Peggy Parnass

Maximal persönlich

Bring bitte die Zeitungen mit«, sagt Peggy Parnass. Beim Avanti‐Kiosk, nicht weit von ihrer Wohnung in Hamburg‐St. Georg entfernt, lägen sie abholbereit. Bild‐Zeitung, Hamburger Morgenpost und Junge Welt stehen auf ihrer Liste. Dabei braucht die frühere Gerichtsreporterin gar keine neue Lektüre, denn in ihrer Wohnung stehen mehrere Stoffbeutel mit Zeitungen und Magazinen, die sie noch nicht gelesen hat.

Parnass, die die Schoa überlebte, weil sie 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden gelangte, lebt in einer Mischung aus Museum und überdimensionalem Zettelkasten. An den Wänden und auf den Regalen wimmelt es von Fotos von Personen, die die Kultur‐ und Mediengeschichte der Bundesrepublik auf unterschiedliche Art mitbestimmt haben – hier ein Foto ihrer Freundin Ulrike Meinhof aus der Zeit, als diese noch Journalistin und nicht Terroristin war, dort eines, das Parnass mit dem Schriftsteller Peter Weiss zeigt. Der Filmemacher Georg Stefan Troller, auch er ein Freund, ist ebenfalls mehrmals zu sehen. Auf dem Boden liegen Bücher und DVDs. Bis vor Kurzem kam noch eine Studentin vorbei, die dabei half, diese ganz besondere Sammlung in Ordnung zu halten. Parnass sucht jetzt einen Nachfolger.

Tucholsky Das zentrale Möbelstück in der Wohnung ist ihr Bett. Daneben liegt ein Stapel Schallplatten, oben Udo Lindenbergs Galaxo Gang von 1978. Der Sänger hat das Cover mit einer Widmung für »Peggy Panther« versehen – eine Anspielung auf Tucholskys Pseudonym »Peter Panther«. Den Ball nimmt Parnass auf: »Meine Bücher sind alle aktuell, leider. Tucholsky ist leider auch nicht überholt.«

Wer heute die Bücher mit den gesammelten Gerichtsreportagen liest, die Parnass 17 Jahre lang für die Zeitschrift »konkret« geschrieben hat, kann nachverfolgen, wie sie für dieses Genre eine Form gefunden hat, die bis heute einzigartig ist. Das Markenzeichen ihrer Artikel war ein maximal persönlicher Stil, der mit dem Begriff der »teilnehmenden Beobachtung« noch unzureichend beschrieben wäre. Über den Prozess gegen den 1975 verhafteten Frauenmörder Fritz Honka, auf dessen Geschichte Heinz Strunks 2016 für den Deutschen Buchpreis nominierter Bestseller‐Roman Der Goldene Handschuh basiert, schrieb sie zum Beispiel: »Ich halte es mal wieder nicht aus, einen Angeklagten isoliert zu sehen. Angeglotzt, ausgelacht, aussätzig. Am Schandpfahl. Wenig unterscheidet uns von den Schaulustigen früher bei öffentlichen Hinrichtungen.«

Also setzt sie sich zu Honka auf die Anklagebank, fragt ihn, der die Hand »eines Riesen« hatte: »Hast du denn Freunde im Knast?« oder »Wonach hast du Sehnsucht?«. In diesem Sinne sind ihre Bücher tatsächlich aktuell, als Anregung, sich von Angeklagten ein ganz anderes Bild zu machen, als wir es gewohnt sind.

prozesse Unter den 500 Prozessen, die sie miterlebte, waren drei NS‐Verfahren. Über den Majdanek‐Prozess in Düsseldorf beispielsweise, in dem 17 ehemalige SS‐Angehörige vor Gericht standen, schreibt sie 1981: »Ich werde ermahnt, sitzen zu bleiben, weil man sonst bei dem Andrang meinen Platz weggeben würde. Ich kann nicht, muss nach vorne, muss die Leute aus der Nähe sehen, stehe plötzlich, halb geschubst, halb gedrängt, direkt vor Hermine Ryan, ihren Opfern als ›Stute‹ oder ›Schindmähre‹ bekannt. (…) Ich will die sehen, von Angesicht zu Angesicht! Ich will die sehen! Diese Frau, von Ehrgeiz zerfressen, dieses Arbeiterkind, das mit seinen eisenbeschlagenen Schaftstiefeln hilflose Frauen tottrampelte. (…) Ich gehe in die Hocke vor ihr. Nichts. Die Verteidiger sind wachsam. Was befürchten sie? Ich hab keine Kugeln im Kugelschreiber. Leider?«

