Dokumentation

»Es befördert antisemitische Vorurteile«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: dpa

»Mit dem Titelbild bedient ›Der Spiegel‹ leider Klischeevorstellungen von Juden. Gerade in Deutschland trifft man kaum Juden an, die aussehen wie die beiden Männer auf dem Foto. Daher stellt sich die Frage, was der ›Spiegel‹ mit dieser Foto-Auswahl und der Betitelung beabsichtigt. Juden als etwas Fremdes oder Exotisches darzustellen, befördert antisemitische Vorurteile.«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

»Die Auswahl eines Covers ist eine der wichtigsten journalistischen Entscheidungen. Mit der Wahl des Covers für das aktuelle Heft von ›Spiegel Geschichte‹ haben sich diejenigen, die die Entscheidung gefällt haben, für die Verbreitung eines antisemitischen Stereotyps entschieden. Ich möchte meinen Beitrag nicht in einer solchen Verpackung sehen und erwarte von einem Titelbild, dass es die Fülle des jahrhundertelangen jüdischen Lebens in Deutschland illustriert statt antisemitische Vorurteile zu bestätigen oder gar zu wecken.

Bei meinem Interview für die aktuelle Ausgabe bin ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass die ›Spiegel Geschichte‹-Redaktion über die bedeutende Geschichte der deutschen Juden und Jüdinnen aufklären möchte. Stattdessen bedient sie ein zutiefst ahistorisches Klischee. Das hat mit Stärkung historischen Wissens und Urteilens nichts zu tun, sondern die Verantwortlichen haben ebendiese Klischees gestärkt und sind ihrem vermutlich doch sehr starken Wunsch gefolgt, die Geschichte unter dem Mantel von Aufklärung so zu sehen, wie sie sie gerne sehen möchten. Das darf einem seriösen Blatt nicht passieren.«

Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums

»Nach dem skandalösen Artikel über eine angebliche Kontrolle der deutschen Nahostpolitik durch zwei kleine Vereine, markiert dieses Titelbild einen erneuten Tiefpunkt. Dabei ist es besonders bedenklich, dass im Herstellungsprozess des Heftes, an dem Gewiss eine nicht geringe Zahl von Journalisten und Redakteuren beteiligt, offenbar niemand aufgefallen ist, dass dieses Bild hochproblematisch ist. Wie bereits bei dem erwähnten Artikel finden wir auch in diesem Fall die nachgeschobene Erklärung wenig überzeugend. Statt sich zu entschuldigen werden diese Ausfälle auch im Nachhinein noch rationalisiert. Nach der Schoa hat es Jahrzehnte gebraucht, bis jüdisches Leben wieder sichtbar und in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Dieses nun als ›unbekannte Welt von nebenan‹ zu bezeichnen, statt als einen selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft, ist schlichtweg empörend.«

American Jewish Committee (AJC), Berlin

»Was ist das denn für ein Titelfoto? So schauen wir Juden also in Deutschland aus? Für alle, die meinen, das Foto auf ›Spiegel Geschichte‹ sei in Ordnung: Juden in Deutschland sahen in den letzten 200 Jahren so nicht aus. Lediglich Juden im Scheunenviertel in den 20er-Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, die aus dem Osten kamen. Also selbst ›historisch‹ nicht repräsentativ. Juden mit Kippa und Schläfenlocken – das klassische ›Genrefoto‹ in Redaktionen, wenn es um einen Artikel über Juden geht. Wenn man uns ›ganz normal‹ zeigen würde, dann hätte die Mehrheitsgesellschaft wohl ein Problem: ›Huch, die sind ja wie wir! So ein Mist aber auch ...‹«

Richard C. Schneider, ARD-Journalist in Tel Aviv

»Nachdem das Magazin erst kürzlich antisemitische Verschwörungstheorien befeuerte, nahm sich seine Geschichts-Ausgabe der nächsten jüdischen Thematik an. Wir Juden und Jüdinnen sind Teil der deutschen Gesellschaft – und werden es auch bleiben.«

JSUD - Jüdische Studierendenunion Deutschland

»Der Zentralrat der Juden fragt zu Recht, warum ›Der Spiegel‹ gerade dieses Titelmotiv gewählt hat.«

Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek

»Ganz offensichtlich ist die Welt nebenan so ›unbekannt‹, dass ich ein völlig anderes Bild jüdischen Lebens in Deutschland habe, als es offensichtlich der ›Spiegel‹ besitzt. Nach der unsäglichen Verbreitung von Verschwörungstheorien vor wenigen Wochen, wonach pro-israelische Vereine die Deutsche Nahostpolitik steuern würden, leistet sich das Magazin jetzt den nächsten massiven Fehlgriff in seiner Arbeit und trägt so zur Verbreitung von Stereotypen bei, die auch Antisemiten kaum anders abbilden würden. Wer als Coverbild seiner eigenen Sicht auf jüdisches Leben in unserem Land die Auswahl so trifft wie der ›Spiegel‹, der schafft keine Nähe ›zur Welt nebenan‹, der schafft Gräben. Zumindest wollte man ganz offensichtlich nicht jenes selbstbewusste und gesellschaftlich engagierte Judentum zeigen, wie ich dies kenne, sondern wählte lieber einen Abzug, wie ihn auch der Stürmer kaum anders gewählt hätte. Beim ›Spiegel‹ besteht intern ganz offensichtlich erheblicher Handlungsbedarf.«

