Fernsehen

Mein Leben in der Lindenstraße

Mit einem fröhlichen und lang gezogenen »Shaloooom, Ma Nishma?!« begrüßt mich Es­ter Amrami am Set. Es ist mein erster Drehtag seit der Schreckensnachricht: dem angekündigten Ende der Lindenstraße. Es wird jetzt auf ewig ein Davor und Danach geben, und die Kollegen tuscheln in den Gängen darüber, wo und bei wem sie gerade waren, als »die« Nachricht ins Haus flatterte.

Wie bei anderen einschneidenden Ereignissen wird jeder von uns nun immer wieder diese Geschichte erzählen, wo wir waren, als unser paralleles Leben in der Lindenstraße zu Ende ging.

IWRIT Unsere Regisseurin Ester Amrami ist Israelin, sie summt den ganzen Tag Isra‐Pop‐Hits auf Iwrit, und ich könnte gerade nicht dankbarer sein, mit ihr arbeiten zu dürfen. Mit Ester wird kein Trübsal geblasen, sondern mit Élan und Freude gearbeitet, das Leben geht weiter; sie fragt mich, ob ich zur Weihnachtsfeier des Ensembles am 8. Dezember meine Channukia mitbringe, mit dem Öl und den Kerzen, denn noch hoffe sie auf ein kleines Chanukka‐Wunder. Natürlich werde ich das tun, wir müssen schließlich zusammenhalten.

Iffi Zenker veränderte mein Leben – und das von Millionen Zuschauern.

Es fühlt sich an wie ein angekündigter Tod oder wie das angekündigte Ende einer Beziehung; ein Jahr machen wir noch, aber dann ist Schluss. Meine Beziehung zur Lindenstraße und ihren Bewohnern wird im Oktober 2019 ihr 30‐jähriges Jubiläum feiern. 30 Jahre meines Lebens haben in Spitzenzeiten bis zu elf Millionen Zuschauer jeden Sonntag auf den Bildschirmen verfolgen können.

ANFÄNGE Ein Blick zurück zu den Anfängen: Es ist ein klirrend‐kalter Februarmorgen, als mein Vater und ich in der damals dunklen eleganten Lobby des Kölner Dom‐Hotels auf Mike Reichenbach warten. Mike ist Schauspieler und der Sohn des bekannten Zirkus‐Impresarios Karl‐Heinz Reichenbach, der meinen Vater schon lange kennt. Mike hat den Kontakt zu Horst D. Scheel hergestellt, dem Casting Director der Lindenstraße.

Ich bin elf Jahre alt, ein bleiches dünnes Ding mit ein paar Sommersprossen auf der Nase und zwei langen roten Zöpfen. Ich trage Karottenjeans und Turnschuhe mit Klettverschluss. Es ist das Jahr 1989, es gibt noch keine Smartphones und noch nicht einmal den Gameboy, deshalb habe ich zum Zeitvertreib einen Pferderoman dabei. Ich ahne um 10.30 Uhr im Dom‐Hotel noch nicht, dass ich die Geschichte über Billy und ihr Shetlandpony noch zwei Mal durchlesen werde, bevor mich irgendeine Kamera zu Gesicht bekommt. Von den langen Wartezeiten beim Fernsehen habe ich noch keine Ahnung.

Am Ende eines langen Tages steht fest: Ab Oktober werde ich die »Iffi Zenker« darstellen und dafür meine Familie im Zirkus verlassen, um gleichzeitig in Köln ein neues Leben als Schauspielerin zu beginnen und das Ursulinen‐Gymnasium zu besuchen.

NEUGIER Der Abschied von allem, was mir lieb und vertraut war, fiel mir damals schwer, und dennoch überwog meine Neugier auf dieses neue Leben. Mit dem Anruf aus Köln und der Einladung zu den Probeaufnahmen war eine Tür geöffnet worden, die ich nicht einfach wieder schließen konnte, obwohl damals mein spontaner Impuls war, den ersten Drehtag abzusagen. Und nun, 30 Jahre später, verbringe ich zufällig einen freien Tag bei meinen Eltern in Einbeck und bekomme, bei einem Spaziergang mit dem Hund, einen Screenshot von einem lieben Freund aus Zürich zugeschickt.

