Porträt

Letzte Freiheit

Foto: Uwe Steinert

Ich möchte, dass du mir hilfst, Schluss zu machen.» Es sind schlichte Worte, die das Leben von Emmanuèle Bernheim für immer verändern sollen, gesprochen von ihrem Vater André Bernheim in einem Pariser Krankenhaus im November 2008. Kurz zuvor hat der 88-Jährige einen schweren Schlaganfall erlitten, der ihn ans Bett fesselt.

Der bis dahin lebenslustige Kunstsammler kann nur mit Mühe sprechen, selbst das Schlucken ist ihm anfangs nicht mehr möglich. Als er seine Tochter um das Unfassbare bittet, ist ihr erster Impuls zu fliehen. Doch Emmanuèle Bernheim entschließt sich, ihrem Vater den Wunsch zu erfüllen. In ihrem autobiografischen Buch Alles ist gutgegangen erzählt sie von jener Zeit.

gefühle Es ist ein schnörkelloser und diskreter Bericht, der vielleicht gerade wegen seiner Zurückhaltung berührt: Bernheim beschreibt darin behutsam und doch schonungslos, was zwischen dem Schlaganfall ihres Vaters und seinem Tod im Juni 2009 passiert. Für sie selbst war das Buch eine Möglichkeit, jene Zeit, die ihr und der vier Jahre jüngeren Schwester Pascale wie ein Albtraum vorkam, realer werden zu lassen. «Damals standen vor allem die organisatorischen Dinge im Vordergrund, die getan werden mussten», erinnert sich die Schriftstellerin. «Das Schreiben hat mir zum ersten Mal erlaubt, mich mit meinen Gefühlen zu beschäftigen und zu trauern.»

Der Tod des eigenen Vaters, Sterbehilfe als großes Tabu: Es sind schwere Themen, um die Bernheims Buch kreist, und doch wird es von einem feinen Humor durchzogen, der nicht selten von der Absurdität der beschriebenen Situationen lebt. Da fragt der eitle Vater, nachdem er per Videoaufzeichnung seinen Todeswunsch bestätigt hat, seine Tochter «War ich gut?». Und eben jener Vater erklärt, nachdem er den bitteren Gifttrank in einem Schweizer Sterbehilfehaus getrunken hat, Champagner wäre ihm lieber gewesen.

Den Trank muss er allein einnehmen: Am Vorabend der Fahrt in die Schweiz wird der Plan verraten, die beiden Schwestern werden daraufhin stundenlang von der Polizei verhört, sodass der Vater ohne seine Familie mit dem Krankentransport reisen muss. «Ich dachte immer, ich könne seine Hand halten, wenn er stirbt, mich von ihm verabschieden», so Bernheim. «Aber ich konnte nicht bei ihm sein und hatte das Gefühl, sein Tod sei mir gestohlen worden.» Das Buch habe ihr etwas davon zurückgegeben.

entblössung Rund zwei Jahre hat sie daran geschrieben – es ist das erste Mal, dass die Schriftstellerin in einem ihrer Werke das «Ich» benutzt hat, ein schwieriger Prozess. «Ich hatte mit einer Art Protokoll begonnen, aber das war einfach langweilig», erzählt sie. Erst als persönlicher Bericht konnte das Buch funktionieren. Doch bei aller Subjektivität hat Bernheim darauf geachtet, nicht zu viel von sich preiszugeben. «Die Entblößung meiner selbst hat mir schon Angst gemacht», gibt sie zu.

Daher stehen alle intimen Momente immer im Zusammenhang mit dem Vater. So verwundert es nicht, dass die 58-Jährige ein sehr privater Mensch ist. Fernab ihrer beruflichen Erfolge – 1993 erhielt sie für ihr Werk Die Andere den französischen Literaturpreis Prix Médicis und schrieb mehrere Drehbücher mit dem Regisseur und Autor François Ozon, darunter für den Film Swimming Pool – ist nur wenig über die gebürtige Pariserin bekannt.

Und auch im Gespräch bewahrt sie eine freundliche Distanz, die erst auf den zweiten Blick sichtbar wird. Im Vordergrund stehen ihre elegante und lebenslustige Erscheinung, das aufgeweckte Gestikulieren, wenn ihr ein Wort nicht sofort einfällt, und der klare Blick ihrer strahlend blauen Augen, der durchdringend, aber zu keinem Zeitpunkt unangenehm ist.

selbstbestimmt Zu den wenigen Details, die sie fernab des Buches von sich erzählt, gehört, dass sie Filme liebt – um dann gleich wieder den Bogen zu ihrer Arbeit zu schlagen: «Bücher schreiben ist meine Art, Filme zu machen – ohne dass ich dafür Schauspieler oder Produzenten brauche.» Diese Art der Freiheit unterscheide auch ihre Romane von ihren Drehbüchern, ist Bernheim überzeugt: «Als Drehbuchschreiberin arbeite ich immer im Auftrag von anderen, während mir bei meinen Büchern jedes Komma, jeder Punkt und jeder Buchstabe gehört.»

Es scheint fast, als sei Freiheit ein Lebensthema für Emmanuèle Bernheim: Denn auch bei der Sterbehilfe geht es ihr vor allem um die Freiheit des Individuums, «um die Freiheit, sich seinen eigenen Tod selbst zu wählen», sagt sie. Ihr Vater sei nach seiner Entscheidung wahnsinnig erleichtert gewesen – insofern fühle sich die Französin nicht schuldig.

