Literatur

Meine beste Feindin

Am Anfang steht der Verrat. Wir haben noch kaum die ersten Seiten dieser Geschichte eines neuen Namens gelesen, da konfrontiert uns die Erzählerin mit dem Vertrauensbruch, den sie an ihrer Freundin begangen hat. Lila hatte Lenu ihren größten Schatz anvertraut: eine Blechschachtel mit acht Schreibheften. Sie solle sie verwahren, aber niemals öffnen. Doch kaum ist die Freundin verschwunden, da macht sich Lenu auch schon über die Hefte her.

Sie findet darin Lilas Version der Geschichte, die die beiden erlebt haben und die Lenu in Meine geniale Freundin erzählt hat: das gemeinsame Aufwachsen im Elendsviertel im Neapel der Nachkriegszeit, die fantastische Erzählung, die sie erfinden, um dieser Welt zu entfliehen, zusammen mit einer realistischen Beschreibung jedes Details des Alltags in diesem Viertel sowie Essays. In dieser Schachtel findet sich auch die Schilderung der frühen Heirat der 15‐jährigen Lila, die schon am Hochzeitstag kein Segen ist. Und was macht Lenu mit den Aufzeichnungen? Sie kippt sie in den Fluss. Die blasse Streberin schaltet eiskalt ihre erzählerische Konkurrentin aus. Was ist das nur für eine Freundschaft?

Sensation Die Geschichte eines neuen Namens ist der zweite Teil der neapolitanischen Saga der legendenumwobenen Bestsellerautorin, die sich Elena Ferrante nennt und die weltweit ein Millionenpublikum begeistert. Sie ist eine literarische Sensation, und wohl lange ist nicht mehr so viel über eine Autorin geredet worden. Schon allein das ist ein Verdienst dieses Werkes, das erzählerisch gerne dick aufträgt.

Ferrantes Pseudonym ist geschickt gewählt, es erinnert an Elsa Morante, die wahrscheinlich bedeutendste italienische Erzählerin. Elena wiederum ist auch der Vorname der ambivalenten Heldin dieser Reihe. Aus Elena wird im Dialekt die Koseform Lenu. Diese Dopplung gehört zu dem Spiel, das die Autorin mit ihren Lesern treibt. Ist die Tetralogie wirklich die Lebensgeschichte der Autorin? Leben diese zwei Mädchen, die anarchische Lila und die bedachte Lenu, heute als erwachsene Frauen irgendwo in Italien? Es ist ein Rätsel, das Ferrante uns aufgibt. Vielleicht gibt es ja nicht nur ihre Version, also die Erzählung Lenus, die wir in den Händen halten, sondern auch die von Lila. Denn auch die kann schreiben. Der Schatz, der im Fluss schlummert, beweist es.

Dieses literarische Spiel mit den Dopplungen und Verwechslungen drohte im Herbst zerstört zu werden: Der italienische Journalist Claudio Gatti hatte versucht, die Autorin zu enttarnen. Hinter Elena Ferrante verberge sich die jüdische Übersetzerin Anita Raja, die Tochter von Golda Petzenberg, eine Überlebende der Schoa. Sie stammte ursprünglich aus Polen und war mit ihren Eltern nach Worms eingewandert. Mit zehn Jahren flüchtete Golda Petzenberg 1937 vor den Nazis aus Deutschland nach Italien. Dort heiratete sie später den Angestellten Renato Raja. 1953 brachte sie die Tochter Anita zur Welt.

Vergnügen Gatti ist ein Spaßverderber. Denn es ist gerade das Rätselraten, dieses Entdecken und Erkennen von immer neuen Wendungen, das das Lesen dieser Geschichte zu so einem unvergleichlichen Vergnügen macht.

Es ist eine seltsame Frauenfreundschaft, die Ferrante da erdacht hat. Sie ist von Bewunderung wie von Eifersucht geprägt. Selbst in ihren intimsten Augenblicken ist Lenu gedanklich bei Lila. »Antonio umarmte mich so ungestüm, dass es mir wehtat. Seine Lippen brannten, sein heißer Mund entfachte meine Gedanken und meine Phantasie.« Und was ist diese Phantasie? »Ich dachte: ›Vielleicht sind Lila und Stefano schon im Hotel.‹«

Es gibt Momente, da würde man lieber die Aufzeichnung von Lila lesen. Deren Leben erscheint deutlich aufregender. Aber auch das ist vielleicht nur Teil des Spiels. Lila ist durch ihre Heirat zu Wohlstand gekommen, sie lebt in all dem Luxus, von dem kleine Mädchen träumen. Sie hat eine große Wohnung, einen reichen Mann, schöne Kleider, eine Hochzeitsreise nach Amalfi, einen Beruf. Doch was ein Befreiungsschlag werden sollte, ist ins Gegenteil verkehrt. Die Ehe ist ein Gefängnis, und den Reichtum verdankt Lilas Mann seinen Geschäften mit der Camorra, den Solara‐Brüdern, die das Viertel kontrollieren.

Rebellin Lila wird vergewaltigt. Doch sie wird nicht gebrochen, sie ist immer noch die schöne Rebellin des ersten Bandes. Sie verlässt ihren Mann, kehrt zurück, verlässt ihn wieder. Sie nimmt sich einen Liebhaber, den sie indes wieder verliert. Sie wird schwanger, verliert das Kind, wird wieder schwanger. Es ist eine Unruhe in dieser Figur, ein ständiges Hin und Her, obwohl ihre Richtung immer klar ist: raus aus diesen Verhältnissen.

Lenu hingegen verfolgt das Leben, von dem einst beide träumten. Sie macht Abitur, geht zum Studium nach Pisa, verlobt sich. Doch all das wird eher nebenher erzählt. Es ist wie mit den verschiedenen Männern, mit denen sie sich einlassen wird: Es geschieht ohne Leidenschaft. Zentrum der Erzählung bleibt Lila. Lenu ist gebunden von dieser »verführerischen Kraft«, die von ihr ausgeht. Sie selbst fühlt sich oft als ein sprechendes Plagiat, eine hohle Spiegelung.

»Wie peinlich war dieses Anhäufen aufgeregter Worte gewesen«, notiert sie nach einem Abend, den sie mit linken Intellektuellen verbracht hat, »ohne logischen Zusammenhang, ohne Gelassenheit, ohne Ironie.« Dem Arbeiterkind, das aufsteigen will, fehlt der Habitus, mit dem die Bürgerkinder wie selbstverständlich aufgewachsen sind.

bildung Denn noch ein anderer Verrat steht am Anfang der Geschichte der beiden Frauen. Durch Bildung, so hofften sie, würden sie ihrer Herkunft entkommen. Jede hat einen anderen Weg gewählt, sie leben alternative Versionen eines Frauenlebens. Doch der Versuch, sich aus der von Männern und Gewalt dominierten Welt ihrer Kindheit zu lösen, droht zu scheitern.

Wie kann Emanzipation gelingen? Es ist diese Frage, die sich durch die gesamte Saga von Elena Ferrante zieht. Lila versucht, die Welt in der sie lebt zu verändern. Lenu versucht, der Welt, zu entfliehen. So richtig weit kommen beide in den ersten Bänden nicht.

Immerhin ist Lenu Autorin geworden, Lila hingegen lernt programmieren und erzieht ihr Kind nach den Ideen von Maria Montessori. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Einen Ausblick haben wir bereits durch den Titel des dritten Bandes: Die Geschichte der getrennten Wege.

Elena Ferrante: »Die Geschichte eines neuen Namens«. Suhrkamp, Berlin 2017, 624 S., 25 €

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