Jubiläum

Meine Freundin, die Klarinette

Jazzmusiker Rolf Kühn Foto: Uwe Steinert

Er ist neugierig auf Musik, Geschichte und Gespräche und hat einen vollen Terminkalender: Rolf Kühn. Heute wird der Jazz-Musiker, Klarinettist und Komponist 90 Jahre alt. Der warme, runde Ton zeichnet sein Spiel aus. Immer noch.

Sofern er nicht auf Tournee ist, besucht er nahezu täglich das Gebäude vom Deutschlandradio am Innsbrucker Platz, um dort in einem Raum zu üben, und etwa einmal die Woche schaut er wenige Meter entfernt bei einem Holzbläserfachgeschäft rein, um seine Klarinette checken zu lassen.

BRUDER Dort hängen auch Plakate, die seine Konzerte ankündigen. Nun kommt bei MPs Records eine Jubiläumsbox mit teilweise unbekannten Aufnahmen heraus und der TV-Sender 3sat hat eine 90-minütige Dokumentation über ihn und seinen jüngeren Bruder Joachim, einen Jazzpianisten, ausgestrahlt.

Rolf Kühn ist einer der wenigen deutschen Jazzmusiker von internationalem Ruf.

Mehr als 70 Jahre teilt sich Rolf Kühn nun schon mit der Klarinette das Leben. »Sie ist meine Freundin und Feindin in Personalunion.« Wenn er sie ein paar Tage vernachlässige, dann nehme sie es ihm übel. »Die Strafe kommt sofort, denn die Muskeln am Mund lassen rasch nach.«

Geboren wurde Rolf in Köln als Sohn eines Zirkusartisten und einer Verkäuferin. Die kleine Familie zog aber bald nach Leipzig, wo die jüdische Gemeinde damals 13.000 Mitglieder hatte.

MUSIK Mit acht Jahren begann Rolf Kühn seine musikalische Ausbildung: Klavier, Musiktheorie und Kompositionslehre. Im Radio hörte er Klarinette und beschloss, auch dieses Instrument zu lernen. Da er als Sohn einer Jüdin nicht mehr zur Schule gehen durfte, hatte er viel Zeit, sich mit Musik zu beschäftigen, wobei das nur heimlich ging, da ihn offiziell niemand unterrichten durfte.

Sein nichtjüdischer Vater wollte weiter mit seiner Frau verheiratet bleiben und wurde deshalb aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen und musste für die Organisation Todt Zwangsarbeit leisten. »Das hinterließ Spuren, sodass er nicht alt wurde«, sagte Rolf Kühn einmal.

Als Sohn einer Jüdin durfte er nicht mehr zur Schule gehen. Auf seinem Instrument übte er heimlich.

Stolpersteine erinnern in Leipzig an seine Angehörigen, die deportiert und ermordet wurden. »Immer wenn ich in Leipzig bin, suche ich sie auf.« Die Familie überlebte die Schoa, und Rolf Kühn hatte sogar beobachtet, dass Nazis seiner Mutter in den Bunker halfen, als sie mit dem frischgeborenen Joachim Schutz vor den Bomben suchte. Viele Jahre später lebte die vierköpfige Familie noch einmal zusammen, als seine Eltern und sein Bruder die damalige DDR verlassen konnten und alle zu ihm in die Hamburger Zwei-Zimmer-Wohnung zogen. »Trotz der Enge war es eine glückliche Zeit«, sagt er.

SWING Als Rolf Kühn in der Nachkriegszeit eine Platte von Benny Goodman hörte, war er vom Swing begeistert. Seine Stationen waren: Rundfunk-Orchester Leipzig, eine Band am Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein, Rias-Tanzorchester in Berlin, dann Umzug nach Amerika, wo er schließlich im Orchester von Benny Goodman spielte, anschließend das NDR-Fernsehorchester in Hamburg, später Theater des Westens in Berlin. Dazu kommen noch Kompositionen für Filme, unter anderem für Tatort, Derrick und Dr M schlägt zu. Aber er komponierte auch für die Klarinettistin Sabine Meyer und die zwölf Cellisten des Berliner Philharmoniker.

Seine Markenzeichen: Ein unverwechselbarer Ton und die Neugier gegenüber der Musik.

Ferner erhielt er etliche Auszeichnungen wie den Echo für Jazz einmal für sein Lebenswerk und einmal als Instrumentalist des Jahres sowie die German Jazz Trophy 2018. Musikalisch bewegt er sich im Jazz, Free Jazz und Jazzrock und mag es auch heute noch zu experimentieren.

Die Frage, wie viele Platten er herausgebracht hat, kann Rolf Kühn nicht beantworten. »Es sind etliche.« Mit der jüngsten ist er auf Tournee, sie trägt den Titel »Yellow and Blue«. Auf dem Album testet er seinen Klarinettensound in überraschenden Instrumentalkombinationen aus – unter anderen mit der Body Percussion des kolumbianischen Drummers Tupac Mantilla. Er bleibt auch mit 90 Jahren seiner Neugierde und Wissbegier treu.

Nächste Konzerttermine: 17. Und 18.10, NDR, Rolf Liebermann-Studio, Hamburg, danach Salzburg, Mannheim und Ravensburg.

Zahl der Woche

7 Wochen

Fun Facts und Wissenswertes

 28.07.2026

Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

In seinem Tatsachenroman erzählt der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano die Geschichte einer verschwundenen Frau

von Knut Elstermann  28.07.2026

Aufgegabelt

Marokkanische Bällchen

Rezepte und Leckeres

 28.07.2026

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026