Redezeit

»Mein Verhältnis zu Deutschland hat sich geändert«

Thomas Harding Foto: Charlie McCormick

Herr Harding, nach dem Brexit-Referendum haben Sie sich entschlossen, einen deutschen Pass zu beantragen. Warum?
Die Antwort darauf ist eigentlich recht einfach. Ich wollte mir einfach nicht die Möglichkeit nehmen lassen, in 27 anderen Staaten leben und arbeiten zu können. Etwas komplizierter wird es, wenn man sich mein Verhältnis zu Deutschland anschaut. Meine Familie musste vor dem Holocaust fliehen. Als ich aufwuchs, hatte ich eine sehr negative Einstellung zu diesem Land. Wenn ich nach Deutschland reiste und Menschen in einem gewissen Alter sah, fragte ich mich automatisch, was sie wohl im Krieg gemacht hatten. Ich lernte in der Schule kein Deutsch. Wir fuhren in den Ferien nach Italien oder Frankreich. Meine Familie wollte generell britischer als die Briten selbst sein, denn sie war dem Land sehr dankbar, dass es sie als Flüchtlinge aufgenommen hat.

Wie haben Sie sich Deutschland angenähert?
Ich habe, während ich mein Buch »Hanns und Rudolf« geschrieben habe, Zeit hier verbracht, habe viele herzliche, offene und wundervolle Deutsche kennengelernt. Das hat mein Verhältnis zum Land geändert. Nach und nach sind dann auch Mitglieder der Familie mit mir nach Deutschland gekommen. Was mich allerdings auch enorm bewegt hat, war die Entscheidung Deutschlands, über eine Million Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern aufzunehmen. Darunter waren übrigens auch neun Mitglieder meiner Familie. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Wie hat Ihre Familie oder Ihre Freunde auf Ihre Entscheidung reagiert, einen deutschen Pass zu beantragen?
Nun, die Reaktionen waren durchwachsen. Einige wollten sofort alles darüber wissen. Mein Vater sagte zu mir, dass sich seine Mutter im Grab umdrehen würde, wenn sie das wüsste. Aber gleichzeitig half er mir, mich um die Staatsbürgerschaft zu bewerben. Es ist kompliziert.

Wie haben Sie den Abend des Referendums in Erinnerung?
Ich bin natürlich aufgeblieben und habe die Nachrichten gesehen, konnte nicht glauben, was ich hörte. Ich denke, dass es eine äußerst dumme Entscheidung war. Wir haben einen Schritt zurück gemacht. Natürlich macht die EU auch Fehler, aber sie ist doch im Großen und Ganzen eine gute Institution. Britische Politiker – besondern David Cameron – haben fundamentale Fehler gemacht. Die Art und Weise wie Cameron dieses Referendum angesetzt hat, war sehr leichtsinnig.

Warum finden sich immer mehr Menschen mit einfachen Antworten auf vielschichtige Sachverhalte ab, und scheinen sich keine Gedanken über die Folgen zu machen?
Sie meinen, was aus Großbritannien geworden ist? Nun, einige Teile des Landes haben sich vernachlässigt gefühlt. Und Politiker nutzen populistische Thesen, um Stimmungen anzuheizen und um mit Ängsten zu spielen. Und hätten jüngere Leute abstimmen dürfen, wäre das Ergebnis anders ausgefallen.

Wie sehen Sie die Zukunft Europas?
Ich bin natürlich kein Politik-Experte, aber ich denke, dass der Ansatz, eine Union aus 27 Staaten zu haben sehr kompliziert ist. Es sollte mehr Vielfalt in der Art und Weise geben, welche Beziehung die Staaten zu Europa haben. Eine Art Vereinigte Staaten von Amerika auf europäisch, das funktioniert nicht. Aber die Europäische Union muss Stabilität bieten.

Ein ganz anderes Thema hat Sie in der Vergangenheit auch beschäftigt. Das Haus am See. Was hat es damit auf sich?
Diese Haus wurde von meinem Urgroßvater Alfred Alexander gebaut. Er war in den 20er- und 30er-Jahren ein prominenter Arzt in Berlin und hatte viele berühmte Patienten wie Albert Einstein, Marlene Dietrich oder Max Reinhardt. Er hatte dieses wunderschöne Haus am See, das er bei seiner Flucht zurücklassen musste. Diesem Grundstück ist so viel Geschichte widerfahren: Die Mauer verlief mitten durch den Garten, die Russen hatten das Dorf besetzt und die Menschen dort terrorisiert. Heute gehört es der Stadt Potsdam, und wir arbeiten gerade daran, in dem Haus ein Zentrum für Bildung und Aussöhnung zu errichten. Die Anwohner und die lokalen Poltiker haben so wunderbare Arbeit geleistet, um dieses Projekt bis hierhin zu verwirklichen. Es wird ziemlich toll werden.

Mit dem Schriftsteller sprach Katrin Richter.

www.thomasharding.com

Berlin

»Nicht vom Himmel gefallen«

Das Tikvah Institut fragte auf der Tagung »Kunstfreiheit als Ausrede?«, warum die documenta aus dem Ruder lief 

von Ralf Balke  05.12.2022

Interview

»Oft fühlt man falsch«

Oliver Polak über die Herausforderungen der modernen Liebe und sein neues Buch

von Martin Schubert  04.12.2022

Yaara Keydar

»Frauen waren alles für ihn«

Die Kuratorin über den israelischen Designer Alber Elbaz, eine Ausstellung in Holon und historische Mode

von Katrin Richter  04.12.2022

documenta

»Eine Schar aus Beschwichtigern, Relativierern, Leugnern«

Israels Botschafter Ron Prosor beklagt einen beunruhigenden Antisemitismus aus dem linken politischen Spektrum

 02.12.2022

Zahl der Woche

462 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 02.12.2022

Berlin

150 Jahre Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

Sie galt als eine der wichtigsten jüdischen Bildungsstätten – bis sie 1942 von den Nazis geschlossen wurde

von Lilly Wolter  01.12.2022

Festakt

Fritz Bauer posthum geehrt

Mehr als 50 Jahre nach seinem Tod ist der ehemalige hessische Generalstaatsanwalt mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille ausgezeichnet worden

 01.12.2022

Dokumentarfilm

Die Dinge verlangen nach einer Erzählung

In »Eine Frau« spürt Jeanine Meerapfel 40 Jahre nach ihrem Debüt »Malou« erneut dem Leben ihrer Mutter nach

von Joshua Schultheis  01.12.2022

Musical

Biografische Parallelen

An mehreren Häusern wird derzeit Kurt Weills »Lady in the Dark« aufgeführt. Der Dirigent David Stern spricht von einer Renaissance

von Claudia Irle-Utsch  01.12.2022