Amos Oz

Liebe und Finsternis

Ein Leben für die Literatur und den Frieden: Zum Tod des israelischen Schriftstellers

von Anat Feinberg  04.01.2019 12:54 Uhr

Amos Oz (1939–2018) Foto: Getty Images / istock

Ein Leben für die Literatur und den Frieden: Zum Tod des israelischen Schriftstellers

von Anat Feinberg  04.01.2019 12:54 Uhr

Von den meisten hochgeschätzt, gar bewundert, von einigen aber auch heftig kritisiert und als Verräter beschimpft – das Verhältnis der Israelis zu ihrem weltbekannten Schriftsteller Amos Oz, der jahrelang als ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, war ambivalent.

Dennoch: Als sich die Nachricht von seinem Tod am Freitag vergangener Woche verbreitete, herrschte im ganzen Land Trauer. Das Fernsehprogramm wurde unterbrochen und umgestellt, in Internet‐Blogs und auf Twitter verbreitete sich die große Betroffenheit in Windeseile. Nur selten stand die hebräische Literatur mit einem ihrer herausragenden Repräsentanten so im Fokus der Medien, verdrängte sogar die politischen Schlagzeilen. Amos Oz wird in die Geschichte Israels nicht nur als großer Dichter eingehen, sondern als eine wichtige politische Stimme seiner Zeit.

ZWEIFEL Was zeichnete den 1939 in Jerusalem geborenen Oz aus? Zum einen war er der profilierteste Vertreter der sogenannten Generation des Staates (Dor ha‐medina). Nicht der Kampf um einen souveränen jüdischen Staat, sondern die Frage, wie sich der Alltag eines alt‐neuen Volkes auf der Suche nach »Normalität« gestalten lässt, stand im Vordergrund bereits seiner ersten Werke.

Hingabe, aber auch Zweifel und Verunsicherung waren von Anfang an unüberhörbar. »Unsere Ländereien betrügen uns«, schrieb Anfang der 60er‐Jahre das damalige Mitglied des Kibbuz Chulda in seinem eindrucksvollen Prosadebüt, dem Erzählband Arzot Hatan (1965; Wo die Schakale heulen). Solche Kritik an dem Idealbild einer neuen, gesunden hebräischen Gesellschaft, dem Kibbuz, war damals ungewöhnlich, verkörperte diese Institution doch für viele die Erfüllung des zionistischen Traums im sozialistischen Gewand.

Oz wird als großer Dichter und wichtige politische Stimme in die Geschichte eingehen.

In seiner Erzählung »Beduinen und Kreuzottern« nähert sich ein Mädchen einem jungen Beduinen, während die übrigen Kibbuzbewohner vor solchen Kontakten zurückschrecken, gar warnen. Oz schilderte das Leben im Kibbuz aus der Binnenperspektive, mal mit Wehmut, mal mit Ironie. Die Natur, gar das Land erweist sich als Projektionsfläche eigener Ängste und Sehnsüchte. Bereits damals imponierte der brillante Stil, die außergewöhnliche, reiche poetische Erzählsprache des jungen Autors. Immer wieder erwies sich Oz als ein leidenschaftlicher Liebhaber der hebräischen Sprache. Die detailreichen Beschreibungen von Landschaften beispielsweise waren stets von sinnlicher Wahrnehmung geprägt, von einem poetischen Gespür für Klänge, Geräusche, Licht und Dunkelheit.

LIEBSCHAFTEN Die Kluft zwischen den Generationen sowie geheimnisvolle Liebschaften in der Großfamilie des Kibbuz griff Oz auch in seinem ersten, 1966 publizierten Roman Makom Acher (Ein anderer Ort) auf. Das israelische Vorzeigeprojekt der ländlichen, sozialistisch gesinnten Kollektivsiedlung gehört mittlerweile zwar der Vergangenheit an. Oz, der diese Gemeinschaft als Mikrokosmos der israelischen Gesellschaft schilderte, ist aber zweifellos der wichtigste Vertreter der »Kibbuz‐Literatur«.

Bekannt wurde der Autor im Ausland durch seinen zweiten Roman, Michael Scheli (1968; Mein Michael), die Geschichte einer Ehe im Jerusalem der 50er‐Jahre. Hannah verliebt sich in den eher scheuen und wenig heldenhaft wirkenden Michael Gonen, einen Geologen, den sie rasch und entschlossen heiratet. Am Vorabend der Hochzeit träumt Hannah erstmals von zwei arabischen Zwillingen, mit denen sich Erinnerungen an die Kindheit verbinden, die zugleich aber als teils gewalttätige, teils spontan‐vitale Verführer erscheinen. Die Ehe erstarrt alsbald in einem freudlosen Alltag und verstärkt ihre Neigung zur Depression.

Die Träume von den arabischen Zwillingen, die ihre Angstzustände begleiten, spiegeln Hannahs Hang zur Selbstzerstörung, aber auch ihre verdrängte Aggressivität und ihre erotischen Sehnsüchte wider, während Michael sich in seine Arbeit flüchtet.

