Kulturtipp

Malabi und Schesch Besch

Kaum sind die alten Jacken und der übrige Trödel weggeräumt, werden die Brettspiele rausgeholt. Dort, wo in Jaffa tagsüber Flohmarkt ist, treffen sich zu später Stunde alle, die eine Pause vom Nachtleben brauchen, einen süßen Zahn haben oder einfach Leute treffen wollen. Im Kiosk Malabiya gibt es Malabi, eine Art Milchpudding und so etwas wie Israels nationaler Nachtisch.

Originalgetreu wird er mit rotem Sirup und Rosenwasser verfeinert. Ich mag dazu einen Hauch Kokosflocken obendrauf. Es gibt auch andere Sorten von Sirup – und Erdnüsse zum Bestreuen. Malabi isst man nicht nur nach einem Mittag- oder Abendessen, sondern auch einfach zwischendurch.

backgammon Dafür bin ich hier. Aber nicht nur. Ich hoffe, dass ich jemanden finde, der sich erbarmt, mir Schesch Besch beizubringen. In Deutschland ist es besser bekannt als Backgammon. Malabi und Schesch Besch gehören in Tel Aviv zusammen. Warum, weiß niemand so genau. Ist aber auch egal. Wichtig ist, dass es schmeckt und Spaß macht.

Und zwar schon lange. Schesch Besch ist eines der ältesten Spiele der Welt. Archäologen fanden im Iran und in der Türkei Teile von Spielbrettern, die Backgammon ähneln. Sie wurden auf ungefähr 3000 v.d.Z. datiert. Als ich löffle, kommen drei junge Typen. Auch sie holen sich Malabi, Bier und ein Spielbrett. Aber es können ja nur zwei spielen, denke ich und wittere meine Chance.

»Shalom, ma koreh?« Was ungefähr so viel heißt wie: »Hallo, wie geht’s?« Ein wenig verdattert schaut der Dritte im Bunde schon, als ich ihn bitte, mir das Spiel zu erklären. Aber dann lacht er. Eis gebrochen. Er holt ein Brett für uns und setzt sich mir gegenüber. Ich gebe eine Runde Gazoz aus, und wir legen los. Amit, Student an der Uni Tel Aviv, wie sich herausstellt, ist richtig gut im Erklären und zeigt mir, wie viele Steine auf welche Dreiecke (Points) kommen und wie man sie bewegen darf.

Ganz leicht zu verstehen sind die Regeln nicht, und meine Position sieht eher düster aus, aber der nette Amit tröstet mich.

Ziel ist es, seine eigenen 15 Steine auf die Gegenseite zu bringen und dabei die gegnerischen vom Brett zu werfen. Zwei Würfel geben die Schrittzahl an. Ich probiere es und liege leider völlig falsch. »Züge sind nur erlaubt, wenn auf dem Point nicht mehr als ein Stein von mir liegt«, sagt mein junger Schesch-Besch-Lehrer.

übung Ganz leicht zu verstehen sind die Regeln nicht, und meine Position sieht eher düster aus, aber der nette Amit tröstet mich. »Macht nichts. Das ist erst der Anfang. Es ist ähnlich wie beim Schachspielen. Übung macht den Meister.« Dass ich da so meine Zweifel habe, sage ich nicht, sondern nicke eifrig. Es ist mittlerweile nach zehn am Abend, die Bierbänke um uns herum haben sich gefüllt, und mindestens zehn Paare spielen. Ich schaue ein bisschen neidisch, mit welcher Leichtigkeit sie die Steine herumschieben.

Ob ich das jemals hinkriege? Egal, ich bin auf den Geschmack gekommen – allerdings mehr beim Dessert und Leutekennenlernen als beim Schesch Besch. Es ist nicht nur ein Taktik-, sondern auch ein Glücksspiel.

Natürlich verliere ich haushoch. Und begleiche meine Spielschuld an Gewinner Amit sofort. Auf den Einsatz hatten wir uns vor dem Spiel geeinigt. »Mit oder ohne Sirup?«

Sabine Brandes: »Tel Aviv – Abenteuer. Eine Stadt in Erlebnissen«. Michael Müller, Erlangen 2023, 240 S., 17,90 €

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