Parnass’ im guten Sinne distanzlosen Texte weckten bei manchem Leser Mordlust. Während des Gesprächs zeigt sie zwei Morddrohungen, jeweils ausgefeilte Karikaturen. Angesichts der Sekundenschnelle, in der heute solche Drohungen formuliert und versendet werden, wirkt es aberwitzig, wie viel Mühe sich hier jemand gegeben hat. In einer Zeichnung holt ein Mann mit einem Schwert gegen Parnass aus. »Komischerweise hat mir das nie Angst gemacht«, sagt sie. »Ich habe Angst davor, dass mich jemand in einem Gedränge am Straßenrand auf die Straße stößt.«

kommune Die Geschichte der öffentlichen Figur Peggy Parnass beginnt in den frühen 50er‐Jahren mit der Hamburger Kabarettgruppe »Die Pestbeule«. Peter Rühmkorf schrieb damals die Texte, Klaus Rainer Röhl, der später »konkret« gründete, noch später Ulrike Meinhof heiratete und viel später ins rechte Lager abdriftete, führte Regie.

Parnass lebte mit den Männern unter einem Dach. »Wir zogen in eine Wohnbaracke in der Stresemannallee in Lokstedt – zwei kleine Zimmerchen mit jeweils zwei Betten übereinander –, eigentlich ziemlich kommissmäßig und, rückblickend, unsere Kommune 00«, schrieb Rühmkorf 2006, zwei Jahre vor seinem Tod, in der taz über diese Zeit.

Parnass, überzeugte Atheistin, aber gleichwohl Mitglied der Jüdischen Gemeinde Hamburg, ist heute um die 90 – höchstwahrscheinlich. Sie selbst sagt, das im Internet kursierende Geburtsjahr 1934 sei falsch, sie sei wesentlich älter. Genaues will sie aber nicht verraten. Wer einmal »die erotischste Person der Linken« war (Die Zeit, 1983), darf das.

Geheimnisse kennt Parnass sonst nicht. Wenn es um ihre Arbeit, ihre Familie und ihre Freunde geht, ist sie unkompliziert und offen – wie in ihren Texten. Das Treffen mit ihr findet an einem besonderen Tag statt – dem Geburtstag ihres Vaters Pudl, den die Nazis im KZ Treblinka ermordeten. Fast 100 ihrer Verwandten brachten sie um.

ohrfeige Eine besonders starke Verbindung hatte sie zu ihrer 2005 verstorbenen Tante Flora Neumann, nach der im Hamburger Karolinenviertel eine Straße benannt ist. Sie überlebte zwei Jahre Auschwitz, ihr Mann Rudi zwei Jahre Buchenwald. »Beide dachten, der andere wäre tot«, sagt Parnass. »Sie waren bis zuletzt so verliebt ineinander. Sie war eine sehr sinnliche, heißblütige Frau, konnte aber nicht mehr mit ihm schlafen, weil sie in Auschwitz Experimente an ihrem Unterleib gemacht hatten.«

Parnass hat nur Verachtung übrig für all jene, die sagen, man müsse doch mal einen Schlussstrich ziehen. »Flora hat dreimal versucht, sich umzubringen, sie konnte ihre Erinnerungen nicht ertragen. Sie wusste nicht, was schlimmer war: einzuschlafen und zu träumen oder wach zu sein und sich zu erinnern.«

Parnass’ Radikalität spiegelte sich auch in ihren Freundschaften wider. Turbulent gestaltete sich etwa jene mit dem im Oktober 2016 verstorbenen Rabbiner Nathan Peter Levinson, der unter anderem in Hamburg und Berlin amtierte. Sie habe ihn »zweimal in aller Öffentlichkeit geschlagen«, sagt Parnass, so 1979 während des Evangelischen Kirchentags in Nürnberg.