Vor dem Hintergrund des Sinai‐Feldzugs erinnert sie sich an den Kampf zwischen Aziz, einem der arabischen Zwillinge, und Jehuda, einem jüdischen Jungen; dieser Zweikampf, bei dem auch Blut floss, wird zum Sinnbild des erbitterten Krieges um das Stück Land, auf dem der Staat Israel errichtet wurde.

Hingabe, aber auch Zweifel sind in seinem Werk von Anfang an unüberhörbar.

Während Selbstzweifel und Ängste Hannah zu zerstören drohen, schwelgt die Gesellschaft im nationalen Stolz. In der Frauengestalt der Hannah, die sich an den arabischen Zwillingen für ihr verlorenes Leben rächen will und sie zugleich begehrt, verletzte Amos Oz gesellschaftliche Tabus seiner Zeit.

Zwischen den Zeilen erkennt man von Anfang an die nonkonformistische Haltung eines Autors, der sich immer mehr am politischen Diskurs beteiligte. Nach dem Sechstagekrieg war Oz einer der Initiatoren des Bandes Siach Lochamim (1967; Das Gespräch der Kämpfenden), der sich besonnen und mahnend gegen den Siegestaumel, der damals das Land erfasste, aussprach. Als aktives Mitglied war er in mehreren Parteien engagiert, die allesamt ein liberales, linksgerichtetes Programm propagierten. 1990 verließ er die Arbeiterpartei und schloss sich der links von ihr positionierten Meretz‐Partei an.

Oz zählte außerdem zu den Gründungsmitgliedern der Friedensbewegung »Shalom achshav« (Frieden jetzt), die im Ausland als »Peace Now« bekannt wurde. Er war ein bekennender Zionist und leidenschaftlicher Liebhaber seiner Heimat, der jedoch für den Frieden mit den arabischen Nachbarn zu weitreichenden Kompromissen bereit war. Seine humanistische und politische Haltung hat Oz einmal so formuliert: »Der Mensch muss etwas für die anderen tun und keine Möglichkeit auslassen. Sieht er ein Feuer, muss er versuchen, das Feuer zu löschen. Hat er keinen Eimer mit Wasser, soll er ein Glas benutzen. Hat er kein Glas, soll er einen Löffel nehmen.« Einen Löffel, so Oz, habe schließlich jeder von uns.

NAHOST Doch nicht nur als Autor und Aktivist, sondern auch als eloquenter Redner war Oz nicht zuletzt in Deutschland bekannt, als ein Meister des gesprochenen Wortes, der sein Publikum in den Bann schlug, egal ob er über Nahostpolitik, über die besonderen und sonderbaren Beziehungen zwischen Deutschen und Juden beziehungsweise Israelis oder über Literatur sprach.

Im Laufe der Jahre wurden seine Werke in über 40 Sprachen übersetzt. Das Ansehen, das er weltweit genoss, zeigte sich nicht zuletzt in der langen Liste von Auszeichnungen, darunter der Israel‐Preis und der Bialik‐Preis. Einige der wichtigsten Preise und Ehrungen wurden ihm übrigens in der Bundesrepublik verliehen, darunter der prestigeträchtige Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1992), der Goethe‐Preis der Stadt Frankfurt (2005) sowie der Heinrich‐Heine‐Preis (2008).

Amos Oz war ein bekennender Zionist und leidenschaftlicher Liebhaber seiner Heimat.

Besonders erfolgreich waren seine seit der Jahrtausendwende erschienenen Bücher. In seinem viel gerühmten autobiografischen Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis (2002), den nicht wenige Literaturkritiker als sein Opus magnum betrachten, lieferte Oz einen Bildungsroman – ein Porträt des Künstlers als junger Mann, gleichzeitig aber auch eine nationale Autobiografie, nämlich die Geschichte des säkularen Zionismus im vorstaatlichen Israel, die von Idealen und Illusionen, Hoffnungen und Schicksalsschlägen geprägt ist. Zum ersten Mal wird der Tod seiner depressiven Mutter erwähnt, die sich das Leben nahm. Oz war damals zwölf Jahre alt.

JUDAS Im Zentrum seines letzten, kammerspielartigen Romans Judas (2014) steht die kontroverse biblische Figur des Judas Iskariot. Auf theologischer Ebene geht es um die Rolle Judas bei der Auslieferung Jesu an die römische Obrigkeit, hier vor allem um die Umdeutung seines Verrats. Gleichzeitig setzt sich Oz mit dem politisch‐ideologischen Verrat auseinander. Wer ist der wahre Verräter? Der Mann, der der Wahrheit ins Auge sieht, oder die anderen, die einen mutigen Nonkonformisten als Verräter abstempeln?

Bedenkt man Oz’ lebenslanges Engagement als unbequemer, mutiger Denker, der für humanistische Ideale eintrat, gewinnen diese Fragen auch eine autobiografische Dimension. Die vielfältigen Verschränkungen zwischen Literatur und Politik, die sich durch Oz’ Werk ziehen, sind noch längst nicht umfassend untersucht. Vor allem aber hinterlässt Oz ein literarisches Vermächtnis, in dem auch zukünftige Generationen einen großen Erzähler entdecken werden.

Anat Feinberg ist Professorin für Hebräische und jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

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