Monster

Kreaturen der Hölle

Inspiriert von der jüdischen Geschichte? Aufnahme von der »Rauhnacht« in Bayern, bei der als Monster verkleidete Menschen ihr Unwesen treiben. Foto: dpa

Monster

Kreaturen der Hölle

In jüdischen Texten des Mittelalters wimmelt es nur so von Dämonen, Hexen und Werwölfen

von Iris Idelson-Shein  14.06.2016 11:38 Uhr

An einem Freitagabend im Jahre 1806 wurde einem jüdischen Ehepaar in dem Dorf Tuschka ein Monster geboren. Die Aufregung in der Gemeinde war groß, weshalb man einen Rabbi herbeirief, um über das Schicksal der ungewöhnlichen Kreatur zu entscheiden. Der Rabbi eilte sofort zum Haus des Ehepaars.

Was ihn dort erwartete, war furchterregender, als er sich hätte vorstellen können. »Mein Haar wurde sofort schneeweiß«, erinnerte er sich später, »mein Mut schwand dahin, und mir wurde vor Angst und Schrecken ganz anders.« Die Augen des Ungeheuers, die auf der Stirn saßen, erschienen riesig und leuchteten feuerrot. Und sein Mund, der sich an der Stelle befand, an der eigentlich die Nase hätte sein sollen, war schief und zu einem höhnischen Grinsen verzerrt.

In seiner Ratlosigkeit schrieb der Rabbiner einen Brief an den berühmten Rabbi von Prag, Eleasar Fleckeles, und fragte, ob das unheimliche Wesen getötet werden solle. Seine Antwort ließ keinen Zweifel: Jede Kreatur, die von einer menschlichen Mutter geboren wurde, hat das Recht zu leben, wie missgebildet sie auch sei.

Fantasie Wir wissen leider nichts Genaueres über das Kind, das an jenem Erew Schabbat geboren wurde. Weder ob es ein Junge oder ein Mädchen war, noch, ob es überhaupt die Nacht überlebte, und wenn ja, von seinen Eltern geliebt und umsorgt wurde. Nicht einmal seine Existenz kann eindeutig belegt werden. Aber seine bloße Erwähnung in einem jüdischen Responsum aus dem frühen 19. Jahrhundert bezeugt die Existenz und weite Verbreitung von sogenannten Monstern in der Kultur des europäischen Judentums.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit umfasst die Kategorie »Monster« alles Mögliche: Es konnte sich dabei um behinderte Kinder handeln, Drachen oder Männer mit Hundeköpfen. Diese Kreaturen bevölkerten nicht nur die Fantasie von Juden, sondern aller Europäer. Sie dienten als Projektionsfläche, um die unterschiedlichsten theologischen, politischen und kulturellen Themen diskutieren zu können. Aber vor allem sollten sie unausgesprochenen Ängsten und Wünschen Ausdruck verleihen. Dabei wurden immer wieder Grenzen verschiedener Epochen, geografischer Räume und künstlerischer Darstellungsformen überschritten.

Die Figur des Riesen beispielsweise findet sich sowohl im antiken Griechenland als auch im jiddischen Epos der frühen Neuzeit. Und der Werwolf aus theologischen Werken des Mittelalters feiert seine Wiederauferstehung im Horrorfilm. Überall in der Kunst und den Texten begegnen sie uns. Diese Monster verspotten unser Narrativ von Fortschritt und Vernunft.

Wenn wir in der halachischen Literatur blättern, begegnen uns ganze Heerscharen von Werwölfen, Kinder fressenden Hexen, siamesischen Zwillingen und sonstigen Kreaturen der Hölle. Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Sefer Chassidim etwa, das Yehuda he-Hasid aus Regensburg zugeschrieben wird, nennt verschiedene Techniken im Umgang mit solchen Ungeheuern. So erfährt der Leser, wie er verhindern kann, dass eine Hexe von den Toten wiederkehrt, um die Lebenden zu quälen: Man muss ihr vor dem Begräbnis den Mund mit Erde füllen. Für seinen Autor warf die Existenz von Monstern ganz reale Probleme auf, die theologisch und praktisch gelöst werden mussten.

