10. Mai 1933

Literatur auf dem Scheiterhaufen

Bücherverbrennung auf dem Opernplatz – dem heutigen Bebelplatz – in Berlin am 10. Mai 1933 Foto: dpa

Mit Ausstellungen, Lesungen und Gedenkveranstaltungen wird im Mai und Juni an die Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten vor 85 Jahren erinnert. Am 10. Mai 1933 zündeten die braunen Machthaber in einer »Aktion wider den undeutschen Geist« in 22 deutschen Universitätsstädten Zehntausende Bücher von Autoren an, die ihnen missliebig waren. Dazu gehörten Werke etwa von Bert Brecht, Erich Kästner und Kurt Tucholsky, aber auch wissenschaftliche Schriften von Sigmund Freud sowie Albert Einsteins Relativitätstheorie.

»Hitler wusste, warum er die Künstler, alle Künstler, durch den Scheiterhaufenprozess der entarteten Kunst zum Schweigen verurteilte«, schrieb der Schriftsteller und Kritiker Alfred Kerr, der 1933 nach England emigrierte. »Weil von wahrer Kunst Schärfung des Gewissens, Stärkung des Geistes, Kritik an der Halbwahrheit ausgeht, weil sie Aufruf zur höchsten Menschlichkeit ist.«

Feuer In Berlin wollten 70.000 Zuschauer sehen, wie etwa 25.000 »undeutsche« Bücher auf dem Opernplatz – dem heutigen Bebelplatz – verbrannt wurden, in München kamen 50.000 Menschen zusammen. Zwischen Frühjahr und Herbst 1933 sind nach Angaben des Moses Mendelssohn Zentrums rund 100 Bücherverbrennungen dokumentiert. In Wuppertal wurden bereits am 1. April 1933 Schriften ins Feuer geworfen. Dazu gehörten auch die Werke der jüdischen Autorin Else Lasker-Schüler, die aus Wuppertal stammte.

Wochen vor dem 10. Mai 1933 hatte das Reichspropagandaministerium Listen mit Buchtiteln und den Namen von Autoren zusammengestellt. Eine unselige Rolle spielten Studenten, allen voran die regimetreue »Deutsche Studentenschaft«. An den Universitäten hingen Plakate mit Forderungen, den »undeutschen Geist« aus öffentlichen Büchereien »auszumerzen«. Studentengruppen fuhren mit Lastwagen von Leihbücherei zu Leihbücherei, um Bücher und Schriften einzusammeln, die auf der »schwarzen Liste« standen.

Unter deutschnationalen Kampfgesängen und pathetischen Reden wurden sie dann ins Feuer geworfen. Unter den unerwünschten Autoren waren Alfred Döblin, Heinrich und Klaus Mann, Karl Marx, Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Theodor Wolff und Stefan Zweig. Insgesamt wurden Werke von mindestens 94 deutschsprachigen und 37 fremdsprachigen Autoren verbrannt.

Ästhetik Viele Literaten verließen Deutschland. »Allein die Zahl der exilierten deutschen Schriftsteller wird auf bis zu 2000 geschätzt«, schrieb der Vorsitzende der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, Hajo Jahn, in dem Buch Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989 – Die verbrannten Dichter. Alle geeint habe »der Widerstand gegen das NS-Regime und seine Unfreiheit. Sie verband eine andere Ästhetik als die der Nazis.«

Seit Januar 2015 gibt es in Solingen ein »Zentrum für verfolgte Künste«. Dort wird nicht nur an die berühmt gebliebenen Autoren erinnert. Es geht auch um die weitaus größere Zahl derjenigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Werke von den Nazis verbrannt und die im Nachkriegsdeutschland auch literarisch vergessen wurden.

Die Bücher brannten, weil sie kommunistisch, sozialistisch, liberal, pazifistisch oder auch anarchistisch waren. Und weil sie angeblich die Geschichte verfälschten, das Ansehen deutscher Soldaten beschmutzten, Familie und Kirche verhöhnten, von jüdischen Autoren stammten oder jüdische Themen behandelten, erotisch oder »sittenlos« waren.

Liste Alleine in Berlin wurden bis Ende Mai 1933 rund 10.000 Zentner Literatur beschlagnahmt und vernichtet. Berühmt wurde der solidarische Aufruf »Verbrennt mich!« des bayerischen Schriftstellers Oskar Maria Graf (1894–1967), der sich mit einigen seiner Werke auf der »Weißen Liste« der vom NS-Regime empfohlenen Bücher wiedergefunden hatte.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beging den 85. Jahrestag der Bücherverbrennungen mit einer zentralen Gedenkveranstaltung am 7. Mai im Historischen Museum in Frankfurt am Main. Autorinnen und Autoren gaben Kolleginnen und Kollegen von 1933 ihre Stimme: Sie lasen aus Werken, die vor 85 Jahren verbannt und den Flammen ausgeliefert wurden.

In mehreren deutschen Städten, etwa in Berlin, Göttingen und Düsseldorf, weisen Gedenktafeln unweit von Orten, an denen die Nazis die Scheiterhaufen für die Literatur errichteten, mit einem Zitat des Dichters Heinrich Heine (1797–1856) auf die Untaten hin: »Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.«

Das Zitat stammt aus dem 1823 veröffentlichten Jugenddrama Almansor und bezieht sich auf die Unterdrückung des Islam und die Vertreibung der Muslime im Spanien des 15. Jahrhunderts. Im NS-Deutschland sollte der 10. Mai 1933 ein Auftakt sein für das Menschheitsverbrechen Holocaust.

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