Streit

Lehrstelle

Heute Schneepflüge, morgen Models: Auf dem Bebelplatz wird am 20. Januar die Fashion Week eröffnet. Micha Ullmans Mahnmal soll aber zugänglich bleiben. Foto: Marko Priske

Zwei Schneepflüge ziehen ihre Runden über den Berliner Bebelplatz. Mit schürfenden Geräuschen räumen die großen Schaufeln nach und nach das Gelände zwischen Humboldt‐Universität, Staatsoper und dem Hotel de Rome im Bezirk Mitte frei, bringen das grobe Kopfsteinpflaster zum Vorschein. Nur eine kleine Schneeinsel bleibt von ihnen unberührt. Eine Fläche, auf der ein einsamer roter Regenschirm steht. Als solle er die Glasplatte, die sich darunter befindet, vor dem weißen Niederschlag schützen. Grund genug gäbe es. Denn an dieser Stelle befindet sich die unterirdische »Leere Bibliothek« – das Denkmal, das seit mehr als 14 Jahren an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933 erinnert.

Champagnerlaune An genau diesem Ort werden schon sehr bald die Aufbauarbeiten für den Showroom der Mercedes‐Benz Fashion Week beginnen. Das Mode‐ ereignis wird vom 20. Januar an drei Tage lang auf dem Bebelplatz gastieren, und ein großes weißes Zelt wird direkt neben dem Denkmal stehen. Dort, wo sonst Berlinbesucher mit aufgeschlagenen Stadtführern die historische Mitte erkunden, werden polierte schwarze Wagen halten, Prominente über den roten Teppich durchs Blitzlichtgewitter schreiten und hübsche Models die neuesten Kollektionen junger De signer auf dem Laufsteg präsentieren. Während dieser drei Tage trifft sich das Who’s who der Modewelt zu Häppchen und Champagner. Der stille Bebelplatz verwandelt sich für 72 Stunden in eine schrille Location.

Für den Historiker Hans Coppi eine unerträgliche Vorstellung. Der Sohn der Widerstandskämpfer Hans und Hilde Coppi reichte im Mai 2009 zusammen mit anderen eine Petition beim Berliner Abgeordnetenhaus gegen die kommerzielle Nut‐ zung des Bebelplatzes ein. In Hinblick auf die Geschichte des Ortes sei das nicht angemessen, sagt Coppi. Mitte Dezember folgte dann eine öffentliche Anhörung vor dem zuständigen Petitionsausschuss. Der sprach sich danach gegen eine Kommerzialisierung des Platzes aus. Der Vorsitzende des Gremiums, Ralf Hillenberg (SPD), hofft nun, dass sich das Parlament diese Haltung zu eigen macht. Auch Harald Wolf (Die Linke) als Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen sei in dieser Sache gefordert. Denn sein Ressort ist für die Vergabe von Veranstaltungen wie der Fashion Week zuständig. Wolf ist sich der historischen Bedeutung des Bebelplatzes, des Mahnmals und der daraus erwachsenden Verantwortung durchaus bewusst und betont, dass die Modewoche an diesem Ort nur eine Interimslösung sein könne. »We‐ der Veranstalter noch Bezirk haben die Nutzung auf die leichte Schulter genommen«, sagt er auf Anfrage und versichert, dass alle Beteiligten an einer einvernehmlichen Lösung interessiert seien. Für die Show muss der Ausrichter IMG Fashion Europe Auflagen erfüllen: »Wir haben in Absprache mit der Stadt einen separaten Korridor im Veranstaltungsgebäude errichtet, um den Zugang zum Denkmal zu ermöglichen«, sagt Daniel Aubke, Sprecher von IMG Fashion Europe.

Der israelische Künstler Micha Ullman, Schöpfer des Denkmals, ist damit nicht zufrieden. Der Zaun, der um diesen Korridor verläuft, passe nicht in das Gesamtkonzept, den Platz in seiner ganzen Größe zu zeigen. Er ist enttäuscht, dass die Fashion Week zum wiederholten Mal an diesem Ort stattfinden wird. Für ihn ist nicht nachvollziehbar, warum die Stadt Berlin und Hauptsponsor Mercedes‐Benz gerade den Bebelplatz für dieses Event gewählt haben: »Wie kann man für eine solche Veranstaltung einen derartigen Ort wählen? Es wundert mich sehr, dass ein Unternehmen wie Mercedes das unterstützt.«

