Kino

Leben und Sterben in Jaffa

Tel Aviv, an einem warmen Wintertag vor acht Wochen. Scandar Copti fährt mich mit seinem Auto nach Jaffa. Zusammen mit seinem Freund Yaron Shani, einem Israeli, hat der palästinensische Regisseur im dortigen Stadtteil Ajami den gleichnamigen Episodenfilm gedreht. In aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählten Geschichten geht es um kriminelle arabische Banden, israelische Polizei, die bei innerarabischer Gewalt wegschaut und mit Absicht nichts unternimmt, einen missglückten Drogendeal, der tödlich endet, und einen israelischen Ermittler, der verzweifelt versucht, seinen verschollenen Bruder zu finden. In Israel haben fast 200.000 Zuschauer den Film gesehen. Bei der Oscarverleihung am vergangenen Sonntag war er unter den Nominierten als beste ausländische Produktion. Diese Woche kommt er in die deutschen Kinos.

Auf dem Weg zu den Drehorten des Films erzählt Scandar, dass das arabische Jaffa nach der Unabhängigkeit Israels zwei Tage lang bombardiert und 1950 dann nach Tel Aviv eingemeindet wurde: »Es kamen sehr viele jüdische Einwanderer aus Osteuropa nach Jaffa, vor allem aus Bulgarien. Auch mein Großvater musste eine dieser bulgarischen Familien aufnehmen.«

BLUTGELD Kurze Zeit später halten wir vor einem Haus in einer menschenleeren Seitenstraße. Die Sonne scheint, der Himmel ist postkartenblau. »Hier wird der kleine Junge zu Beginn des Filmes erschossen«. Mit diesem tragischen Tod, dem Ergebnis einer Verwechslung, beginnt Ajami. Eigentlich wollten die Attentäter Omar treffen, einen jungen Mann, der dafür bestraft werden soll, dass sein Onkel einen Schutzgelderpresser niederschoss. Weil der dabei verletzte Erpresser im Auftrag eines einflussreichen arabischen Clans handelte, muss Omar sich mit ihm arrangieren, um sich und seine Familie zu retten. Ein Vermittler wird eingeschaltet, ein islamischer Richter verhängt ein hohes Blutgeld. Mit legaler Arbeit kann Omar die Summe nicht beschaffen. Er versucht zusammen mit dem illegal in Israel arbeitenden Palästinenser Malek, das Geld mit Drogendeals zu verdienen. Dabei kommt es zu einem tödlichen Schusswechsel, in den auch die israelische Polizei verwickelt wird.

Wie durchgängig im Film, wird auch der dramatische Höhepunkt aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt. Wer die Täter, wer die Opfer sind, ist danach nicht mehr eindeutig zu sagen. Die Wahrheit ist komplizierter, wie so vieles in Israel.

AUTHENTISCH Copti fährt mich weiter zu einem kleinen arabischen Lokal nahe dem Meer. Er erzählt von seinem Koregisseur Yaron Shani, den er seinen besten Freund nennt. Seit acht Jahren kennen sich die beiden. »Wir mögen das gleiche Kino, wir versuchen zu ergründen, wie sich Menschen benehmen und warum. Bei den Darstellern kam es uns immer darauf an, dass sie reale Emotionen spielen.« Diese Darsteller sind allesamt Laien: arabische Jugendliche, jüdische Polizisten, gewöhnliche Bürger. Das fertige Drehbuch bekam keiner von ihnen zu sehen, damit ihre Emotionen auf der Leinwand echt wirkten. Der einzige »Schauspieler«, der eine Rolle wirklich verkörpert, ist Scandar Copti selbst. Er spielt Binj, einen jungen arabischen Lebemann mit israelischer Freundin, der sich an die jüdische Mehrheitsgesellschaft angepasst hat. Viele junge arabische Männer, erzählt Copti, sprechen fließend Hebräisch, versuchen, als jüdische Israelis durchzugehen, um nicht der verbreiteten antiarabischen Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Wenn der christliche Araber über Politik spricht, wird er sehr hart, nennt Israel einen Apartheidstaat. Er erzählt von Schikanen, denen er ausgesetzt worden ist, dass er sich zum Beispiel auf einer seiner vielen Reisen einer kompletten Leibesvisitation unterziehen musste. Dabei kannte der israelische Grenzbeamte seinen Film und mochte ihn sogar.

Auch deshalb sind die Regisseure beim Dreh arbeitsteilig vorgegangen. Copti war für den arabischen Part zuständig, Shani für den israelischen. Anders ging es nicht. Israelische Polizisten hätten keinen Araber akzeptiert, Palästinenser keinen Juden. Wenn Yaron Shani, der für den Film extra Arabisch gelernt hatte, mit der israelischen Polizei in Jaffa unterwegs war, durfte er von den arabischen Bewohnern von Ajami nicht erkannt werden. Das hätte den Film gefährdet, weil er dann als Spitzel verdächtigt worden wäre.

Amerika ruft Erstaunlicherweise hat Ajami dann Palästinenser und Israelis, Araber und Juden emotional einander nähergebracht, berichtet Copti: »Israelische Zuschauer saßen in diesem Film und weinten mit einer palästinensischen Mutter, die auf ihren Sohn wartet, der erst mitten in der Nacht nach Hause kommt. Sie identifizierten sich mit ihr. Umgekehrt weinten auch Palästinenser, wenn ein Israeli seinen toten Bruder sucht. So kann man die Konflikte wieder humanisieren. Dann sage ich mir: Ich habe es geschafft.« Wir sitzen inzwischen in Jerusalem, im Studio von CNN. Yaron Shani ist dazugekommen. Die beiden Regisseure stehen kurz vor einer USA-Reise, um ihren Film in amerikanischen Städten zu präsentieren.

Shani ist nicht so optimistisch wie sein Kollege. »Wir leben immer noch wie in Clanstrukturen«, sagt er. »Wenn einer aus dem Clan bedroht wird, dann entmenschlichen wir den Gegner. Er wird zu einem Unmenschen und darf vernichtet werden. Geschieht das in einem Krieg, verlierst du die Hoffnung und glaubst nicht mehr an einen Dialog.« Auch deshalb hat Shani den Film gedreht: »Ich möchte den Preis zeigen, den man für Konflikte zahlt, bei denen Menschen zu Schaden kommen.«

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