Kulturkolumne

Meditieren mit Guru oder mit der Techniker Krankenkasse?

Foto: Getty Images

Seit Jahren oder, um die Wahrheit zu sagen, seit Jahrzehnten versuche ich, ein ruhiger, gelassener, ausgeglichener Mensch zu werden. Wohlmeinende Freunde haben mir schon lange geraten, endlich »Mindfulness« beziehungsweise das deutsche Äquivalent, nämlich Achtsamkeit, zu trainieren.

Um es vorwegzunehmen: Im ersten Anlauf bin ich krachend gescheitert. Einen teuren Kurs in der Charité, bei dem man sich in der ersten von insgesamt acht Einheiten darauf konzentrieren sollte, eine Rosine achtsam wahrzunehmen, habe ich im Jahr 2015 nach der vierten Einheit unter Protest verlassen. An den Grund meines Streits mit dem Kursleiter kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass mir 100 andere Dinge durch den Kopf gingen statt der blöden Rosine. Schade um das Geld! Achtsamkeitsmäßig fühlte ich mich wie eine echte Versagerin.

Ich weiß nur noch, dass mir 100 andere Dinge durch den Kopf gingen statt der blöden Rosine. Schade um das Geld!

»Du bist der einzige Mensch, der achtspurig denken kann«, sagte einmal eine Freundin zu mir, die inzwischen nicht mehr meine Freundin ist. Wahrscheinlich war ich ihr zu anstrengend. Oder ich habe ihr nicht zugehört, weil die acht Spuren (in Wahrheit sind es nur sechs) in meinem Kopf so laut waren. Was meinen Sie, wie viele Kolumnen ich in meinem Leben schon hätte schreiben könnte, wenn ich nicht immer an sechs Kolumnen auf einmal denken würde? Jedenfalls habe ich aus meiner Kurserfahrung geschlussfolgert, dass Meditation etwas für achtsame Menschen ist und nichts für mich.

Auch die Appelle meines Mannes, endlich achtsamer (das heißt langsamer) zu essen, verhallten ungehört. Ich esse immer noch jeden Teller in zwei Minuten leer und denke dabei an die nächsten sechs Kolumnen. Wahrscheinlich bekomme ich irgendwann ein Magengeschwür.

Dann kamen der 24. Februar, der 7. Oktober, zwei Kriege und andere Sorgen. Ein Freund empfahl mir eine beliebte Mindfulness-App aus den USA: den »Waking Up Course« von Sam Harris. Der Philosoph und Neurowissenschaftler (einer aus unserem Stamm, wie ich feststellte) ist zwar ein bisschen esoterisch, dafür aber Atheist. Eigentlich ein gutes Match. Außerdem hat er eine verführerische Stimme. Ich ließ mich für ein kostenloses Probe-Abo freischalten und lauschte der Ansage meines neuen Gurus: »Hi! This is Sam Harris!« Das Ziel seiner App, verkündet der Amerikaner, sei nicht nur, Menschen beim Meditieren zu helfen. »Itʼs to live a more fulfilling life altogether!«

Ein Freund empfahl mir eine beliebte Mindfulness-App aus den USA: den »Waking Up Course« von Sam Harris.

Wow, wer wollte das nicht? Acht Tage in Folge habe ich abends vor dem Schlafengehen im Bett den Worten von Sam Harris gelauscht, mich auf meinen Atem konzentriert und versucht, meine Gedanken achtsam wahrzunehmen. Dann fragte mich mein Freund per WhatsApp, was ich besonders interessant fand. Ich horchte in mich hinein und merkte, dass ich mir nichts gemerkt hatte. Wohl deshalb empfiehlt Sam Harris die Meditation im Sitzen und nicht im Liegen.

Und jetzt will er auch noch Geld: Die 30 kostenlosen Tage sind vorbei. Aber nicht mit mir. Achtsamkeitskurse gibt es auch bei der Techniker Krankenkasse, und zwar umsonst. Mein neuer Guru heißt Boris Bornemann. »Du willst weniger Stress? Dich und deine Gefühle besser verstehen? Du willst bewusster und glücklicher leben?«, fragt der Psychologe im Intro der App. Leider ist mein Mobiltelefon in die Badewanne gefallen, als ich seine Botschaft dort abhörte. Vielleicht haben die Experten recht, und ich sollte im Sitzen meditieren? Oder doch lieber eine Rosine anstarren?

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