Wuligers Woche

Mama, wie sehen Juden aus?

Ein Zeitungskiosk in einer deutschen Stadt. Davor eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Das Mädchen zeigt auf das gerade erschienene Heft »Spiegel Geschichte – Jüdisches Leben in Deutschland«.

»Mama, was sind das für komische Leute auf dem Foto?«

»Das sind Juden, Leonie.«

»Glaub’ ich nicht. Markus in meiner Kita ist auch Jude. Der sieht nicht so aus

»Natürlich nicht. Das sind alte Juden

»Markus’ Papa ist auch alt. Der hat aber keinen Bart. Und so hässliche Klamotten auch nicht. Die Jacke von dem einen Mann ist ganz dreckig.«

»Ich meinte alte Juden von früher. Heute sehen sie nicht mehr so aus. Deswegen steht da ja ›Geschichte‹.«

»Also früher haben die Juden so ausgesehen wie auf dem Bild?«

»Nein, Leonie, nicht wirklich. Nur ganz wenige. Die meisten Juden sahen aus wie alle anderen Menschen auch. Das auf dem Foto sind wahrscheinlich Ostjuden.«

»Ostjuden? Kommen die aus Sachsen?«

»Nein, noch weiter weg. Aus Polen.«

»So wie Blanka, die bei uns putzt?«

»Ja, aber Blanka ist katholisch. Sag ihr nicht, dass sie jüdisch ist, sonst ist sie vielleicht beleidigt.«

»Weil die Juden so blöd aussehen auf dem Bild?«

»Ja, Leonie, so ungefähr.«

»Und die anderen Juden früher, Mama? Die nicht aus Polen waren. Wie haben die ausgesehen?«

»Sagte ich doch: So wie alle anderen Leute auch. Wahrscheinlich wie auf dem alten Foto, das ich dir mal von deinen Urgroßeltern gezeigt habe.«

»Das mit dem lustigen Strohhut?«

»Ja, Leonie.«

»Der Strohhut ist viel schöner als die schwarzen Hüte, die die Männer auf dem Heft aufhaben. Haben die Juden auch Strohhüte getragen?«

»Manche bestimmt. Im Sommer.«

»Warum sind dann auf dem Foto keine Juden mit Strohhüten? Das wäre doch viel schöner. Mir würde das besser gefallen!«

»Ja, aber dann könnte man nicht erkennen, dass es Juden sind.«

»Warum muss man das denn erkennen?«

»Weil es in dem Heft um Juden geht.«

»Aber Mama, du hast doch selbst gesagt, dass die meisten Juden genauso ausgesehen haben wie alle anderen Leute. Die konnte man doch gar nicht erkennen.«

»Ja, Leonie, eben deshalb.«

»Also weil Juden ausgesehen haben wie andere Leute, machen die ein Foto auf dem Heft von Juden, die nicht aussehen wie andere Leute?«

»Ja, Leonie.«

»Mama, das versteh’ ich nicht. Auf meinem Ponybuch sind doch auch keine Bilder von Einhörnern. Tante Claudia aus der Kita hat übrigens gesagt, dass es in Wirklichkeit gar keine Einhörner gibt.«

»Das stimmt. Einhörner sind erfunden.«

»Sind die Juden auf dem Foto auch erfunden?«

»Nein, Leonie. Nicht wirklich erfunden. Aber richtig stimmen tut es auch nicht.«

»Warum machen die das dann?«

»Ich weiß es auch nicht, Leonie. Am besten, wir fragen mal Onkel Dieter. Der kann dir das erklären. Der arbeitet selbst beim ›Spiegel‹.«

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026

Jubilar

»Mikrofon für die Seele«: Klezmer-Musiker Giora Feidman wird 90

Giora Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. In einfachen Liedern findet er große spirituelle Tiefe. Mit seiner Musik will der Klarinettist Menschen verbinden – und pflegt bei seinen Konzerten ein bestimmtes Ritual

von Katharina Rögner  23.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026

Geburtstag

Für immer Captain Kirk: William Shatner wird 95

Mit der »Enterprise« brach er in den 60er Jahren in die »unendlichen Weiten« des Weltalls auf. »Star Trek« machte den jüdischen Schauspieler weltberühmt

von Holger Spierig  22.03.2026

Aufgegabelt

Tahini-Gugelhupf mit Kardamom und Orange

Rezept der Woche

von Katrin Richter  21.03.2026

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Genuss

Koschere Frühlingsblumen

Warum der Sederabend für Weinliebhaber kein Albtraum mehr sein muss

von Jacques Abramowicz  20.03.2026