Literatur

»Meine kleine Diaspora«

»Sex ist oft ziemlich hässlich«: Sarah Stricker Foto: dpa

Frau Stricker, Ihr Roman »Fünf Kopeken« beginnt mit dem Satz: »Meine Mutter war sehr hässlich, alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt.« Spricht Ihre Mutter noch mit Ihnen?
Ja, wir haben gerade telefoniert, um zu klären, ob sie es zu meiner nächsten Lesung schafft.

Wie hat sie reagiert, als sie die ersten Seiten gelesen hat?
Sie hat sich beschwert, dass ich ihr nur ein Kapitel und nicht gleich den ganzen Roman gegeben habe – sie wollte einfach wissen, wie’s weitergeht. Meiner echten Mutter war sofort klar, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt und nicht um eine Autobiografie.

Also ist nichts an der Geschichte wahr?
Im Gegenteil. Alles daran ist wahr! Aber das bedeutet nicht, dass sich die Handlung tatsächlich so zugetragen hätte. Eugen Ruge schreibt in seinem Roman »Cabo de Gata« sinngemäß, »diese Geschichte habe ich mir ausgedacht, um zu erzählen, wie es wirklich war«. Nur weil etwas erfunden ist, heißt es noch lange nicht, dass es nicht wahr ist. Die Themen und Gefühle, über die ich schreibe, sind ja nicht aus dem luftleeren Raum gegriffen, sondern die, die mich schon mein Leben lang beschäftigen. Auch ich kenne diese »Ohne Fleiß kein Preis«-Mentalität, das Gefühl, funktionieren zu müssen, überhaupt immer etwas müssen zu müssen. Auch ich komme aus einem kleinen Dorf und wollte unbedingt mehr sehen von der Welt. Und wie so ziemlich jede Frau, kenne natürlich auch ich Momente, in denen man fest davon überzeugt ist, abgrundtief hässlich zu sein.

»Fünf Kopeken« ist nicht nur eine irrwitzige Familiensaga, sondern auch die Geschichte einer Amour fou. Es gibt einige Sexszenen, die in ihrer Härte fast schmerzhaft zu lesen sind.
Sex ist einfach oft eine ziemlich hässliche Angelegenheit. Das ist nicht meine Schuld, sondern die der Natur. Verrenkte Glieder, rote Striemen, schwitzendes Fleisch … wenn ich schönen Sex gezeigt bekomme, beschleicht mich persönlich immer der Verdacht, dass das wahrscheinlich keinen großen Spaß gemacht hat. Im Roman gibt es aber natürlich auch Szenen, denen große Brutalität innewohnt. Das ist nicht nur beim Lesen schwer zu ertragen, sondern auch beim Schreiben. Aber es war mir wichtig zu zeigen, dass »meine Mutter« durch all das Gerede über ihre vermeintliche Hässlichkeit eine solche Distanz zu sich aufbaut, dass sie ihren eigenen Körper nur noch im Schmerz spüren kann.

Sie sind in der Pfalz aufgewachsen, einige Zeit in der Welt herumgezogen und leben jetzt in Israel. Warum gerade hier?
Ich habe mich einfach Hals über Kopf in dieses Land verliebt – irgendwann dann auch in einen Mann dort. Aber die Reihenfolge ist entscheidend! Ursprünglich bin ich mit einem Journalistenstipendium gekommen, um für die führende israelische Nachrichtenseite zu schreiben. Eigentlich sollte ich nur zwei Monate bleiben. Aber nach zwei Wochen war ich so begeistert von den Menschen, von ihrer Lust, jeden Moment zu genießen, von den Streits auf der Straße, die sich alle anhörten wie aus einem Ephraim-Kishon-Roman, dass ich wusste, hier will ich nie mehr weg.

Mittlerweile leben Sie seit vier Jahren in Tel Aviv. Ist es nicht komisch, ausgerechnet so weit weg von zu Hause über die Heimat zu schreiben?
Heimat ist etwas sehr Beängstigendes. Da lauern die alten Ichs, die unausgesprochenen Fragen, die Erinnerungen ans Schwach-Sein, ans Sich-lächerlich-Machen. Solange man da mittendrin steckt, kann man das nur schwer erfassen, es braucht einen gewissen Abstand. Die Distanz schärft den Blick. Man sieht vielleicht weniger, aber das klarer, weil man zwangsläufig fokussieren muss. Viele sehr deutsche Verhaltensweisen, wie eben ständig etwas müssen zu müssen, die Unfähigkeit, einfach mal nichts zu tun, ohne dabei von schlechtem Gewissen zerfressen zu werden, die ganzen verdrängten Ängste der Kriegsgeneration, die nicht nur in deren Kindern, sondern auch in den Enkeln bis heute weiterleben … Vieles davon ist mir erst richtig klar geworden, als ich ganz weit weg von zu Hause war. Zum anderen hat es eine Menge Vorteile, in einem Land zu schreiben, in dem niemand um einen herum die eigene Sprache spricht. Mein Freund hat keine Ahnung, was ich da eigentlich den ganzen Tag fabriziere, ist aber felsenfest davon überzeugt, dass es nobelpreisverdächtig ist. Das hilft sehr, die eigenen Selbstzweifel in Schach zu halten.

Die meisten jungen deutschen Autoren leben von guten Kontakten zu deutschsprachigen Verlagen und Schriftstellerkollegen. In Israel ist das so nicht möglich. Wie schafft man ein so erfolgreiches Debüt ohne Connections im Literaturbetrieb?
Ich glaube, meine eigene kleine Diaspora tut mir ganz gut. Natürlich gibt es Momente, wo es schön wäre, jemanden zu haben, dem man einfach mal schnell einen Absatz zeigen könnte. Aber andererseits hatte ich nie besonders große Lust auf diese Lebt-und-arbeitet-in-Berlin-Szene. Zu viel Feedback verleitet einen meiner Meinung nach zur Faulheit. Warum sich stundenlang den Kopf zerbrechen, ob ein Satz jetzt einzigartig gut oder einzigartig bescheuert ist, wenn man einfach seine Freunde fragen kann? Aber so schafft man nichts Neues. Schreiben muss wehtun, sonst kann man es gleich bleiben lassen.

Das Gespräch führte Winfried Schumacher.

Sarah Stricker, geboren 1980 in Speyer, wuchs in der Pfalz auf und lebt seit 2009 in Tel Aviv. Ihre Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Georg-K.-Glaser-Preis. Im Herbst 2013 ist ihr hochgelobter Debütroman »Fünf Kopeken« erschienen (Eichborn, Köln 2013, 512 S., 19,99 €), für den sie den Martha-Saalfeld-Preis des Landes Rheinland-Pfalz und des SWR erhielt.

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