Ghetto Drei Jahrhunderte später bekam ein jüdisches Ehepaar im Ghetto von Venedig siamesische Zwillinge. Diese starben kurz nach der Geburt, woraufhin der Vater ihre Leichen an ein lokales Gemach, einen jüdischen Darlehensverein, veräußerte. Ganz dem morbiden Geschmack der Zeit entsprechend, sollten sie öffentlich ausgestellt werden. Doch bereits der Plan verursachte viel Wirbel. Daraufhin meldeten sich erzürnte Rabbiner zu Wort und forderten die sofortige Beerdigung der beiden toten Kinder.

Siamesische Zwillinge gehörten zu den populärsten »Monstern« in der jüdischen Literatur. Jahrhundertelang faszinierten sie Schriftsteller und ihre Leser. Halachische Fragen dazu beschäftigten bereits die Weisen des Babylonischen Talmuds. Sie diskutierten zum Beispiel darüber, auf welchen Kopf ein siamesisches Zwillingpaar seine Tefillin legen soll oder wie viele Münzen ein Vater zweier solcher Kinder beim Ritual des Pidjon Ha-Ben, der Auslösung des erstgeborenen Sohnes, bezahlen muss.

Anderswo werden Fragen zu Ehe, Sexualität und Erbrecht behandelt. In den mittelalterlichen Tosafot, den in Frankreich und Deutschland im 12. und 13. Jahrhundert verfassten Kommentaren zum Talmud, lesen wir etwa, wie Aschmedai, der König der Dämonen, einst einen Mann mit zwei Köpfen aus der Unterwelt brachte und zu König Salomon führte. Dieser hatte mehrere Kinder gezeugt, von denen eines ebenfalls zwei Köpfe besaß.

Die Frage, die dem weisen König nun gestellt wurde, betraf das Erbe jenes Vaters. Der doppelköpfige Sohn argumentierte, aufgrund seines zweiten Kopfs habe er Anspruch auf einen doppelt so großen Anteil. Um zu einer Entscheidung zu kommen, verdeckte Salomon einen der beiden Köpfe mit einem Tuch. Daraufhin goss er kochendes Wasser über den anderen. Aber weil der bedeckte Kopf gleichfalls vor Schmerzen schrie, stand für Salomon nun fest, dass die zwei in der Tat eine Einheit waren und dem zweiköpfigen Sohn deshalb nur die Hälfte des Erbes zustehen solle.

Fötus Zu einer Zeit, als es noch keine pränatalen Tests gab, blühten ebenfalls Aberglaube und Ängste, was da wohl in der Gebärmutter einer Frau heranwuchs. Lange herrschte die Überzeugung vor, dass Gedanken und Gefühle einer werdenden Mutter Spuren beim Fötus hinterließen. Das betraf auch unerfüllte Wünsche, die während der Schwangerschaft katastrophale Folgen haben könnten.

Eine immer wieder neu erzählte Geschichte handelt von einem hellhäutigen Königspaar, das ein dunkelhäutiges Baby bekommt. Weil der König glaubt, dass das Kind das Ergebnis eines Seitensprungs ist und seine Mutter Ehebruch begangen hat, befiehlt er seinen Tod. Doch zum Glück entdeckt ein findiger Höfling gerade noch rechtzeitig, dass über dem Bett des königlichen Paares das Bild eines Mohren hing. Er erklärt dem König, dass die Hautfarbe des Kindes deshalb so dunkel ist, weil seine Frau während des Koitus wohl auf dieses Gemälde geblickt haben muss.

Aufklärung und Wissenschaft bedeuteten keinesfalls ein Ende solchen Aberglaubens. Oft war sogar das Gegenteil der Fall. Vor allem in der frühen Neuzeit machte er sich noch stärker bemerkbar und manifestierte sich in medizinischen Traktaten und wissenschaftlichen Abhandlungen. Dass jüdische Frauen wie Männer den aus heutiger Sicht eher skurrilen Theorien anhängen konnten, belegt eine Textstelle in den Memoiren der berühmten Kaufmannsfrau Glückel von Hameln aus dem 17. Jahrhundert.

