Lesetipp

Malen am Rande des Abgrunds

Eine Art Liebeserklärung an Charlotte Salomon (1917–1943): David Foenkinos’ Roman »Charlotte« Foto: DVA

Lesetipp

Malen am Rande des Abgrunds

David Foenkinos setzt der in Auschwitz ermordeten Charlotte Salomon ein literarisches Denkmal

von Welf Grombacher  31.08.2015 18:20 Uhr

Sie wurde zu einer Obsession. Eine Freundin empfahl ihm in Paris eine Ausstellung. Dort entdeckte David Foenkinos das Werk der deutsch-jüdischen Malerin Charlotte Salomon. »Alles, was ich liebe, was ich mir erträume, ist darin enthalten. Ihre Farben zu sehen, war wie ein amouröses Erlebnis für mich.« Eine Art Liebeserklärung ist auch sein Roman Charlotte, der in Frankreich 2014 ein Bestseller wurde und in einer exzellenten Übersetzung von Christian Kolb nun auf Deutsch erschienen ist.

Foenkinos machte sich auf, ging auf Spurensuche und fand Orte, an denen Charlotte Salomon lebte. »Ich konnte ihre Kraft spüren, wie sie trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse, am Rande des Wahnsinns, optimistisch bleiben konnte; wie ihr künstlerisches Schaffen sie gerettet hat. Ich wollte diesem inneren Leuchten, dieser Stärke, meinen Respekt zollen«, sagt Foenkinos über seinen Roman.

Selbstmord Schon der erste Satz dieses wundersam schwelenden Buchs zeichnet ihren tragischen Weg vor: »An einem Grabstein lernt Charlotte ihren Namen lesen.« Trug doch ihre Tante schon, die sich von einer Brücke stürzte, den Vornamen Charlotte. Vater Albert ist gleich dagegen, dass die am 16. April 1917 geborene Tochter den Namen einer Toten erhalten soll. »Und den Namen einer Selbstmörderin schon gar nicht.«

Doch Mutter Franziska setzt sich durch. So lernt Charlotte früh, dass der Tod ein Teil des Lebens ist. Zumal die Schwermut in der Familie liegt. Immer wieder versucht auch die Mutter, sich das Leben zu nehmen. Ein Selbstmordversuch mit Opium scheitert, ihre Familie kann weitere Suizide verhindern. Doch irgendwann entkommt sie und stürzt sich aus dem Fenster. Ein Leben, wie es Gerhart Hauptmann nicht besser hätte erfinden können.

Mit schönen Worten und viel Pathos spürt der 1974 in Paris geborene David Foenkinos dem Weg der Romanheldin nach. Mancher Leser mag seine Sprache kitschig finden; dem tragischen Leben, das in den Gaskammern sein Ende fand, unangemessen. Aber so sind Liebeserklärungen eben nun einmal: warmherzig, dramatisch, expressiv und eben mitunter auch pathetisch.

Langgedicht Lange hat Foenkinos den richtigen Ton gesucht, wie er im Roman schreibt. »Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen./ Um durchatmen zu können./ Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.« Kein Satz hat mehr als 73 Anschläge. Jeder endet mit der Zeile. »Die Form sollte einfach, direkt sein, wie Charlotte selbst«, sagt der Schriftsteller. Der Roman im Flattersatz erinnert so an ein Langgedicht.

Nach dem Selbstmord der Mutter verliebt sich der Vater erneut. Mit der praktizierenden Jüdin Paula Lindberg, einer gefeierten Opernsängerin, zieht nicht nur die Religion ein ins Leben der assimiliert aufgewachsenen Charlotte, sondern auch die Kunst. Albert Einstein, Erich Mendelsohn und Albert Schweitzer kommen zu Besuch in die Berliner Wielandstraße. Sie alle bestärken das in sich selbst zurückgezogene Mädchen darin, zu malen. Weil Ludwig Bartning sich für sie einsetzt, wird sie an der Akademie angenommen – obwohl dort nach den Rassengesetzen der Judenanteil bei weniger als einem Prozent liegt.

Bald ist Deutschland nicht mehr sicher für Juden. Die Eltern schicken Charlotte zu den Großeltern nach Villefranche-sur-Mer. Dort im Exil entsteht Leben oder Theater?, ein Werk, das ihr Leben in Bildern und Text nachzeichnet. Sie muss malen, um nicht verrückt zu werden. »Malen am Rande des Abgrunds«, wie sie selbst einmal schreibt. Bis zu ihrem Tod in Auschwitz begleitet Foenkinos die Künstlerin, die heute in einem Atemzug mit Paula Modersohn-Becker und Marc Chagall genannt wird – und setzt ihr damit literarisch ein ebenso eindrucksvolles wie würdiges Denkmal gegen das Vergessen.

David Foenkinos: »Charlotte«. DVA, München 2015, 240 S., 17,99 €

Exklusiv-Interview

Götz Aly: »Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  25.08.2026

ESC

Moroccanoil steigt als Hauptsponsor aus

Die israelische Kosmetikmarke hat ihr Sponsoring des Musikwettbewerbs nach sechs Jahren beendet.

von Nicole Dreyfus  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 25.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  25.08.2026 Aktualisiert

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  24.08.2026

Ausstellung

Ein Buchladen als säkulares Bethaus

Rachel Salamander schuf in München einen Ort, an dem jüdische Literatur, Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen – sie bewahrt ihn in roten Ordnern und auf klapprigen Kassetten

von Katrin Diehl  24.08.2026

Neu

Neue Synagoge Berlin zeigt neue Ausstellungen

Der Blick auf Jüdinnen und Juden und ihre Darstellung wird oft von Vorurteilen begleitet. Eine Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum macht dies jetzt zum Thema

 24.08.2026

Berlin

Ruth Moschner positioniert sich gegen die AfD

Die Moderatorin mit jüdischem Hintergrund schreibt, sie persönlich würde von der Politik der Partei profitieren. Dennoch warnt sie vor der selbsternannten Alternative

 24.08.2026