Ausstellung

Liebe bis in den eiskalten Tod

Die Titanic, knapp zwei Wochen vor ihrem Untergang Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Unfassbar, dass die rund 30 Sekunden lange, berührende Szene aus dem oscargekrönten Film Titanic (1997) herausgeschnitten wurde. Denn sie ist großes Hollywood-Kino und zeigt, dass Liebe stärker ist als der kalte Tod: Der Eisberg ist gerammt worden, die Titanic sinkt, Menschen schreien, Rettungsboote plumpsen ins Wasser. Inmitten des Chaos umarmt sich auf dem Deck des Passagierdampfers ein älteres deutschstämmiges Paar: Isidor und Ida Straus.

»Frauen und Kinder zuerst«, schallt der Ruf. Doch die 63-jährige Ida Straus, geborene Blün, aus Worms entscheidet sich, bei ihrem vier Jahre älteren Ehemann zu bleiben und nicht ins Rettungsboot zu steigen – der sichere Tod. »Wir waren mehr als 40 Jahre zusammen, ich lasse dich nicht allein«, sagt die Film-Ida zu ihrem Isidor, der nach kurzem Zögern nickt.

Kaiserslautern Der jüdische Geschäftsmann und Multimillionär Isidor Straus, der 1845 im pfälzischen Otterberg bei Kaiserslautern geboren wurde, und seine Frau waren zwei der rund 1500 Menschen, die mit der Titanic untergingen. Das seinerzeit größte Schiff der Welt sank in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im Atlantik vor Neufundland. Eine Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zeigt von Sonntag an bis zum 28. Juni rund 250 aus dem Schiffswrack geborgene Exponate und stellt Biografien von Passagieren, darunter die der beiden Auswanderer Isidor und Ida Straus, vor. Zuvor war die Schau in Paris, Amsterdam und Brüssel zu sehen.

Die zu Herzen gehende Episode über die letzten Minuten des Mitinhabers des berühmten Kaufhauses Macy’s in New York und seiner Frau, die sich auf dem Rückweg von einer Europareise befanden, könnte sich wirklich so zugetragen haben, urteilt der Historiker Sebastian Zanke. Er bereitete die Lebensläufe der rund 25 deutschstämmigen Titanic-Passagiere für die Speyerer Ausstellung auf. Von den Ereignissen auf dem britischen Passagierdampfer gebe es zahlreiche Augenzeugenberichte.

Isidor Straus ist das beste Beispiel eines amerikanischen Selfmademan, der sich aus bescheidenen Verhältnissen emporarbeitete. Die jüdische Familie Straus wanderte in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgrund finanzieller Probleme nach Amerika aus.

Lazarus Straus, seine Frau Sara und ihre vier Kinder waren dort wirtschaftlich erfolgreich mit dem Handel mit Glas- und Porzellanwaren. Die Familie stieg in die Geschäftsleitung des Kaufhauses Macy’s ein und übernahm es schließlich. Isidor Straus saß zeitweise für die Demokraten im US-Repräsentantenhaus.

Karitativ Die Straus-Familie hat bis heute in den USA einen guten Ruf, sagt der Kaiserslauterer Historiker Roland Paul. Isidor Straus setzte sich für seine Angestellten ein, errichtete für sie eine Bibliothek, einen Fitnessraum und Bäder. Wie sein Vater und seine Brüder unterstützte er zahlreiche karitative und jüdische Einrichtungen in den USA, in Palästina und Deutschland. Auch die wirtschaftliche Not der kleinen jüdischen Gemeinde in Otterberg versuchte er, mit Geldspenden zu lindern.

Bei der Beerdigungszeremonie in New York würdigte der Rabbiner Samuel Schulmann seinen engen Freund Isidor als einen »großen Juden« und Menschenfreund. Zu einer Gedenkfeier einige Tage später kamen rund 40.000 Menschen. Das persönliche Drama des alten Ehepaars fasziniere die Nachwelt bis heute, sagt der Historiker Zanke. Es bestätige das traditionelle Rollenbild, dass sich Männer für Frauen aufopferten, sowie den Stellenwert der Ehe. Auch werfe es die Frage auf, wie man selbst sich in ähnlicher Situation verhalten würde.

In der Folgezeit entwickelte sich in Literatur, Film und Theater der Mythos von der unsterblichen Liebe der beiden Auswanderer aus Deutschland. Überhöht wird ihr Liebestod im Broadway-Musical Titanic, wo Isidor seine Liebe zu Ida besingt. James Camerons Titanic-Film zeigt nur eine fiktive Szene, in der sich die beiden in ihrer Kabine gegenseitig festhalten, als das Wasser hereinströmt.

Die Leiche von Ida wurde nie gefunden, die von Isidor barg das Suchschiff Mackay-Bennett. Auf ihrem Gedenkstein auf dem Friedhof in der New Yorker Bronx steht: »Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen – auch die Fluten können sie nicht ertränken.«

Die Titanic-Ausstellung ist seit 21. Dezember täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.titanic-dieausstellung.de
www.museum.speyer.de

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