»Haymatloz«

Letzte Zuflucht Istanbul

Eine Linie auf der Landkarte der Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und der Türkei war lange vergessen. Erst die deutsch-türkische Dokumentarfilmerin Eren Önsöz suchte 2006 in ihrem Film Import–Export ausführlich nach Spuren jener rund 1000 Wissenschaftler, Künstler, Stadtplaner und Architekten, die nach ihrer Vertreibung aus Nazi-Deutschland Zuflucht, Wertschätzung und neue Aufgaben in der Türkei fanden.

Unter Mustafa Kemal Atatürk sollte die 1923 gegründete türkische Republik nach westlichem Vorbild reformiert und wirtschaftlich entwickelt werden. Deutsche Exilanten gestalteten in Hochschulen, Ministerien und Planungsstäben diesen enthusiastischen Aufbruch des nationalstolzen neuen Staates mit.

Flüchtlinge Zehn Jahre nach ihrem Debüt setzt die Filmemacherin ihr Herzensthema nun in Haymatloz (»Heimatlos« lautete der Eintrag in den Ausweisen der Einwanderer) fort. Ihr Film erzählt – in leuchtenden Farben und immer wieder mit orientalischer Musik hinterlegt –, wie fünf sichtlich berührte Kinder von jüdischen Flüchtlingen nach Istanbul und Ankara zurückkehren, und wie sie dort Zeugnisse der Lebensleistung ihrer Eltern wiederfinden.

2014, vor den Putschereignissen dieses Sommers und der folgenden autoritären Ausrichtung der Türkei entstanden, spiegelt Eren Önsöz’ Film auch die sorgenvolle Stimmung unter liberalen türkischen Wissenschaftlern, die Eingriffe in die laizistischen Bildungs- und Kulturstrukturen des Landes befürchten. Doch nicht die politischen Fragen, aus welcher Geschichte sich die Entwicklung der Türkei speist und wohin sie steuert, sind das Thema des Films. Das Zentrum und seine Stärken liegen in der Ausstrahlung seiner Protagonisten.

Die Zürcher Psychotherapeutin Susan Ferenz-Schwartz etwa macht sich die Ehrung des Andenkens an ihren Vater Philipp Schwartz zur Aufgabe. Der Pathologe wurde, weil er Jude war, von der Universität in Frankfurt am Main vertrieben, gründete in der Schweiz die »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland« und verhalf so annähernd 3000 verfemten Kollegen zur Flucht – und vielen von ihnen zu einer Anstellung an türkischen Universitäten. Oder Elisabeth Weber-Belling, die Tochter des Bildhauers Rudolf Belling, die auf Stadtrundgängen in Istanbul begeistert Anschauungsmaterial für eine Publikation über den Vater sammelt, der einst als Präsident der Kunstakademie Istanbul fungierte.

Erdogan Historische Filmfragmente im Stil von Symphonie der Großstadt machen anfangs den modernistischen Schub der Türkei auch kinematografisch anschaulich. Heute, so der zwiespältige Befund der deutschen Besucher, wirken manche einst innovative Arbeitsstätten ihrer Eltern museal, andere Orte fielen dem von Recep Tayyip Erdogan vorangetriebenen Bauboom und seiner Symbolpolitik zum Opfer.

Wieder andere Begegnungen machen neugierig auf die historischen Hintergründe bestimmter Konflikte, die der impressionistische Episodencharakter des Films nur andeutet. So schuf Rudolf Belling, ein Vertreter der Bauhaus-Ästhetik, am Ende monumentale Standbilder des Atatürk-Nachfolgers Inönü.

Haymatloz erinnert an die leuchtende Seite der Geschichte. Eine Fortsetzung folgt hoffentlich.

Der Trailer zum Film:
www.youtube.com/watch?v=1w38GL-Mjrc

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026