documenta

Krach zum Endspurt

Die documenta fifteen in Kassel endet am 25. September. Foto: picture alliance / Fotostand

Am 25. September schließt die 15. Ausgabe der Weltkunstausstellung documenta in Kassel ihre Pforten. Doch ob damit die Diskussionen ein Ende finden, inwieweit es dort Werke mit antisemitischer Bildsprache zu sehen gab und ob die Organisatoren auf die zahlreichen Vorfälle sowie die Kritik darauf kompetent reagierten oder nicht, darf bezweifelt werden. Denn am Wochenende meldete sich das Gremium zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta mit gleich zwei Pressemitteilungen zu Wort.

Vor allem die Vorführung der im Rahmen des »Tokyo Reels Film Festivals« gezeigten Kompilation propalästinensischer Propagandafilme aus den 60er- bis 80er-Jahren des Kollektivs »Subversive Film« wird als Fall dafür genannt, was alles schieflief. »Hoch problematisch an diesem Werk sind nicht nur die mit antisemitischen und antizionistischen Versatzstücken versehenen Filmdokumente, sondern die zwischen den Filmen eingefügten Kommentare der Künstler:innen, in denen sie den Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus des Quellmaterials durch ihre unkritische Diskussion legitimieren«, so die Einschätzung des Gremiums.

DRINGLICHKEIT »Aufgrund der anhaltenden Auseinandersetzungen zu einzelnen Exponaten und der documenta fifteen als Ganzer besteht eine besondere Dringlichkeit für die Beratung zu diesen Fragen«, heißt es in der zweiten, deutlich ausführlicheren Presseerklärung, die von einigen Mitgliedern des Gremiums, darunter seiner Vorsitzenden, Nicole Deitelhoff, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Leipniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Julia Bernstein, Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Sciences sowie die Psychologin und Verhaltenswissenschaftlerin Marina Chernivsky, zusätzlich verfasst wurde.

Auch hier dreht sich alles um das »Tokyo Reels Film Festival«, das als »eklatantestes Beispiel für die Einseitigkeit der documenta fifteen im Hinblick auf den arabisch-israelischen Konflikt« erwähnt wird. Auffällig sei ferner die Zahl der Exponate, die sich mit dem Thema beschäftigen. »Nahezu in allen diesen Werken werden einseitig kritische bis hin zu dezidiert israelfeindliche Haltungen zum Ausdruck gebracht. Diese schlagen sich in bildlichen Darstellungen und Aussagen nieder, die nach gängigen Kriterien als antisemitisch bewertet werden können.«

Der künstlerischen Leitung attestieren die namentlich Unterzeichnenden eine »kuratorische Unausgewogenheit« sowie eine fehlende Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den antisemitischen Vorfällen. Kritik werde stets als »Zensur« diskreditiert.

ORGANISATOREN Aber auch die Organisatoren kommen nicht ungeschoren davon: »Für den Umgang mit problematischen Werken scheint die documenta kein Verfahren vorzuhalten, das über die Prüfung der Strafbarkeit eines Exponats hinausgeht.« Das Fazit: »Nimmt man diese drei Ebenen zusammen, wird deutlich, dass die gravierenden Probleme der documenta fifteen nicht nur in der Präsentation vereinzelter Werke mit antisemitischer Bildsprache und antisemitischen Aussagen bestehen, sondern auch in einem kuratorischen und organisationsstrukturellen Umfeld, das eine antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung zugelassen hat.«

Auf die Einschätzungen des Gremiums reagierten Künstler wie die mehrfach auffällig gewordene Gruppe Taring Padi sowie das indonesische Kuratorenkollektiv Runagrupa sofort. »Wir sind wütend, wir sind traurig, wir sind müde, wir sind vereint«, heißt es in dem offenen Brief. »Mit diesem Bericht wird eine weitere Grenze überschritten, die wir kategorisch ablehnen: Diese Linie markiert eine rassistische Tendenz in einer schädlichen Zensurstruktur. Wir prangern den bösartigen Versuch an, die Präsentation der Tokyo Reels zu zensieren.«

OPFER Man sei ohnehin von Anfang an gegen die Einrichtung des Gremiums gewesen, weil dieses nur »Zensur« ausüben wolle. Sich selbst betrachten Künstler und Kuratorenkollektiv als Opfer. »Seit Monaten sehen wir uns in den Medien, aber auch in der Öffentlichkeit und in unseren Räumen immer wieder Verleumdungen, Demütigungen, Vandalismus und Drohungen ausgesetzt.«

Inhaltlich gehen die Autoren nur auf einen Kritikpunkt des Gremiums ein, und zwar die antisemitische Schlagseite bei der Thematisierung des Nahostkonfliktes. »Die Frage ist nicht das Existenzrecht Israels, sondern die Frage, wie es existiert«, so der Wortlaut. »Widerstand gegen den Staat Israel ist Widerstand gegen den Siedlerkolonialismus, der Apartheid, ethnische Säuberung und Besetzung als Formen der Unterdrückung einsetzt.«

Lesen Sie mehr in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

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