Nomaden Daniel Aubke, Sprecher des Veranstalters, hat nach eigenen Angaben vor längerer Zeit den Kontakt zu Ullmann gesucht, um ihn zu einer möglichen Nutzung des Bebelplatzes zu befragen. »Leider erhielten wir keine Antwort, wir befinden uns derzeit aber bereits auf der Suche nach einem alternativen Veranstaltungsort für die nächste Fashion Week, denn wir verstehen uns auch als Nomaden.« Doch in diesem Jahr bleibt es beim Bebelplatz als Standort. Dort, wo Ullmans »Leere Bibliothek« im Boden eingelassen ist. »Die Leute, die nach unten schauen, sind das Denkmal«, betont der Künstler. Was man sieht, nennt Ullman das »Grab einer Bibliothek«. In dem fünf Meter tiefen hellen Raum stehen fünf Meter hohe weiß getünchte Regale. 20.000 Bücher hätten darin Platz, doch die Regale sind leer. Eine Erinnerung an die geplünderte Alte Bibliothek, die sich an diesem Ort befand. Nachts, wenn der Raum beleuchtet ist, strahlt er als einsamer weißer Fleck auf dem dunklen Bebelplatz. Tagsüber allerdings, wenn sich der Himmel über Berlin in der Glasplatte spiegelt, geschieht das eigentlich Symbolische: »Die Wolken stehen für ein unendliches Brennen«, erklärt Ullman. Wenn man aber nun ein riesiges Zelt auf den Bebelplatz setze, entferne man den Himmel, sagt der Künstler. Selbst wenn dicke Schneewolken über Berlin hängen, wird ihre Bewegung gespiegelt. Das fasziniert auch Zhu Ling. Die 27‐Jährige aus Shanghai hat in Berlin studiert und stand schon oft auf dem Bebelplatz. Sie erinnert sich noch an das erste Mal, als sie die »Leere Bibliothek« sah: »Ich stutzte etwas, weil ich nicht gleich erkennen konnte, was genau da unten war. Ich sah erst die Wolken und dann den leeren Raum. Als ich schließlich die Inschrift neben dem Denkmal las, lief es mir kalt den Rücken runter.« Auf der Platte steht in bronzenen Buchstaben ein Zitat von Heinrich Heine: »Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.« Dass das Gesamtkonzept für den Platz durch die Fashion Week gestört wird, findet Zhu Ling nicht gut. Man könne doch einen anderen Ort finden. »Berlin ist so groß.«

Es wäre nicht das erste Mal, dass das Modeevent umziehen müsste. 2008 führte der Catwalk mitten durchs Brandenburger Tor. Es war die erste Fashion Week, und sie sollte mindestens so glamourös sein wie das Filmfest Berlinale. Doch dann kamen kritische Stimmen auf, das Brandenburger Tor sei nicht der richtige Ort, um Mode zu präsentieren.

Und beim Bebelplatz? Bisher kaum öffentliche Erregung. Herbert Mondry vom Berufsverband Bildender Künstler Berlin (BBK) findet das merkwürdig. Der BBK hat sich der Petition des Historikers Coppi angeschlossen: »Die ›Leere Bibliothek‹ von Micha Ullman ist das bedeutendste Denkmal Berlins.« Mondry ist enttäuscht, dass Wirtschaftssenator Wolf dem Ganzen zugestimmt habe. »Die Linkspartei hat sich doch Antifaschismus auf die Fahne geschrieben, warum dann diese Entscheidung?«

Parkplatz Die Modewoche ist nicht das einzige Problem des Bebelplatzes und seines Erinnerungsortes. Ein blaues Schild mit einem weißem P weist auf eine Tiefgarage hin. Anfang Dezember 2004 wurde diese mit 464 Stellplätzen eröffnet. Ein umstrittenes Projekt, das dann aber doch gebaut wurde, um die Straße Unter den Linden zu entlasten. Auch die Staatsoper ist regelmäßiger Gast auf dem Bebelplatz. Mit ihrem Sponsor BMW veranstaltet sie seit 1997 die »Staatsoper für alle«, bei der Veranstaltungen entweder live aufgeführt oder aus dem Gebäude übertragen werden. Und mehrere Winter lang gab es auf dem Platz eine 750 Quadratmeter große Eislaufbahn. Das ist Vergangenheit, die Gegenwart heißt Fashion Week. Doch ganz reibungslos wird die Veranstaltung wohl nicht über den Laufsteg gehen. Eine »Initiative Bebelplatz« lädt zu Beginn des Modespektakels zu einer Diskussion ein. Ziel ist es, die Fashion Week kritisch zu begleiten. In einem Schreiben wird dazu aufgerufen, das Denkmal halbstündlich zu besuchen und damit gegen die »Verschandelung des Erinnerungsortes« zu demonstrieren.

Am Abend des 23. Januar wird der rote Teppich eingerollt und das Modezelt abgebaut. Dann ist der Bebelplatz wieder frei – bis zur nächsten Ausnahmegenehmigung.

Am 20. Januar, 20 Uhr, lädt die »Initiative Bebelplatz« in das Haus der Stiftung Brandenburger Tor, Pariser Platz 7 zur Diskussion.

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