Literatur

Mehr als der Erfinder von »Bambi«

Felix Salten, Autor von »Bambi« und »Josefine Mutzenbacher, die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt« Foto: dpa

Literatur

Mehr als der Erfinder von »Bambi«

Heute vor 75 Jahren starb der Schriftsteller Felix Salten

von Birgitta Negel-Täuber  08.10.2020 12:06 Uhr

Wenn die Rede auf Felix Salten kommt, werden meist tierische Metaphern bemüht - etwa schräger Vogel oder bunter Hund. Der Name des Autors dürfte den meisten Menschen unbekannt sein, aber zumindest ein seiner Werke kennt wohl jeder: »Bambi«. Sein Erfinder war Jäger, ansonsten aber ein Großstadtmensch. Der süße kleine Hirsch erblickte 1923 in Wien das Licht der Welt und erlangte vor allem durch die gleichnamigen Disney-Filme Weltruhm. Vor 75 Jahren, am 8. Oktober 1945, starb sein Erfinder.

Der ungarisch-österreichische Schriftsteller und Journalist war bienenfleißig. Das war auch nötig, denn im Gegensatz zu seinen Schriftsteller-Freunden der Gruppe »Jung Wien« hatte er keinen großbürgerlichen Hintergrund und musste sich sein Geld selbst verdienen. Das gelang ihm mal mehr, mal weniger gut.

ERFOLG An Ideen und Fleiß mangelte es ihm nicht, eher am nötigen Geschäftssinn. Diese Schwäche hatte er möglicherweise von seinem Vater geerbt. Der Unternehmer Philipp Salzmann hatte ebenfalls wenig wirtschaftlichen Erfolg. Sein Sohn Siegmund - so hieß Salten, bevor er sich 1911 seinen neuen Namen zulegte - musste deshalb vorzeitig das Gymnasium verlassen und begann sein Berufsleben bei einer Versicherung.

Saltens Werk »Josefine Mutzenbacher, die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt« schlug hohe Wellen.

Geboren wurde er in Pest, später ein Teil der ungarischen Hauptstadt Budapest, wuchs aber in Wien auf. Von der Versicherung verabschiedete er sich rasch, seine Leidenschaft galt der Literatur und dem Theater. Salten knüpfte Kontakte in die Künstlerszene und wurde Mitarbeiter zahlreicher Kulturzeitschriften. Nebenbei pflegte er seine literarischen Ambitionen, schrieb Romane, Theaterstücke und Erzählungen. Zu seinem Freundeskreis gehörten etwa Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal.

KLATSCH Besonders wichtig war ihm seine Tätigkeit für die »Wiener Allgemeine Zeitung«. Salten schrieb unter anderem Rezensionen zu Aufführungen im Burgtheater, was mehrere Vorteile hatte: Er konnte seine Freunde mit positiven Kritiken fördern und hatte gleichzeitig Kontakt zu jungen Schauspielerinnen. Eine von ihnen heiratete er schließlich: Ottilie Metzl. Zwei Kinder bekam das Paar.

Salten schrieb schnell und viel. Ab 1928 gab der Zsolnay-Verlag eine Werkausgabe heraus, die schließlich auf sechs Bände anwuchs. Vieles veröffentlichte er auch unter Pseudonymen. Dazu gehörten aber nicht die Klatsch- und Tratschgeschichten aus der Hofburg. Salten hatte sich mit einem Erzherzog angefreundet, der ihn mit Informationen vom Kaiserhof versorgte. Durch diese Berichte wurde Salten auch überregional bekannt.

Ein anderes Werk schlug noch weit höhere Wellen: »Josefine Mutzenbacher, die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt« erschien 1906 anonym, wurde aber schnell sowohl Schnitzer als auch Salten zugeschrieben. Schnitzler dementierte, Salten nicht.

»PORNOGRAPHIE« Allerdings erhob er niemals Ansprüche aus dem Urheberrecht. Die wären lukrativ gewesen, denn »die Mutzenbacher« erlebte zahllose Auflagen, Fortsetzungen und Verfilmungen. Als »erotisches Meisterwerk« gepriesen und als »Pornographie« geschmäht, wurde das Buch Gegenstand zahlreicher Prozesse und erst 2017 endgültig von der Liste jugendgefährdender Schriften gestrichen.

Er war Zionist und beförderte die jüdische Besiedelung Palästinas mit literarischen Mitteln.

Salten war in jeder Beziehung ein Kind seiner Zeit. Zu dieser gehörte die Wiener Moderne, die untergehende Donaumonarchie, die Ideologie des Nationalismus, aber auch das Medium Film und die nach dem Ersten Weltkrieg erstarkenden autoritären und faschistischen Regime. All das konnte den Juden Salten nicht unberührt lassen. Er war Zionist und beförderte die jüdische Besiedelung Palästinas mit literarischen Mitteln. Andererseits setzte er sich als Präsident des österreichischen PEN-Clubs massiver Kritik aus. Josef Roth etwa warf ihm eine allzu sehr auf Kompromiss ausgerichtete Haltung gegenüber den Nationalsozialisten vor.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Salten in Sicherheit in der Schweiz. Seine Tochter hatte ihm ein Visum verschafft, das allerdings mit einem Publikationsverbot verbunden war. So verstummte die Stimme des umtriebigen Wieners, an den heute nur noch zwei höchst unterschiedliche Bücher erinnern: »Bambi« und »Josefine Mutzenbacher«.

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich die schlechte Antwerpener Luft so manchem Insekt vorziehe

von Margalit Edelstein  12.05.2026

Ausstellung

Zerstörung bauen

Das Jüdische Museum Berlin würdigt das Werk von Daniel Libeskind und feiert den 80. Geburtstag des Architekten

von Thomas Sparr  12.05.2026

Eurovision Song Contest

Autor von Kultserie macht TV-Sender schwere Vorwürfe

Irlands Sender RTÉ boykottiert den diesjährigen ESC, weil Israel daran teilnimmt. Jetzt kommt Gegenwind: Drehbuchautor Graham Linehan will nicht, dass zeitgleich eine Episode der von ihm mitgeschaffenen Sitcom »Father Ted« ausgestrahlt wird

 12.05.2026

Serie

Filmemacher: Tagebuch von Etty Hillesum als Pflichtlektüre an Schulen

Die jüdische Autorin Etty Hillesum wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Eine Serie über den Holocaust ist »Etty« jedoch nicht: Es geht vielmehr um ihr Leben und ihre Ideen - die heute höchst aktuell erscheinen

von Paula Konersmann  12.05.2026

Eurovision

Weimer fährt für Israels ESC-Auftritt nach Wien

»Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten«, sagt der Kulturstaatsminister

 12.05.2026

Filmfestivals

Regisseurin: Filmfeste müssen politische Debatten aushalten

Wird es in Cannes ähnlich politisch wie bei der Berlinale?

 12.05.2026

Fernsehen

»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Amsterdam 1941: Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum besiegt ihre Ängste und erlebt eine große Liebe. Sie führt Tagebuch, das viele weltweit berührt. Nun ist es verfilmt worden

von Annette Birschel  12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026

Wien

Wie gewinnt man eigentlich den ESC?

Ein Lied über Krieg? Ein queerer Act? Oder ein Song, über den vor allem Jurys jubeln? Viele Thesen kursieren, wie man den Eurovision Song Contest gewinnt. Zeit für eine Annäherung kurz vor dem Finale

von Gregor Tholl, Jonas-Erik Schmidt  12.05.2026