Berlinale

Leben im Alarmzustand

Identitätssuche eines jungen israelischen Mannes: Tom Mercier als Yoav in »Synonyme« Foto: Guy Ferrandis / SBS Films

Was haben Lutz F. und Osama Z. gemeinsam? Sie wünschen Yorai Feinberg den Tod, weil er Jude ist. Israelischer Jude.

Feinberg hat beide angezeigt, aber sie bleiben unbehelligt. Feinberg fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. Der Gastronom lebt in der Stadt, die gerade Gastgeber für die 69. Filmfestspiele war, bei denen nicht nur so viele israelische Filme wie selten zuvor gezeigt wurden, sondern bei der auch eine israelische Produktion mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde: Synonyme von Nadav Lapid.

Das schauspielerische Ausnahmetalent Tom Mercier spielt den jungen Israeli Yoav.

Das schauspielerische Ausnahmetalent Tom Mercier spielt darin den jungen Israeli Yoav, der seiner Heimat den Rücken kehrt, weil er sie nicht mehr erträgt. Während der Exodus französischer Juden nach Israel anschwillt, wählt er die umgekehrte Richtung und flieht nach Paris, also eigentlich in die falsche Richtung. Aber Yoav hasst sein Geburtsland abgrundtief. »Israel«, brüllt Yoav seinem französischen Zufallsfreund Emile (Quentin Dolmaire) in rasendem Stakkato auf Französisch entgegen, sei »hässlich, obszön, ignorant, idiotisch, schäbig, stinkend, grob, abscheulich, hassenswert, beklagenswert, abstoßend, widerwärtig, niederträchtig, hartherzig«. Der schüttelt nur den Kopf: »So viel gleichzeitig kann kein Land sein, entscheide dich.«

sturzflut Es sind solche Passagen, die gern zitiert werden und dazu führen, dass der Film von Kritikern in Deutschland vorschnell als »antizionistisch« und als »Migrations‐Satire« wahrgenommen wird. Tatsächlich taugt Yoav aber nicht als Kronzeuge für Israelhasser, auch wenn er ihnen aus der Seele zu sprechen scheint. Er hetzt ziellos durch die Stadt, brabbelt in anschwellenden Sturzfluten Worte aus einem französischen Wörterbuch vor sich hin, radiert sein Hebräisch aus, aber er bleibt Israeli.

»Wer seine Sprache aufgibt, tötet einen Teil von sich selbst«, hatte sein geliebter Großvater ihn gewarnt. Yoav aber gibt alles her, seine Sprache, seine Herkunft, seine Geschichten. Er trifft auf eine gelangweilte Bourgeoisie, die ihn als exotischen Hofnarren hält und ihn nie verstehen wird, egal wie viele neue Wörter er lernt.

Er entblößt sich vollkommen, stellt seine Nacktheit buchstäblich zur Schau. Als Aktmodell und Pornodarsteller soll er Hebräisch sprechen. Der Nahostkonflikt als voyeuristisches Spektakel, ganz nach dem Geschmack der Europäer. Am Ende verweigert sich Yoav, will seine Geschichten zurück, will überleben – als Israeli.

Er hetzt ziellos durch die Stadt, will sein Hebräisch ausradieren, aber er bleibt Israeli.

Im Einbürgerungskurs deklamiert er die Hatikva und besteht darauf, sie bis zum Ende zu zitieren: »Erez Zion, Yeru­shalyim«. Er beendet seine Raserei schließlich vor der verrammelten Tür seines Freundes Emil und weiß, dass ihm nur die Rückkehr bleibt. Allein dort, wo sich seine Eltern um ihn sorgen und ihn vermissen, ist er jederzeit willkommen. Hier gibt es Feinde, aber keine Antisemiten.

