Offener Brief

Lieber Naftali Bennett!

Naftali Bennett Foto: Flash 90

Wie ich lese, haben Sie eine tief besorgte Rede gehalten, als neulich das American Jewish Committee (AJC) seine Jahresversammlung in Israel abhielt. »Wenn es etwas gibt, das mich nachts wachhält, dann ist es nicht der Iran, sondern die Zukunft der Juden in Amerika«, haben Sie gesagt. »Wir müssen das dringend zusammen korrigieren.«

Als Minister für Diaspora-Angelegenheiten sähen Sie es als Ihr Hauptziel an, die amerikanischen Juden zu retten: »Wenn wir nicht dringendst handeln, werden wir Millionen an die Assimilation verlieren.« Ich teile Ihre Besorgnis. Viele junge amerikanische Juden haben keinen Bezug mehr zu Israel und der Religion ihrer Eltern.

Ich versuche, meinen kleinen Beitrag zu leisten, mich diesem Trend entgegenzustemmen: Wir werden unseren kleinen Sohn im Herbst an eine jüdische Schule mit deutlich zionistischer Ausrichtung schicken, er wird dort Hebräisch lernen; selbstverständlich haben wir ihn von Anfang an jüdisch erzogen usw. usf.

Handreichung Allerdings gibt es auch ein paar Dinge, die ihr in Israel tun könnt, um mir und Eltern wie uns die Aufgabe zu erleichtern. Hier eine kleine Handreichung in fünf Punkten.

Erstens: Es würde helfen, wenn Israel – genauer gesagt, das Rabbanut – die Religion der Mehrheit der amerikanischen Juden nicht wie Schweineschnitzel mit Garnelengarnierung behandeln würde. Die Religion der Mehrheit der amerikanischen Juden ist nun einmal das Reformjudentum. Sie mögen das nicht gut finden, aber wenn man den amerikanischen Juden durch Worte und Taten zu verstehen gibt, dass die Tempel, in die viele von ihnen am Schabbat zum Beten gehen, nicht mehr sind als Kirchen ohne Glocken, dann treibt man ihre Kinder der Assimilation geradewegs in die Arme.

Auf lange Sicht sehe ich die einzige Lösung darin, dass das Rabbanut alle Spielarten des Judentums – Reform, konservativ, rekonstruktionistisch, egal – als gleichwertig anerkennt. Ein radikaler Vorschlag, ich weiß. Und es wird halachische Probleme geben: Probleme bei der Eheschließung und bei Konversionen. Aber ohne diese radikale Reform wird die Kluft zwischen Israel und der amerikanischen Diaspora bald so breit sein, dass kein Steg mehr hin­überführt.

Republikaner Zweitens: Wenn demnächst wieder eine amerikanische Botschaft in Jerusalem eröffnet wird, dann sollte Israel bitte darauf bestehen, dass zur Botschaftseröffnung auch ein paar Mitglieder der Demokratischen Partei eingeladen werden. Sie mögen das bedauern, aber es ist eine unverrückbare Tatsache, dass die meisten amerikanischen Juden zuverlässige Demokraten sind. Wenn nur Republikaner eingeladen werden, freut sich vielleicht Sheldon Adelson, der rechte Tycoon aus Las Vegas. Die Mehrheit der amerikanischen Juden fühlt sich düpiert, ausgegrenzt und beleidigt.

Drittens: Gleichzeitig sollte Israel darauf bestehen, dass bei einer solchen Botschaftseröffnung nicht zwei christliche Hassprediger eingeladen werden, von denen einer gesagt hat, der Holocaust sei von Gott veranstaltet worden, um die Juden gen Zion zu treiben, während der andere verlauten ließ, Juden, die sich nicht taufen ließen, kämen gewiss in die Hölle. Und es sollte auch kein rassistischer Rabbi eingeladen werden, der Schwarze als »Affen« bezeichnet hat.

Wissen Sie, lieber Naftali Bennett, die amerikanischen Juden sind mit Recht stolz darauf, dass sie in der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre eine herausragende Rolle gespielt haben; hätten Martin Luther King nicht die Kugeln eines Mörders niedergestreckt, dann wäre er am Sederabend bei Rabbi Heschel zu Gast gewesen. Rassismus kommt bei amerikanischen Juden also einfach nicht so gut an.

Trump Viertens: Bibi Netanjahu sollte sich etwas weniger häufig an der Seite von Viktor Orbán, dem von vielen als antisemitisch kritisierten Premierminister Ungarns, fotografieren lassen. Likudniks mögen in dem holden Wahn schweben, die völkische Welle, die derzeit über Europa schwappt, sei irgendwie gut für Israel; die meisten amerikanischen Juden hingegen finden solche Fotos durchaus vomitierenswürdig.

In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt: Netanjahu sollte nicht versuchen, bei Trump den Hofjuden zu spielen. Zum einen ist diese Stelle schon besetzt (Jared Kushner), zum anderen sollte euch Israelis klar sein: Irgendwann wird die Ära Trump zu Ende gehen – sei es in zwei, sei es in sechs Jahren. Kann sein, dass es vorher einen Weltkrieg gibt, aber ich würde mich nicht darauf verlassen. Und die meisten amerikanischen Juden – vor allem die jüngeren – hassen Donald Trump nicht; nein, sie verabscheuen ihn.

Fünftens: Das Folgende werden Sie nicht so gern hören, da Sie einer Partei angehören, die für die Annexion des Westjordanlandes eintritt. Aber irgendwann wird Israel anfangen müssen, sich aus Judäa und Samaria zurückzuziehen. Ja, ich weiß, es ist alles nicht so einfach. Aber Demografie ist Demografie, und irgendwann werden muslimische Araber die Mehrheit der Bevölkerung zwischen Mittelmeer und Jordan stellen.

Die einzige Art, wie Israel dann noch seine Herrschaft über die Palästinenser aufrechterhalten könnte, wäre, dass es sich in einen harten, rassistischen Diktaturstaat verwandelt. Mit dem Nebeneffekt, dass noch mehr junge US-Juden beschließen: Wir wollen nichts mehr mit dem zionistischen Projekt zu tun haben. Und das fänden wir doch beide nicht so gut, oder?

Schalom Uwracha,

Ihr Hannes Stein

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