Beide saßen damals auf einem Podium, Parnass in ihrer Eigenschaft als Atheistin. »Bei einem Spaziergang habe ich ihn gefragt, ob er sich nicht stärker dafür einsetzen könne, dass antifaschistische Widerstandskämpfer finanziell entschädigt werden. Da war er ganz empört: ›Warum sollte ich? Das waren doch alles Kommunisten!‹« Levinson habe es »nicht interessiert, dass diese Menschen letztlich für uns ihr Leben riskiert haben«. Die Freundschaft hielt dennoch – »weil da immer eine Basis ist, eine Art Schicksalsgemeinschaft«. So machte Parnass mehrmals Urlaub in Häusern der Familie Levinson in Spanien und Jerusalem.

exil Vergleichsweise gesittet verliefen ihre nichtsdestoweniger heftigen Auseinandersetzungen mit Ralph Giordano. »Wenn ich in Israel war, fühlte ich mich als Palästinenserin – weil es den Palästinensern so unglaublich viel schlechter geht.« Giordano habe diese Haltung nie verstanden.

Über Giordano und Georg Stefan Troller sagt Parnass, sie hätten es trotz ihrer Berühmtheit und ihres »unendlichen Erfolgs« nie verwinden können, »dass sie als Kinder ausgegrenzt wurden, dass ihre besten Freunde sagten: ›Mit dir nicht!‹ Die ganze Lebensleistung hat diese tief gehenden Verletzungen in keiner Weise auslöschen können.« Haben die beiden das selbst auch so gesagt? »Natürlich«, sagt Parnass. »Wenn auch anders, als ich es gerade formuliert habe.«

Dafür, dass die Zeit der Ausgrenzung für die Betroffenen immer präsent bleibt, zeugt auch eine Begebenheit, die sie mit Peter Weiss erlebte. Den Schriftsteller, Sohn eines jüdischen Vaters und 1940 nach Stockholm emigriert, lernte sie 1978 kennen. »Er hat mich angerufen, gleich nachdem Prozesse erschienen war. Er fragte, ob er mich besuchen dürfe. Da habe ich gejubelt.« Danach, bis zu seinem Tod 1982, kam er immer mal wieder nach Hamburg.

»Er wohnte immer hier um die Ecke, im Hotel Reichshof. Einmal sollte ich ihn dort abholen. Normalerweise bin ich überpünktlich, dieses Mal war ich zehn Minuten zu spät, weil ich von weiter her kam.« An dem Tag habe sie Weiss »völlig aufgelöst« in der Hotelhalle angetroffen, er sei kurz davor gewesen, wieder zurück zum Flughafen zu fahren. »›Wie kannst du mir das antun?‹, schrie er. ›Hier sitze ich jetzt mit all den Deutschen. Lauter Deutsche, lauter Deutsche!‹ Er hatte einen richtigen Zusammenbruch. Da wusste ich, wie sehr er immer noch leidet.«

illusion Weiss würde die Situation, die in der jüngeren Vergangenheit aufgrund der Flüchtlingsbewegungen entstanden ist, heute womöglich ähnlich beurteilen wie Parnass: »Ausgerechnet Deutschland ist jetzt das Sehnsuchtsland, in das alle reinwollen. Für mich war Deutschland von klein auf immer das Land, aus dem man flüchten musste, um überhaupt zu überleben. Ist das nicht absurd?« Dennoch betont Parnass, sie hoffe, dass es möglichst viele hierher schaffen.

In einer anderen Hinsicht hat sie keine Hoffnung. »Ich will, dass jeder mich versteht, nicht nur Akademiker« – das ist stets ihre Devise gewesen. Während man manch anderen linken Publizisten mit ein bisschen bösem Willen den Vorwurf machen kann, sie schrieben abgehoben und hermetisch, traf das für Parnass tatsächlich nie zu. Ihre Texte waren stets schnörkel‐ und dünkellos. »Ich hatte die Illusion, dass man nur deutlich sein muss«, sagt sie. »Die Illusion habe ich nicht mehr.« Ihre derzeitige politische Befindlichkeit bringt sie mit einem Zitat des alten Weggefährten Peter Rühmkorf auf den Punkt: »Wir leben zwischen den Kriegen.«

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