Interview

»Lange Tradition des Antisemitismus«

Regisseur László Nemes Foto: dpa

Interview

»Lange Tradition des Antisemitismus«

László Nemes über seinen Film »Son of Saul« und den Judenhass in Ungarn

von Philipp Peyman Engel  29.01.2016 11:14 Uhr

Herr Nemes, Ihr Film »Son of Saul« hat einen Golden Globe gewonnen und geht bei den Oscars in der Kategorie »bester fremdsprachiger Film« ins Rennen. Hat Sie der Erfolg Ihres Debüts überrascht?
Wenn man seinen ersten Film dreht, ist es immer ungewiss, welches Ergebnis man erwarten soll. Wir wussten, dass wir einen sehr neuartigen Zugang hatten, was die Darstellung des Holocaust und der Lager betrifft – und haben gehofft, dass das einen Teil des Publikums berühren würde. Aber wir waren jedenfalls nicht auf diese Art Reaktion vorbereitet – dass der Film im Zentrum weltweiter Aufmerksamkeit stehen würde. Diese Preise und Nominierungen ermöglichen uns, den Film bekannter zu machen und ihn in so vielen Ländern wie möglich zu zeigen.

Sie haben in mehreren Interviews gesagt, dass die meisten Filme über den Holocaust Unfug seien. Woran genau nehmen Sie Anstoß?
Die meisten sogenannten Holocaust-Filme geben dem Zuschauer ein Gefühl der Sicherheit, indem sie ihm eine streng festgelegte Außensicht darbieten. Die meisten Geschichten handeln vom Überleben. Wir wollten dagegen über die individuellen Bedingungen im Konzentrationslager und im Prozess der Vernichtung sprechen, ohne die Möglichkeit eines Ausblicks.

Inwiefern unterscheidet sich »Son of Saul« von anderen Filmen über die Schoa?
Der Film taucht den Betrachter in einen ständigen Strom von Sinneseindrücken, ohne ihm den Schlüssel zum Entziffern der Gesamtsituation um ihn herum zu geben. Dieses eingeschränkte Blickfeld verhindert Distanzierung und Einordnung – auf diese Weise wollen wir mit filmischen Mitteln nachvollziehbar machen, wie die Erfahrung des Lagers sich anfühlte. »Son of Saul« nimmt den Zuschauer mit auf die Reise des Protagonisten, eines jüdischen Gefangenen, der gezwungen wird, Mitglied eines der Sonderkommandos, also Teil der Vernichtungsmaschinerie, zu werden. Saul versucht verzweifelt, inmitten der unmenschlichen Bedingungen ein Stück Menschlichkeit zu bewahren. Er versucht, einen Rabbiner zu finden, der das Kaddisch für ein verstorbenes Kind spricht, das auf diese Weise beerdigt und vor dem Verbrennungsofen bewahrt werden kann – anders als all die Millionen, deren Geschichte und Existenz komplett ausgelöscht wurden.

In Ungarn fallen die Reaktion auf den Film überwiegend negativ aus. Hat Sie das gewundert?
In Ungarn entwickelt sich der Film zu einem der populärsten und meistgesehenen der letzten Jahre. Die negativen Kommentare haben mich nicht gewundert, denn antisemitische Einstellungen sind in Ungarn immer noch allzu verbreitet, man erlebt sie im Alltag und in zahlreichen Gesprächen. Der Holocaust wird immer noch von vielen als ein Ereignis betrachtet, das mit Ungarn nichts zu tun hatte – weder auf Opfer- noch auf Täterseite.

Der Westen macht sich große Sorgen wegen des wachsenden Rechtsextremismus in Ungarn. Wie antisemitisch ist die Regierung Orbán?
Es gibt eine lange Tradition des ungehemmten und offenen Antisemitismus in der ungarischen Politik – wie auch in anderen Ländern, besonders in Mittel- und Osteuropa. Es gibt einfach keinen breiten, einstimmigen Konsens darüber, dass Antisemitismus jeglichen nationalen Zusammenhalt zerstört. Manchmal wird er sogar gerade deswegen genährt, um einen breiten Konsens zu erschaffen. Andererseits, und das ist paradox, war nur Ungarn bereit, diesen Film zu finanzieren, durch den Ungarischen Filmfonds. Weder in Deutschland noch in Österreich, Frankreich und Israel ist es uns gelungen, Fördermittel zu beschaffen oder auch nur Koproduzenten zu finden.

Nach Rücksprache und Übersetzungsabstimmung mit den Produzenten des Filmes veröffentlichen wir ein im Wortlaut verändertes Interview.

Mit dem Regisseur und Golden-Globe-Gewinner sprach Philipp Peyman Engel.

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