Musik

»Make the World Great!«

Es war ein Risiko. Ein Wagnis für sämtliche Beteiligten. Zum ersten Mal sollten alle neun Bruckner‐Sinfonien als Gesamtzyklus in den Vereinigten Staaten erklingen. Ausgerechnet Bruckner, wahrlich kein Klassikhit, eher eine »sinfonische Riesenschlange«, wie Brahms die romantischen Mammutkompositionen einst genannt haben soll.

Die Carnegie Hall hat Daniel Barenboim und seine Staatskapelle Berlin mit über 120 Musikern eingeladen, und die New Yorker sollten in Scharen kommen, hören, genießen. 2800 Plätze hat jener traditionsreiche, in Weiß und Gold gehaltene Isaac‐Stern‐Saal mit den roten Plüschsesseln im Parkett und auf den fünf Rängen. Jener Saal, in dem schon Yehudi Menuhin, Jascha Heifetz und Vladimir Horowitz, die Callas oder die Beatles Triumphe gefeiert hatten. Und, eine hübsche Reminiszenz dieser Tournee: auch der kleine Daniel Barenboim.

Zwölf Jahre alt war er 1955, ein Dreikäsehoch aus Israel, als der legendäre Dirigent Leopold Stokowski ihn fragte, ob er in der Carnegie Hall ein Klavierkonzert spielen wolle. Daniel fand das prima. Na klar. Was er spielen wolle, fragte Stokowski. »Beethoven Nummer drei übe ich gerade«, antwortete Daniel Barenboim, worauf Stokowski »guuuuut« rief und beschloss: »Du spielst Prokofjew!« Zwei Jahre später gelang dem 14‐jährigen Pianisten am 20. Januar 1957 sein bejubeltes Carnegie‐Hall‐Debüt.

appell Heute, 60 Jahre später, am 20. Januar 2017, ist der Saal abermals ausverkauft. Barenboim spielt ein Klavierkonzert von Mozart und dirigiert nach der Pause Bruckners zweite Sinfonie. Das Publikum jubelt wieder, der künstlerische Direktor der Carnegie Hall hält eine kurze Eloge, Barenboim übernimmt das Mikrofon. Es ist ein besonderer Abend. Inauguration Day. Amerika hat ab heute einen neuen Präsidenten.

Ohne Donald Trumps Namen auch nur zu erwähnen, beschwört Barenboim in einem leidenschaftlichen Appell die Werte der Kultur in den USA. Amerikanische Literatur, Kunst und Musik hätten eine einzigartige Stellung in der Welt. Wer die Kultur ans Ende der Liste setze, wer als Politiker nie Konzerte besuche, der kenne die Kraft und die Macht der Kunst nicht, betont Barenboim. Das sei keine Frage des Geldes, sondern der Haltung. Die Anstrengung der Künstler in den USA sei nötig, um die Welt groß zu machen: »Make the World Great!« Barenboim wiederholt den Satz: »Make the WORLD Great!«

Als Dirigent hat er mit dem Bruckner‐Zyklus, so die New York Times, in Amerika Musikgeschichte geschrieben. Der Saal der Carnegie Hall ist jeden Abend nahezu ausverkauft. Unter den erstaunlich unauffällig gekleideten, dafür umso kompetenter wirkenden Zuhörern sind auch Prominente. UN‐Generalsekretär António Guterres, die Schauspielerin Sigourney Weaver oder der Geiger Itzhak Perlman. Perlman sitzt in seinem Rollstuhl in einer Loge und flüstert nach einem Klavierkonzert quasi zu sich selbst, sehr leise: »Danke, Daniel, danke«.

gänsehaut 200 Bruckner‐Enthusiasten hatten vorab den gesamten Zyklus gekauft und besuchten alle Aufführungen an allen elf Tagen in der Carnegie Hall. So wie der New Yorker Psychiater Robert Wolsky. Mal kauft er sich ein Ticket für 250 Dollar im Parkett, mal für 44 Dollar auf dem obersten Rang. Wolsky hat das erste Mal als Medizinstudent Bruckner gehört, sein Mitbewohner im Studentenheim spielte Horn. Seither bewegt ihn diese Musik, die so weitschweifig wirken kann, wenn sie schlecht gespielt ist, und die Gänsehaut pur hervorruft, wenn sie mit der Staatskapelle erklingt. Und dieses Orchester besteht inzwischen aus Bruckner‐Experten. Barenboim weist während der täglichen Proben immer wieder darauf hin: »Ohne euch bin ich nichts. Ein Mann, der mit einem Stock rumfuchtelt. Mehr nicht.«

Besonders prominent erklingen bei Bruckner die Hörner. Merav Goldman ist eine Musikerin aus dieser Instrumentengruppe. Sie stammt aus Lod östlich von Tel Aviv, hat zwei Jahre bei der IDF Märsche und israelische Volksmusik gespielt, dann zwei Jahre an der Juilliard School in New York studiert. Sie empfindet den Bruckner‐Zyklus einerseits als Sport, andererseits als Meditation. Die Musik wiederhole sich wie ein Mantra, aber je tiefer sie eindringe in die Komposition, desto komplexer wirke sie.

Dieses Gastspiel hat sich vom Wagnis zum Triumph entwickelt. Dies lag auch an jenen, die nach dem Konzert nicht auf die Bühne treten. Die Carnegie Hall hat die Staatskapelle eingeladen, sie finanziert das Gastspiel. Eine Ehre. Nur, um dort hinzukommen, musste das Management des Orchesters anderthalb Jahre schuften. 30 Seiten umfasst jedes »Entertainer Visum« für jeden Musiker. Nur ein Fehler, und die Reise endet am Immigration Desk. Die Carnegie Hall muss dafür bürgen, dass kein Musiker außerhalb spielt und irgendwo anders in den zwei Wochen Geld verdient. Alle, auch Daniel Barenboim, mussten im Vorfeld der Reise zum Interview ins US‐Konsulat. Und dann, so die Direktorin des Orchesters, Clara Marreiro, reicht der Name eines einzigen Tubaspielers, und dieser hängt bei der Einreise fest. Der junge Mann ist Spanier und trägt einen Latino‐Namen. Fünf Stunden hat Marreiro geduldig verhandelt, trotz perfekt ausgefüllter Unterlagen, bis der Musiker endlich einreisen durfte.

kekse Doch jetzt ist all das vergessen, wenn nach jeder Sinfonie über 2000 Gäste in einen Applausrausch verfallen und Blumen auf die Bühne werfen. Nach der neunten, der letzten Sinfonie wartet ein kleiner New Yorker Junge am Bühnenausgang und überreicht den Hornspielern selbst gebackene Kekse. Ein Brief liegt dem Paket bei: »Liebe Hornspielers! Danke für Carnegie Hall. Ich bin Hornspieler außerdem. Deshalb es heißen viel zu mir. Haben ein gut Reise zurück zu Deutschland. Marcus Shaw.«

Überwältigende Kritiken, ein Publikum, das minutenlang jubelt, ein Orchester und ein Dirigent im Glück: Auch wenn alle gebannt schauen, wie der neue amerikanische Präsident das Land verändert – Bruckner und Barenboim machen die klassikaffinen New Yorker glücklich. Oder, wie es der Staatsopernintendant Jürgen Flimm beim Frühstück formuliert: »Ich lasse mir doch von Trump nicht meine amerikanische Laune verderben!«

Die Autorin ist ARD‐Kulturkorrespondentin für Berlin beim Rundfunk Berlin‐Brandenburg (RBB).

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