Uwe Becker, Antisemitismusbeauftragter des Landes Hessen

»Weder lebten früher noch leben heute Juden ›nebenan‹. Sie waren insbesondere vor dem Zweiten Weltkrieg und auch schon im Ersten Weltkrieg Teil der Gesellschaft. Sie waren assimiliert, feierten Weihnachten und Chanukka zusammen. Auch die Juden in der Diaspora heute sind ganz normal in das nicht-jüdische Leben integriert. Sie leben mit und unter Nicht-Juden, arbeiten und sprechen mit ihnen. Man muss sich deswegen fragen, was man sich beim ›Spiegel‹ bei der sehr stereotypen Bildauswahl gedacht hat. Die Diversität im Judentum ist sehr groß und orthodoxe Juden sind nur ein ganz kleiner Teil.«

Mirna Funk, Schriftstellerin und Publizistin 

»Unbekannte Welt? Als ob!  Wie viele jüdische Gemeinden bieten Führungen an und bringen sich mit Veranstaltungen in ihre jeweiligen Stadtgesellschaften ein? Wie viele Juden sind in ihrem Alltag voll in einer nichtjüdischen Umgebung unterwegs und haben dementsprechend auch viele nichtjüdische Freunde, Bekannte, Familienangehörige, die bei ihnen ein und aus gehen?

Was genau ist, bitteschön, unbekannt an dem Jüdischen ›nebenan‹? Vielleicht müsste es eher heißen: ›Das große Desinteresse an der Welt nebenan‹? Oder ›Der große Irrglaube an eine fremde Welt nebenan‹. In Wahrheit ist die ›Spiegel‹-Redaktion in einen Sumpf geraten, aus dem sie offenbar nicht mehr allein herausfindet. Es geht nicht mehr um die völlig verdrehte Berichterstattung über Israel. Es geht um die Frage, wie deutsche Juden gesehen werden (sollen). In den Augen des Magazins also abstoßend, korrupt, reich, einflussreich.«

Oren Osterer, Politikwissenschaftler und Historiker

»Na klar, der ›Der Spiegel‹ hängt noch in den ältesten Stereotypen fest. Lobbyarbeit der Juden ist Verschwörungs-Teufelswerk und alle sehen sie so aus wie auf dem Titel. So what else is new?«

Sandra Kreisler, Sängerin

»Weder meine Vorfahren noch meine Familie und ich sehen so aus. Wir sind keine ›unbekannte Welt nebenan‹, sondern Teil der Gesellschaft. Unter deutsch-jüdischer Geschichte hätte der Spiegel Nathan der Weise, Moses Mendelssohn, Bertha Pappenheim, Martin Buber oder Rosa Luxemburg abbilden können. Aber er hat sich für das Bild von Ostjuden aus dem Armenviertel in Berlin entschieden, bekannt aus der NS-Propaganda. Reiner Zufall? Die Antisemiten jedenfalls erfreuen sich auf das Titelbild.«

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank

»Ich bin ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Jude. Über 90 Prozent der jüdischen Deutschen/deutschen Juden führen ein modernes Leben. Ich auch. Warum schürt das Magazin mit diesem Cover Entfremdung, Vorurteile, Hass, statt sich für Annäherung und Freundschaft einzusetzen?«

Arye Sharuz Shalicar, Publizist

»Nachlässig, fahrlässig oder antisemitisch? Ziel von ›Spiegel Geschichte‹ soll es wohl sein, die vielen Facetten des jüdischen Lebens vom 11. bis ins 20. Jahrhundert darzustellen. Warum entscheiden sie sich dann für ein Bild, das aus der NS-Propaganda bekannt ist? Warum zeigen sie nicht die vielen Facetten jüdischen Lebens?«

Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte 

»In welcher Realität leben eigentlich SPIEGEL-Redakteure? Nach einem zumindest fragwürdigen Artikel über die Lobbyarbeit zweier deutsch-jüdischer Organisationen neulich nun das Sonderheft zu jüdischem Leben heute – illustriert mit dem Bild zweier Ostjuden aus den 1920er-Jahren, das die jüdischen Klischees bedient, die schon dem Stürmer zur Vorlage dienten. Wenn das ein Beitrag gegen den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland sein soll, dann vielen Dank. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.«

Amelie Fried, Schriftstellerin und Publizistin

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