»Lindenstraße wird eingestellt!«, steht da in großen Lettern. Wow. Ob ich das nicht gewusst hätte? Nein, ich wusste von nichts, nun denn. Den Kollegen in Köln, Berlin und München geht es wohl ähnlich, denn plötzlich steht mein Telefon nicht mehr still. Hysterie liegt in der Luft, ich beeile mich, nach Hause zu kommen, um meinen Eltern die Nachricht persönlich zu überbringen. Aus dem Fernsehen von der baldigen Arbeitslosigkeit der Tochter zu erfahren, möchte ich beiden gerne ersparen, mein Vater ist 87, da möchte man unliebsame Überraschungen möglichst vermeiden.

Ich bin erstaunlich ruhig, und auch meine Eltern reagieren überraschenderweise sehr gelassen auf diese Nachricht. »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei«, sagt meine Mutter. Ich glaube, dies war einer der ersten deutschen Sätze, die sie damals, 1975, gelernt hat – was drin ist, ist drin. Mein Vater geht es philosophischer an und fragt sich, welches Programm in der deutschen Fernsehlandschaft sich nun den Problemen der Gesellschaft annehmen, zur Toleranz und Nächstenliebe mahnen und manchmal unaufgeregt dazu aufrufen wird, locker durch die Hose zu atmen oder eben auch seine Stimme zu erheben.

PROBLEME In der Sendung hatten alle gesellschaftlichen Themen Platz. Besonders, wenn es wehtat, legten die Bewohner der Lindenstraße gerne noch den Finger in die Wunde, und das wird es, nachdem die letzten Folgen im Frühjahr 2020 über den Sender gehen, leider nicht mehr geben.

Die Lindenstraße ermöglichte mir ein paralleles, zweites Leben, in dem einiges los war, von der Schwangerschaft mit 15 zur – für ihn – tödlich endenden Affäre mit dem Schwiegervater, zwei Ehen und zwei Scheidungen, zwei Kinder, zwei Fehlgeburten und eine Abtreibung, eine beispiellose Karriere von der Fahrradladenbesitzerin zur Diplom‐Biologin mit dreijährigem Australien‐Aufenthalt bis hin zur derzeit glücklichen Geliebten eines haarigen Verschwörungstheoretikers mit leichter Rechtslastigkeit. Da wird man als Rebecca im wirklichen Leben freiwillig eher der loyale Typ.

Ich bin Schauspielerin und werde, auch nachdem die letzte Klappe in Köln‐Bocklemünd gefallen ist, weiter schauspielern, daran habe ich keinen Zweifel. Es ist mir unmöglich, mich wie manche Kollegen an den letzten Strohhalm zu klammern und zu hoffen, dass eventuell ein anderer Sender die mir zur Heimat gewordene Serie kauft oder wir gar von Netflix oder Amazon Prime übernommen werden.

Ich möchte nicht klagen. Sind Abschiede nicht immer auch ein Neuanfang?

Klar wäre das prima. Aber sind Abschiede nicht immer auch ein Neuanfang? Es fällt mir schwer, ins allgemeine Klagen einzustimmen, haben doch Abschiede in meinem bisherigen Leben neue Türen geöffnet und mich auf Wege geführt, die ich sonst nie entdeckt hätte. Und ist es nicht auch eine jüdische Stärke, sich sehr schnell auf neue Ereignisse einzustellen? Wir beten nicht darum, dass etwas nicht passiert, sondern überlegen uns, wie wir in der neuen Situation überleben werden.

Oder wie ein Freund aus Raanana mir nach der Ankündigung des Lindenstraße-Endes schrieb: »Wir haben den ägyptischen Pharao überlebt, die Römer, die Kreuzzügler und die katholische Inquisition. Du wirst auch diese Serie überleben. Es wird weitergehen.« L’chaim!

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