«Beim Verhör durch die Polizei ist das Urteil schon gefallen», so die Autorin – eine mitfühlende Polizistin, die in ihrer Familie Ähnliches erlebte, habe sie mit den Worten entlassen «Tun Sie, was Ihr Herz Ihnen sagt». Zudem hätten sie und ihre Schwester alle Hinweise des Schweizer Sterbehilfevereins befolgt, auch der Verlag habe sich vor Veröffentlichung des Buches sicherheitshalber rechtlich beraten lassen.

umstritten Fernab der gesetzlichen Bestimmungen ist Sterbehilfe jedoch auch ethisch und moralisch ein umstrittenes Thema. «Auch hier habe ich mich vor den Reaktionen nicht gefürchtet», betont Bernheim: Die Lösung der Situation sei für sie einfach selbstverständlich gewesen. Und: «Ich würde es wieder tun.»

Vielleicht ist hierbei auch von Bedeutung, dass Religion im Leben von Emmanuèle Bernheim keine große Rolle spielt. «Auch wenn mein Jüdischsein natürlich real ist», meint sie. Mit ihrer Schwester fand sie nach einiger Suche einen «aufgeschlossenen» Rabbiner, der bei der Beerdigung des Vaters das Kaddisch sprach – so wie dieser es sich gewünscht hatte. Die zentrale Bedeutung des Lebens und die Ablehnung von Sterbehilfe im Judentum ficht sie nicht an: «Mein Vater hat offensichtlich auch nicht darüber nachgedacht.»

Ebenso wenig scheint der Vater darüber nachgedacht zu haben, welche Bürde er seiner Tochter mit seinem Wunsch aufgibt. «Das hat er tatsächlich bis zum Schluss nicht», lacht Bernheim. Ihr Vater sei ein Egoist gewesen, und zwar in einem Ausmaße, dass sie seine Bitte nicht wirklich überrascht geschweige denn verärgert habe. Und doch: Hätte sie die Gelegenheit, würde sie ihn fragen, warum er nicht jemand anderen um Hilfe gebeten habe. «Einfach, weil mich die Antwort interessieren würde.»

mitreißend Nicht nur durch Bernheims Erzählungen im Gespräch, sondern auch durch ihr Buch vermittelt sich ein widersprüchliches Bild des Vaters: André Bernheim liebte das Leben, war ein sympathischer und mitreißender Charakter, der über alles Bescheid wissen wollte. «Er musste alles sehen, alles hören, alles probieren, vor allen anderen. Vor mir», schreibt seine Tochter. Gleichzeitig sei er nicht zum Vatersein gemacht gewesen – zahlreiche Anekdoten im Buch zeugen davon.

So bietet er seiner Tochter nach ihrem ersten Auftritt im Fernsehen an, ihr eine Nasenoperation zu bezahlen, lässt sie aus einem fahrenden Zug springen und zieht sie als pummeligen Teenager immer wieder wegen ihres Gewichts auf. «Er war selbstverliebt, grausam und sehr stolz darauf», beschreibt Bernheim. Auf eine Art und Weise habe ihr Vater allerdings anerkannt, dass sie diese Grausamkeit überlebt habe – auch wenn dazu lange Jahre Sitzungen beim Psychoanalytiker notwendig gewesen seien.

Als Jugendliche habe der Gedanke an Selbstmord sie getröstet, an eine kleine Pille, die Freiheit von der Gedankenlosigkeit des Vaters versprach. Insofern habe Bernheim die Freiheit, über den eigenen Tod zu entscheiden, schon immer stark beschäftigt.

würdigung Trotz dieser Erlebnisse ist Alles ist gutgegangen keine Abrechnung mit dem eigenen Vater. «Es war schwierig, die Balance zwischen Überhöhung und Verdammung zu finden», sagt Bernheim. Tatsächlich gelingt es ihr, das scheinbar paradoxe Bild eines Mannes zu zeichnen, dessen Fehler ihr deutlich bewusst sind und den sie doch über alles liebt. Insofern ist Alles ist gutgegangen auch eine letzte Würdigung ihres Vaters, der stets stark gewesen sei und es nicht mochte, wenn man weinte.

«Ein trauriges Buch wäre Verrat an meinem Vater gewesen», sagt Bernheim. Indem sie nun Interviews über das Buch gebe und über ihren Vater spreche, halte sie ihn weiter am Leben. «Er wäre sehr stolz, dass ich so viel über ihn erzähle», sagt Emmanuèle Bernheim und lächelt, um dann hinzuzufügen: «Aber nach fünf Jahren ist langsam gut.»

Emmanuèle Bernheim: «Alles ist gutgegangen». Übersetzt von Angela Sanmann. Hanser, Berlin 2014, 208 S., 18,90 €

Schule

Wissenschaftler fordert bessere Holocaust-Bildung

Es sei wichtig, mit der Vermittlung der Schoa bereits bei der Ausbildung der Lehrer anzusetzen

 12.11.2019

NS-Raubkunst

Leitfaden zur Provenienzforschung veröffentlicht

Die Publikation des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste soll als Orientierungshilfe für Museen und Sammlungen dienen

 12.11.2019

Karneval

Protest mit »Applausminute«

»Kölsche Kippa Köpp« will auf Antisemitismus aufmerksam machen

 11.11.2019

Filmvertrag

Woody Allen und Amazon legen Rechtsstreit bei

Der Fall soll ohne Urteil abgewiesen worden sein

 10.11.2019

Lesen!

»Kompass ohne Norden«

Neal Shustermans neuer Roman über seinen Sohn

von Katrin Diehl  10.11.2019

Filmgeschichte

Rückkehrer und Dagebliebene

Wie jüdische Regisseure ihre Erfahrungen mit Deutschland künstlerisch verarbeiten

von Lea Wohl von Haselberg  10.11.2019