Biennale

Kunst und Krempel

Autoreifen, reihenweise alte Autoreifen. Mehr als 1000 sind es. Sie rollten einmal über die Straßen in Israel. Nun bilden sie, mit Kabelbindern wie Kettenglieder aneinander geschmiegt, eine Pufferzone für ein Kunstprojekt in Venedig: Der israelische Pavillon verschwindet während der 56. Kunstbiennale komplett hinter Gummi.

Tsibi Geva, der Israel vertritt und schon öfter mit Reifen arbeitete, setzt sie jetzt erstmals im Außenraum ein und signalisiert schon von Weitem, dass er dazu einlädt, in eine Sphäre einzutauchen, die nicht jedermann zugänglich ist. Es verbergen sich jedoch hinter der Camouflage keine umwerfenden Geheimnisse. Das ist das Schöne.

Spiegel Wie ein ordentlicher Archäologe es tut, beachtet der Künstler die kleinsten Splitter, die beiläufigste Manifestation kultureller Leistungen. Ende der 80er‐Jahre begann er mit Terrazzobildern. Sie stehen im Zusammenhang mit dem Wort »balata«, Arabisch für Fliese, das auch ins Hebräische Eingang gefunden hat. Über den Bodenbelag kommt Geva zur Politik, er sieht den Nahen Osten im Spiegel des Politischen wie Persönlichen und eröffnet spielerisch den interkulturellen Dialog.

Die israelisch‐palästinensische Koexistenz ist ihm ein großes Anliegen. Die vielschichtige Struktur von Identität, die sich ungeachtet aller vermeintlichen Grenzen wie Religion herausbilden kann, interessiert den in Tel Aviv lebenden Künstler, der an der Universität in Haifa Kunst lehrt, besonders.

Der Sohn des Architekten Cuba Geber gewährt in Venedig einen Einblick in die israelische Seele anhand der typischen »Boydem«, wie sie bis in die 80er‐Jahre jede israelische Wohnung besaß, etwa im Flur oder der Küche. In diese kleinen Stauräume kam alles, was man nicht wegwerfen wollte. Es könnten ja wieder schlechte Zeiten kommen. Was Schoa‐Überlebende als posttraumatisches Symptom erlebten, setzte sich, so Pavillonkurator Hadas Maor, fort bis in die dritte israelische Generation.

kollektive Erinnerung »Archäologie der Gegenwart« nennt Geva, 1951 im Kibbuz Ein Shemer geboren, seinen Venedig‐Beitrag. Das klingt paradox, doch das Heute ist naturgemäß schon morgen gestern. Spuren verwischen oftmals gar noch schneller, als es der Kalender erlaubt. »Ich will gerade die banalen Aspekte des Alltags in Israel für die kollektive Erinnerung bewahren, die ihm mit Blick auf die eigenen Wurzeln soziokulturell aufschlussreich erscheinen«, so der Künstler. Er hat jede Menge uralte Fernsehgeräte, Metallgitter und -roste, Matratzen, Leitern, Pappkartons, Nippes, kurz: Sperrmüll und Flohmarktobjekte, nach Venedig gebracht – Kram, der sich freilich nicht nur in Israels Häusern stapelt.

Er kreiere somit metaphorische Bilder zur Illustration des instinktiven und fast zwanghaften Bedürfnisses seiner Landsleute, erst einmal alles aufzuheben, sagt Geva. »Es gab ja einen Moment, da besaßen wir nicht viel«. Er selbst hat ein ausgeprägtes Faible für Fundstücke aller Art und findet, dass er der Architektur des Pavillons, der die israelische Bauweise der frühen 50er‐Jahre inkarniere und seinem Potenzial nicht Rechnung trüge, wenn er ausschließlich Gemälde präsentieren würde. Einige Bilder jedoch zeigt er – geschickt eingebettet in den installativen Kontext. Der Pavillon kann durchaus als Bilanz seines bisherigen Tuns betrachtet werden. Alle Werkgruppen scheinen darauf hinauszulaufen und fügen sich gut in das Konzept der Biennale.

