Malerei

Landschaften in Unruhe

Da kann es einem schwindlig werden: Chaïm Soutines Dorflandschaften wirken, als wäre die Welt gehörig aus dem Gleichgewicht geraten; ein Hurrikan scheint durch das Bild zu ziehen und alles zu verdrehen. Eine eigentümliche Unruhe und Bewegung ist in diesen Gemälden, die an Ludwig Meidners am Vorabend des Ersten Weltkriegs entstandene »Apokalyptische Landschaften« denken lassen. Soutines Landschaften, die jetzt in Düsseldorf zu sehen sind, stammen jedoch aus den frühen 1920er-Jahren.

Die Jahre 1919 bis 1922 verbringt Chaïm Soutine in einem Dorf in den französischen Pyrenäen, in dem schon Henri Matisse und Pablo Picasso eine produktive Zeit erlebten. Ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs war der 1893 in einem Schtetl bei Minsk im heutigen Belarus geborene und aufgewachsene Künstler nach Paris gekommen. Er landet zunächst im Atelierhaus »La Ruche«, in dem auch Marc Chagall, Moïse Kisling, Ossip Zadkine und viele weitere jüdische Künstler wirkten. Kurz darauf freundet sich Soutine mit Amedeo Modigliani an, der ihn bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1920 unterstützt und ihm etwa einen Galeristen vermittelt.

Die Düsseldorfer Soutine-Ausstellung knüpft thematisch an die Schau Paris Magnétique im Jüdischen Museum Berlin an. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen fokussiert sich auf Chaïm Soutines Schaffen zwischen 1918 und 1928 und zeigt 60 Gemälde – eine seltene Gelegenheit, das frühe Werk des in deutschen Museumssammlungen unterrepräsentierten Künstlers umfassend kennenzulernen.

Ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs war der 1893 in einem Schtetl bei Minsk geborene und aufgewachsene Künstler nach Paris gekommen.

Wie etwa seine Porträts, die mitunter auch von einem eigenartigen Wirbel erfasst werden: Ungemein lebendig wirkt »Le Petit Pâtissier« (Der kleine Konditor) von 1922/23, eindringlich und energiegeladen blickt der junge Mann den Betrachter an. Soutine lässt den Konditor als eine stolze und machtvolle Figur auftreten, auf einem thronartigen Stuhl mit weit gespreizten Beinen sitzend. Die weiße Kluft und die Konditormütze verleihen dem sichtlich an kunsthistorischen Vorbildern geschulten Porträt etwas Feierliches. Das Gemälde demonstriert eindrücklich Soutines Vermögen, ausdrucksstarke Bildnisse zu schaffen.

Ausdruck pur ist auch »La Vieille Actrice« (Die alte Schauspielerin) von 1922. Soutine betont die blasse Haut seines Models im Kontrast zum pechschwarzen Kleid und dem schrill-roten Hintergrund. Das geradezu schreiende Rot findet sich in weiteren in Düsseldorf gezeigten Porträts, aber auch in Soutines Stillleben wieder: Monumental setzt er in »Le Bœuf éorché« (Abgehäutetes Rind) aus dem Jahr 1925 das titelgebende geschlachtete Tier in Szene. Mit einem scharfen Kalt-Warm-Kontrast betont Soutine die glühende Farbigkeit des Fleisches.

Erfolg auf dem Kunstmarkt

Mitte der 1920er-Jahre kann Chaïm Soutine zunehmend auf dem Kunstmarkt reüssieren. Mit den Jahren wird seine Pinselführung etwas ruhiger, der Wirbelsturm der frühen Bilder legt sich zunehmend. Den Stilwandel demonstrieren etwa Soutines Messdiener-Porträts und Dorflandschaften aus dieser Zeit. Auch dort interessieren ihn Licht, Farbe und Kontraste mehr als die allzu genaue Ausformulierung von Details.

Soutine geht es nicht um einen unterkühlten, präzisen Naturalismus – wie ihn zeitgleich viele Künstler in Deutschland pflegen – sondern um die unbändige Energie der Farben und des schwungvollen, aber stets gut gesetzten Pinselstrichs. Auf diese Weise bildet seine Malerei einen entschiedenen Gegenpol zu den künstlerischen Kühlkammern der »Neuen Sachlichkeit«. Sie erscheint wie ein Vorläufer des abstrakten Expressionismus. Und auch in der Malerei von Francis Bacon ist Soutines Einfluss erkennbar.

Die 1950 im New Yorker Museum of Modern Art gezeigte Retrospektive seiner Werke sollte Chaïm Soutine nicht mehr erleben. 1939 flieht er vor der deutschen Wehrmacht in die ostfranzösische Provinz. Zwei Jahre später kehrt er ins besetzte Paris zurück und muss fortan den »Judenstern« tragen, später findet er wieder auf dem Land Zuflucht. 1943 stirbt Soutine infolge eines perforierten Magengeschwürs. An seiner Beerdigung auf dem Pariser Friedhof Montparnasse nehmen unter anderen Pablo Picasso und der Dichter Jean Cocteau teil.

Bis 14. Januar 2024, K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026

Kultur

Ensemble, Schmäh und Chalamet: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. Februar bis zum 18. Februar

 11.02.2026

»Imanuels Interpreten« (18)

Clive Davis: Der Produzent

Ohne die lebende Legende wäre die Welt um viele umwerfende Songs ärmer. Von Chicago über Whitney Houston bis hin zu Santana: Alle arbeiteten mit ihm

von Imanuel Marcus  11.02.2026

Beverly Hills

Mit Hudson, Chalamet, Spielberg: Hollywood-Größen feiern Oscar-Nominierungen beim Lunch

Dieses Mittagessen gehört in Hollywood zur Oscar-Tradition: Beim traditionellen Oscar-Lunch treffen die Nominierten zusammen. Auch Deutsche sind dabei

 11.02.2026

Leipzig

Fall Gil Ofarim: Behörde sieht keinen Anlass für Ermittlungen

Im RTL-Dschungelcamp äußert sich der Sänger überraschend zu seinem damaligen Verfahren um angebliche antisemitische Äußerungen. Zu neuen Ermittlungen führen seine Mutmaßungen aber nicht

 11.02.2026

Leipzig

Hotelmitarbeiter: Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer

Vor vier Jahren warf der Musiker dem Hotelmitarbeiter Markus W. vor, ihn aus antisemitischen Gründen nicht einchecken lassen zu haben. Die Vorwürfe waren erfunden. Nun äußert sich der Mitarbeiter erstmals

 10.02.2026