Tradition

Mameloschn, Tateloschn

Sascha Chaimowicz Foto: pr

»Ähm, Moment, in deiner Kindheit wurde zu Hause nur Jiddisch gesprochen?«, frage ich meinen Vater vor wenigen Wochen verblüfft am Telefon. Eigentlich habe ich ihn angerufen, weil ich Ideen für einen anderen Text von ihm einholen wollte. Er ist das Kind polnischer Holocaust-Überlebender. Geboren und aufgewachsen ist er in München.

Ich hatte immer angenommen, dass seine Muttersprache Deutsch sei. Auch, weil er jiddische Begriffe und die typische Satzstellung immer eher als eine Art Gag-Sprache verwendet hat und nicht als etwas, das in seiner Kindheit eine große Bedeutung hatte.

VERTRAUT »Schon mal verdient a Mark?«, antwortete er gerne ironisch, wenn ich als Kind wollte, dass er mir einen Pulli kauft, und ich strategisch auf den günstigen Preis hinwies. Als wir jüdische Freunde in den USA besuchten und einer im Lokal ein amerikanisches Bier namens Shiner Bock bestellte, gesprochen »scheiner Bock«, prusteten mein Vater und seine Freunde los, weil es in ihren Ohren jiddisch klang, wie »schöner Bock«.

Bis zum Telefonat mit meinem Vater vor wenigen Wochen war ich davon ausgegangen, dass es mit dem Jiddischen und unserer Familie nicht viel mehr auf sich hatte als das.

Er wusste, was Kochtopf auf Jiddisch heißt, aber Morgendämmerung kannte er nicht.

Doch plötzlich kannte er Begriffe, die ich noch nie gehört hatte. Ich saß an meinem Computer, und er gab mir immer neue Wörter durch, nach denen ich suchen sollte, »chaßene« etwa, »Hochzeit«, oder »kezele«, »Kätzchen«. Er konnte Nudeln, Schönheit und Kochtopf auf Jiddisch sagen, doch ein Wort wie Morgendämmerung kannte er nicht, denn das Jiddische war für ihn wirklich eine Alltagssprache gewesen. »Morgendämmerung hat bei uns zu Hause mit Sicherheit nie jemand auf Jiddisch gesagt.«

KOMIKER Ich fragte wenig später auch einen engen Freund meines Vaters, einen Münchner Juden mit osteuropäischen Wurzeln, von dem ich ebenfalls nie viel Jiddisch gehört hatte, wie viel er von der Sprache verstehe. Er erzählte mir zu meiner Überraschung, dass er in seiner Jugend nichts lustiger fand als die Vinylplatten von Dzigan & Schumacher, zweier Komiker, die ausschließlich Jiddisch sprachen. Ich selbst bin nach der Halacha, dem jüdischen Gesetz, kein Jude, weil meine Mutter nicht jüdisch ist.

Das Judentum, das wir zu Hause praktizierten, war ein leichtes, heiteres – es ging viel um Essen, um osteuropäische Speisen mit jiddischen Namen wie »tscholnt mit kischke«, eine Art Kartoffel-Bohnen-Rindfleisch-Eintopf mit gefülltem Kalbsdarm. Ich hatte mir nie bewusst gemacht, dass mein Vater und viele seiner Freunde mit Jiddisch aufgewachsen waren, vielleicht auch, weil ich nie darüber nachgedacht habe.

Ich war mit gesprochenem Jiddisch nur einmal in Kontakt gekommen, als ich den streng orthodoxen Jerusalemer Stadtteil Mea Schearim besuchte. Dort unterhielten sich fast alle auf den Straßen auf Jiddisch. Ich dachte nicht an meine Familie, als ich die Menschen dort hörte.

DAZUGEHÖREN »Dass meine Eltern nur Jiddisch sprechen konnten, war mir als Kind und Jugendlicher peinlich«, erzählt mein Vater mir am Telefon. Er erinnert sich, wie unangenehm es ihm vor den nichtjüdischen Münchnern war, dass seine Mutter im Supermarkt von »jojch« sprach, wenn sie Suppe meinte, und »ojwn« für Ofen sagte. »Du willst als Kind ja zur Gemeinschaft dazugehören und nicht durch eine Fremdsprache auffallen, und noch dazu eine, die wenige Jahre nach dem Holocaust allen mitteilt, dass du jüdisch bist.«

Als Kind war es meinem Vater peinlich, wenn seine Mutter im Supermarkt »jojch« sagte statt Suppe.

Mit dem Jiddischen war mein Vater offenbar umgegangen wie mit den jüdischen Ritualen. Denn Frömmigkeit spielte in seiner Kindheit eine wichtige Rolle, danach nicht mehr. Als junger Erwachsener hat er sich von der Religiosität seines Elternhauses immer mehr gelöst. Vielleicht war es sein Versuch, sich von der deprimierenden Vergangenheit loszusagen.

SCHRAUBE Als ich ihn ein paar Tage später anrufe und ihm erzähle, dass ich ganze jiddische Sätze gelernt habe, zum Beispiel »ß’felt im a klepke in kop«, »bei ihm ist eine Schraube locker«, lacht er. Ich spüre, dass es ihm gefällt, dass ich mich mit dem Jiddischen beschäftige. Es stellt eine Verbindung zu unseren Vorfahren her.

Und auch ich finde die Vorstellung sehr schön, eines Tages meinen Kindern zu erklären, dass Jiddisch die Sprache ihrer Urgroßeltern gewesen war. Und dass selbst ihr Großvater noch damit aufgewachsen war und mich ironisch einen echten »mejwn« nannte, einen echten »Sachverständigen«, als er mir bei diesem Artikel half.

Der Autor ist Redakteur beim ZEIT-magazin.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  08.09.2026

Philosophie

Zwischen Mensch und Maschine

Vor rund 100 Jahren kam Hilary Putnam 1926 in Chicago zur Welt. Der amerikanische Denker revidierte regelmäßig seine Positionen. Seine Philosophie ist überraschend dialogisch – was eine wenig bekannte judaistische Perspektive eröffnet.

von Richard Blättel  08.09.2026

Jubiläum

60 Jahre »Star Trek«: Faszinierend!

Vor 60 Jahren landete das Raumschiff »Enterprise« in den US-Wohnzimmern - und damit auch ein jüdischer Segen

von Alexander Brüggemann  08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Literatur

Shortlist für Deutschen Buchpreis veröffentlicht

Dana Vowinckel und Shida Bazya sind für die Auszeichnung nominiert – der Preisträger wird am 5. Oktober bekanntgegeben

 08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 08.09.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  08.09.2026

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026