Sie berichtet davon, wie ihr Sohn Joseph nach der Geburt über und über mit braunen Flecken versehen war. Sie vermutete die Ursache dafür in ihrem Heißhunger auf Mispeln während der Schwangerschaft, dem sie jedoch widerstanden hatte. Deshalb kommt Glückel auf die Idee, dem Baby eine Mispel zum Nuckeln zu geben. Wie von Zauberhand verschwinden die Flecken.

Bestien Das gesprenkelte Baby der Glückel ist eine eher milde Form von Monstrosität. Andere Texte berichten von schrecklichen Mensch-Tier-Hybriden, kannibalischen Bestien, ganzkörperbehaarten Säuglingen und anderen Seltsamkeiten. All diese Missgeburten scheinen das unmittelbare Ergebnis unreiner Fantasien ihrer Mütter zu sein. So werden in der Vorstellungswelt Weiblichkeit und Monstrosität auf fantasievolle und zuweilen recht drastische Weise miteinander verknüpft.

Doch nicht nur Frauen wurden in der vormodernen Welt mit Monstrosität in Zusammenhang gebracht. Bereits früh in der Menschheitsgeschichte werden all diejenigen, die nicht so sind wie man selbst, auf diese Weise verteufelt. Gerade die Christen griffen damals auf das Bild des Monsters zurück, um den religiösen Gegner zu kritisieren und zu parodieren. Eine ihrer bevorzugten Zielgruppen waren die Juden.

So zeigt ein weit verbreitetes Flugblatt aus dem Jahr 1575 zwei Ferkel, die angeblich von einer jüdischen Frau in Binswangen zur Welt gebracht worden waren. Sein Autor, der Publizist Johann Fischart, präsentierte die Geburt als schlüssigen Beweis dafür, dass die Juden mit ihrer Ablehnung Christi auf dem Irrweg waren und dafür ihre gerechte Strafe erhielten.

Doch die »Ungeheuer« vermochten sich zu wehren. In jüdischen Texten finden sich zahlreiche Reaktionen auf die christliche Unterstellung einer jüdischen Monstrosität. Einige Autoren versuchten, die den Juden attestierte Hässlichkeit und ihren Hang zu Missbildungen oder gar Monstrosität ins Positive umzukehren. So weist die Historikerin Rebekka Voß darauf hin, wie Jiddisch sprechende Juden das Bild des dämonischen Juden, dessen Kennzeichen seine roten Haare und eine rötliche Gesichtsfarbe war, in Symbole jüdischer Stärke und Erlösung umzudeuten.

Missgeburten Manch einer scheute sogar nicht davor zurück, in seinen antichristlichen Polemiken selbst auf Monsterdarstellungen zurückzugreifen. Ein Beispiel dafür stammt von dem Arzt Tuviah ha-Cohen aus Metz. In einem Text aus dem Jahr 1708 diskutiert er die Herkunft von Ungeheuern. Dabei führt Tuviah das Argument an, sie würden häufig aus dem »Unflat des Menstruationsbluts« geboren – das heißt: Sie würden während der weiblichen Periode gezeugt. Natürlich ist es Juden verboten, in dieser Phase Geschlechtsverkehr auszuüben. Bei den »Gojim« aber sei dies gang und gäbe, weswegen Missgeburten unter ihnen häufiger aufträten.

Auf Monster bezog man sich also sowohl, um Juden zu verleumden, als auch, um sich als Jude dagegen zu wehren. In den jüdisch-christlichen Polemiken dienten sie beiden Seiten, sich gegenseitig zu entmenschlichen und zu parodieren. Zugleich kam ihnen in jüdischen Debatten die Funktion zu, Angelegenheiten innerhalb der Gemeinschaft zur Sprache zu bringen und die sozialen Verwerfungen während des Übergangs zur Moderne zu verstehen.

Das Thema »Juden und ihre Monster« ist wissenschaftlich noch Neuland. Erst kürzlich begannen Historiker, sich mit diesen Kreaturen, die über Jahrhunderte hinweg eher still und heimlich in den Seitengassen der Geschichte lauerten, genauer zu beschäftigen. Man darf gespannt sein, was sie uns noch alles verraten werden.

Die Autorin ist Alexander von Humboldt Postdoctoral Research Fellow der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie der Universität Frankfurt. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Difference of a Different Kind: Jewish Constructions of Race During the Long Eighteenth Century«.

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