In Frankreich dagegen sind die antisemitischen Straftaten allein im vergangenen Jahr um 74 Prozent gestiegen. Auch Regisseur Nadav Lapid war nach dem Militärdienst Hals über Kopf und ohne einen Cent und eine Silbe Französisch nach Paris geflohen. Auch er kam zurück. Die neuen antisemitischen Ausschreitungen des Gelbwestenmobs sind für ihn wieder Nachrichten aus dem Ausland.

spiegelbild Die zahlreichen und sehr unterschiedlichen israelischen Filme der 69. Berlinale sind Spiegelbild einer boomenden und bedeutenden Filmindustrie, wie sie kein anderes Land dieser Größe aufzuweisen hat. Alle sind nicht vordergründig politisch, aber sie erzählen vom Preis eines Lebens im dauerhaften Alarmzustand. Sie kreisen um die Themen Verletzung, Rettung und Scheitern.

In Chained von Yaron Shani rettet ein bulliger Polizist Kinder vor dem Verderben, aber er scheitert persönlich. In Skin von Guy Nattiv trennt sich ein bis unter die Haut Rechtsradikaler mit schmerzhaften Wunden von seinen Tätowierungen und seinen Freunden, aber die braune Brut wächst nach. Der Kampf gegen den Hass kennt nur Verlierer.

»Es ist nicht wie Krieg, es ist Krieg, und im Krieg sterben auch Unschuldige«, heißt es im Spionagethriller The Operative von Yuval Adler. Ein schonungsloser Film über den moralischen Preis einer Operation des Mossad im Iran. Aber auch er taugt nicht als Propagandamunition gegen Israel. Nicht der reale politische Konflikt mit dem Iran ist sein Thema, sondern der unsichtbare Preis, den Israels Verteidigung ihnen allen abfordert.

mossad Auf die Frage, ob er dem legendären Mossad vertraut, antwortet Yuval Adler: »Ich vertraue ihm, wie einem Piloten, dem ich auch vertraue, dass er fliegen kann.« Auf den Piloten zu verzichten, das ist auch für ihn keine Option.

Auf die Frage, ob er dem legendären Mossad vertraut, antwortet Yuval Adler: »Ich vertraue ihm, wie einem Piloten, dem ich auch vertraue, dass er fliegen kann.«

Der iranischstämmige Schauspieler Cas Anvar ist einer der Hauptfiguren in The Operative. Er schmuggelt dort Bauteile für das iranische Atomprogramm. Im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen wundert er sich, dass in Israel, das unter beständigem Raketenbeschuss steht, die Menschen »in T‐Shirts und kurzen Hosen rumlaufen wie in einem tropischen Ferienparadies. Sehr ungewöhnlich, aber es gehört offenbar zur kulturellen DNA des Landes«.

identität Und zur jüdischen Identität und historischen Erfahrung, kann man ergänzen. In Synonyme ist sich Yoav sicher: »Ich werde nicht zurückkehren, Israel wird vor mir sterben.« Niemand um ihn herum versteht das. Auch die hübsche Caroline (Louise Chevillotte) nicht, die zwar wunderbar ihre Oboe beherrscht, aber die Musik nur herunterspielt.

»Kämpfen Sie für ihre Musik«, herrscht Yoav ihr verdutztes Orchester an, aber die anderen Musiker gucken nur betreten zu Boden. Sie haben nichts, für das sie kämpfen, das sie lieben, das sie hassen. »Die Feindseligkeit Yoavs gegen Israel«, erklärte Nadav Lapid den irritierten Journalisten in Berlin, »wäre nicht so heftig ohne sein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Land«.

Alle israelischen Filme auf der Berlinale zeigen den Preis eines Lebens in ständigem Kriegszustand. Die seelische Verfassung hat dabei weniger zu tun mit den äußeren Feinden, dem Iran, den Palästinensern oder der BDS‐Bewegung. Das Land selbst ist aus dem Takt.

6000 meist junge Menschen versuchen sich jedes Jahr umzubringen, so wie die 17‐jährige Roni in The Day After I’m Gone. Ein bewegender Film über einen resignierten und am Ende hilflosen Vater. Aus den israelischen Beiträgen spricht eine tiefe Erschöpfung und panische Angst vor der Niederlage. Israel darf keine Schlacht verlieren, es wäre sein Ende. In der Thrillerserie False Flag 2 heißt es: »Der Preis, den wir zahlen, ist hoch, aber ich hoffe, er ist nicht umsonst.«

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