Im Bestreben, die Vielfalt gegenwärtiger Kunstproduktion hinsichtlich ihrer Daseinsberechtigung, ihrer Relevanz für das Wohl, zumindest aber die Existenzfähigkeit des Planeten ins Auge zu fassen, verpasst Okwui Enwezor der venezianischen Kunstschau als ihr diesjähriger Leiter das Motto »All the World’s Futures«. Er setzt die Zukunft in den Plural im Bewusstsein, dass es trotz Globalisierung – oder gerade deswegen – ganz viele Welten gibt und sie alle ihre eigene Zukunft gestalten und verantworten müssen. Auch weil man Völker eben doch nicht wie Fußgängerzonen behandeln kann, die zunehmend alle gleich aussehen.

Holocaust Im Kern fragt diese Biennale, deren zentraler Teil mehr nachwirkt als viele einzelne Länderpavillons: Wie viel Zukunft hat der Mensch? Im Hauptpavillon in den Giardini zeigt Enwezor – wohl auch angesichts des 70. Jahrestages des Kriegsendes – auf den Holocaust bezogene Arbeiten des 2009 verstorbenen, doch international erst noch zu entdeckenden Römers Fabio Mauri: Ein Turm aus historischen Koffern und die Worte »The end« bilden den Anfang dieser Biennale.

Geva bewegt der Krieg vor seiner Haustür, doch thematisiert er den Palästinenserkonflikt, zu dem er bemerkenswert eigenwillig auf Tuchfühlung geht. Ende der 80er‐Jahre malte er erstmals Keffiyeh‐Bilder. Das Palästinensertuch ist inzwischen für ihn ein Leitmotiv, das ihm vielfältige Verweise erlaubt, allein schon durch das charakteristische Gittermuster. Spielerisch gelangt Geva von dort aus zu Zäunen oder Metallrosten, die migrierende Form bestimmt die Ikonografie seines Venedig‐Projekts.

Gevas erste Fensterladen‐Arbeiten entstanden 1993. Darauf baut er nun ebenfalls auf. Zwei Pavillonwände sind gleichsam ein Musterbuch der in Israel weit verbreiteten Alu‐ und Plastikfenster, die allerdings nach Gevas Vorgaben gefertigt wurden, mithin keine herkömmliche Kunstwerke aus vorgefundenen Alltagsgegenständen sind.

Fragilität Während die Fensterläden geschlossen sind, unterstreichen auch die Roste an den Wänden im Obergeschoss durch ihre käfigartige Struktur den Eindruck des Eingeschlossenseins. Geva lässt derweil offen, ob sich fiktive Pavillonbewohner vor der Sonne oder Feinden schützen. Seine facettenreiche Installation ist kein Ort für Propaganda oder Gegenpropaganda. Er verhandelt das Häusliche im Bewusstsein seiner Fragilität und realisiert dabei sein bislang ehrgeizigstes künstlerisches Projekt.

Innenraum und Außenraum bezieht er konsequent aufeinander, hat den Pavillon ein wenig umgebaut, Wände eingezogen und andere entfernt sowie den Eingang verlegt. Um größtmöglicher Authentizität willen bezog er selbst die Backsteine aus Israel. Geva arbeitet in verschiedenen Medien, er ist Maler und Bildhauer und versteht sich darüber hinaus auf raumgreifende Installationen und Videoarbeiten.

Sein Bruder, ebenfalls Künstler, vertrat Israel in Venedig im Jahr 1993. Einmalig in der Geschichte der Biennale ist es, dass zwei Brüder im Abstand von rund 20 Jahren ihr Land vertreten. Der israelische Pavillon zählt in diesem Jahr zu den überzeugendsten der Biennale.

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