»Mehr Schwarz als Lila«

Küsse in Auschwitz

Der neue Referendar – »ein junger Typ, hübsch, schwarz gekleidet, … einer, der den Raum einnimmt, anstatt reinzukommen« – betritt die 11. Klasse, wirft seinen beigefarbenen Rucksack lässig auf den Boden, setzt sich auf den Tisch und sagt: »So, ich möchte das jetzt alles ein bisschen anders machen.« Wohl kaum zehn Jahre älter als seine Schutzbefohlenen, bringt der selbstverliebte Johnny Spitzing deren Alltag mächtig durcheinander. Im wahren Leben wäre längst die Schulbehörde eingeschritten, in Lena Goreliks neuem Roman Mehr Schwarz als Lila erntet er nur ernste Blicke eines älteren Kollegen – und die anhimmelnden von Alex.

Die 17-jährige Ich-Erzählerin, die eigentlich Alexandra heißt, verliebt sich Hals über Kopf in den Referendar. Ihre Gefühle, die nicht wirklich erwidert werden, begleiten den Leser das ganze Buch hindurch. Im Zentrum der Geschichte steht jedoch nicht diese Liebe, sondern eine Freundschaft – die dadurch, dass der junge Lehrer ins Leben der Jugendlichen getreten ist, auf eine harte Probe gestellt wird.

Abschied Wie in ihren früheren Büchern geht es auch in Lena Goreliks neuem Roman um Liebe, Freundschaft und Abschied. Die in München lebende Schriftstellerin wurde 1981 in Sankt Petersburg geboren und wanderte als Elfjährige gemeinsam mit ihrer Familie als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Im Literaturbetrieb hat sie sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht als junge Stimme der aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland eingewanderten Juden.

Mit Mehr Schwarz als Lila ist Gorelik allerdings kein großer Wurf gelungen. Das Buch beginnt verworren und lässt den Leser lange im Unklaren darüber, auf welche Reise Gorelik ihn mitnehmen möchte. Durch die ersten 30 Seiten muss man sich regelrecht kämpfen. Danach nimmt die Handlung zwar ein wenig Fahrt auf, doch die dramaturgischen Schwächen ziehen sich durch das gesamte Buch.

Bis zum Schluss stellt sich der Leser die Frage, für welche Zielgruppe der Roman eigentlich geschrieben ist. Für Jugendliche? Dafür würde sprechen, dass sprunghaft-assoziativ erzählt wird mit viel Reflexion, wie sie Pubertierenden oft eigen ist. Doch warum muss dann auch der Plot so daherkommen und über weite Strecken orientierungslos mäandern? Gerade Jugendliche werden Goreliks Dahinplätschern wohl nicht goutieren. Bekanntermaßen lieben sie es, wenn ein Roman hin und wieder auch ein wenig spannend ist.

Reflexionen Sollte das Buch allerdings für Erwachsene geschrieben sein, dann stößt unangenehm auf, dass die Ich-Erzählerin in ihren langen Reflexionen nicht durchgehend wie eine 17-Jährige denkt. Vielmehr flackert immer wieder kurz das Denken einer Erwachsenen auf. Hier ist der Roman nicht ausgereift und wirkt wie ein Rohling. Ein strengeres Lektorat hätte diese Schwächen möglicherweise beheben können. Vielleicht hat man dieses Manko auch im Verlag bemerkt, doch es war zu spät. So machte man wohl aus der Not eine Tugend und erklärte im Klappentext das Buch kurzerhand zu einem »Roman für jüngere wie erwachsene Leser«.

Bemüht und auf unangenehme Art didaktisch wirkt es, dass Gorelik als Ort der Handlung für Teile ihres Romans die Gedenkstätte Auschwitz wählt. Dass Alex Paul ausgerechnet im Schatten des Galgens von Auschwitz küsst, lenkt vom Kern des Romans ab und eröffnet ein neues Thema, das Gorelik aber nicht tiefgehend ausarbeitet.

Eines ist ihr jedoch gelungen: Souverän und lebendig erzählt sie, wie sich Alex, Paul und ihre Freundin Ratte die Zeit mit Spielen vertreiben, die »Stell dir vor« oder »Ist mir doch egal« heißen. Gekonnt zeichnet Gorelik, wie die drei Jugendlichen dabei Grenzen überschreiten und sich gegenseitig verletzen. Das geht unter die Haut, lässt den Leser Mitleid empfinden – und Abscheu.

Lena Gorelik: »Mehr Schwarz als Lila«. Rowohlt Berlin, Berlin 2017, 256 S., 19,95 €

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