser hielt, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam.
Vier Wochen später, am 9. November 1998, dem 60. Jahrestag der Pogromnacht, analysierte und kommentierte Ignatz Bubis Walsers Rede: Es sei »geistige Brandstiftung« gewesen.

»Moralkeule Auschwitz« – die rechtsextreme »National-Zeitung« lobte Wal­sers Paulskirchenrede und druckte sie in Auszügen ab. Jahre später griffen der vom Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestufte AfD-Politiker Björn Höcke und dessen Konsorten Walsers Thesen auf.

Doch das Schlimmste an den Ereignissen der Paulskirche war nicht Martin Walser, sondern zu sehen, ja sehen zu müssen, wie die Prominenz in der Paulskirche Martin Walser stehend applaudierte, während Ida Bubis und Ignatz Bubis sehr alleine sitzen blieben. Große Teile der »Oberen Zehntausend« aus Politik- und Kulturbetrieb haben sie »sitzen gelassen«. Das war emotional einschneidend und ist es bis heute.

Auf einer Veranstaltung im Januar 1999 gegen Martin Walsers Rede erklärte der damalige Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Moritz Neumann: »All diese feinen Leute, die da geklatscht haben – das war schon ein unerhörter Beifall.« Und: »Walser ist ein Symptom.«

ROSTOCK Die Solidarität von Ignatz Bubis und der jüdischen Gemeinschaft mit den vietnamesischen Opfern der fremdenfeindlichen und rassistischen Ausschreitungen im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen passte Martin Walser nicht. In einer in der FAZ dokumentierten Auseinandersetzung zwischen ihm und Bubis sowie dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, tat er alles, um die Übergriffe in Lichtenhagen, die von manchen auch als Pogrom bezeichnet werden, zu verharmlosen (»Ich kann es einfach nicht glauben.«).

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki erkannte schon sehr früh, wes Geistes Kind Martin Walser ist, und hatte dessen die Nazi-Mitläufer verteidigenden Roman Ein springender Brunnen (1998) kritisiert. Walser war empört über die Sichtweise, dass die Menschen in der NS-Zeit »aus der Zeit verstehen« eben auch heißt, dass es eine mörderische Zeit war, die Zeit von Auschwitz, Treblinka, Buchenwald und Dachau.

Walser nutzte seine Stellung im deutschen Kulturbetrieb, um judenfeindliche Grundpositionen mit Mordfantasien in einem Roman gegen Reich-Ranicki mit dem Titel Tod eines Kritikers (2002) festzuhalten. Doch das war auch dem Suhrkamp-Verlag und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher zu viel. Aber hat es Martin Walser wirklich geschadet? Marcel Reich-Ranicki war tief getroffen, entsetzt, verwundet.

Walsers Worte »Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude« hatten Reich-Ranicki mehr als nachdenklich gemacht: »Wollte Walser ein Gleichheitszeichen setzen zwischen der Verurteilung eines Romans und der Vergasung eines Menschen?« Ja, das hat Martin Walser.

ANTIZIGANISMUS Wer frühere Romane Walsers genau gelesen hat, konnte von der Paulskirchenrede nicht wirklich überrascht sein. Sowohl sein Antiziganismus als auch seine Judenfeindschaft und seine Relativierung der Nazi-Zeit waren schon früh von ihm fixiert worden.
Sein autobiografisch konnotierter Roman Ein springender Brunnen sollte ursprünglich heißen: Der Eintritt meiner Mutter in die Partei. Um in ihrer Kneipe das SA-Publikum nicht zu verlieren, trat Walsers Mutter in die Nazi-Partei ein und »rettete« damit die Familie – eine Heldin also. In diesem Roman wird eine geschichtsrevisionistische Bösartigkeit an die andere gereiht. So gibt es Mitleid für den SS-Mann mit seiner Tätowierung.

»Armer Nanosh« (1989) hieß ein später als Kriminalroman veröffentlichter ARD-Tatort, für den Walser das Drehbuch mitverfasste. Darin reiht sich ein antiziganistisches Klischee an das andere, wie Daniel Strauß vom Verband der Sinti und Roma im Januar 1999 auf einer Veranstaltung in Frankfurt nachwies.

Bei dieser Veranstaltung sprach auch Moritz Neumann, der damalige Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Die Mütter von Strauß und Neumann waren in Auschwitz und wurden kurz vor der Befreiung ins KZ Ravensbrück deportiert. Das gemeinsame Schicksal dieser beiden Mütter symbolisiert die Solidarität zwischen beiden Gruppen.

neuerfindungen In einer seiner fürchterlichen Neuerfindungen von Worten, die er für Dichtung hielt, hat Martin Walser diesen Zusammenhang indirekt deutlich gemacht: Wie der Sozialwissenschaftler Günter Amendt berichtete, habe Walser nach einer Europa-Tournee des jüdischen Sängers und Lyrikers Bob Dylan in der Redaktion der Zeitschrift »Konkret« gefragt, was denn an diesem »herumzigeunernden Israeliten« so besonders wäre. »Herumzigeunernder Israelit« – da sieht man die ganze »Sprach-Gewalt« des Schriftstellers Martin Walser.

In Solidarität des Erinnerns mit Ida und Ignatz Bubis, mit Marcel Reich-Ranicki und all jenen, denen Martin Walser mit seinen Attacken Schmerzen zugefügt hat, bleiben die Fakten. Sie zeigen, dass der Schriftsteller durch seine Bücher, Vorträge und Lesereisen sicherlich viel verdient hat, aber auf keinen Fall die vielen Lobesworte, wie sie von den Politikern und den Feuilletons in den vergangenen Tagen ausgebreitet wurden. Das weitgehend einhellige Lob für Marin Walser ist in Wirklichkeit eine Drohung.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und leitete bis 2018 als außerplanmäßiger Professor die »Forschungsstelle NS-Pädagogik« an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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