Medikamente

Koscher für Pessach

Millionen Männer greifen auf Viagra und andere potenzsteigernde Mittel zurück. Foto: Thinkstock

Die Pessach‐Feiertage stehen bald vor der Tür und damit wieder die Frage, was koscher le Pessach ist und wo überall das Chametz lauert. Was für viele überraschend klingen mag: Viagra gehört mit zu den Dingen, von denen man dann womöglich die Finger lassen müsste. Bereits unmittelbar nach ihrer Zulassung im Jahr 1998 wurde die Pille gegen erektile Dysfunktion als nicht‐koscher le Pessach erklärt, weil ihre Außenhülle Sorbitol enthält – eine Art Alkohol, bei dessen Herstellung auch Getreide verwendet wird.

Aber damit sich niemand Sorgen machen muss, dass die Nacht nach dem Seder anders wird als andere, kann man sich auf ein Gutachten von Rabbiner Mordechai Eliahu berufen, dem ehemaligen Oberrabbiner von Jerusalem. Dieser hatte nämlich bereits im Jahr 2005 verkündet, dass Viagra sehr wohl über Pessach eingenommen werden darf. Man muss nur die Tablette vor den Feiertagen in eine speziell auflösbare Kapsel einbetten, die aus Koscher‐le‐Pessach‐Gelatine besteht, und alles ist in Ordnung. Gemäß der halachischen Deutung von Rabbiner Mordechai Eliahu kommt es so nicht in direkten Kontakt mit dem Körper.

Überraschenderweise wetterten keine anderen rabbinischen Autoritäten gegen dieses Gutachten. Für wie viele Männer diese Frage von Relevanz sein kann, das lassen die Zahlen nur erahnen: Laut Jerusalem Post wird allein in Israel jede Minute ein Rezept für Viagra ausgestellt.

Blockbuster Generell zählt Viagra zu den sogenannten Blockbuster‐Medikamenten. Seit 1998 ging die Tablette weltweit wohl vier Milliarden Mal über den Ladentisch und wird von schätzungsweise knapp 40 Millionen Männern angewendet – Schwarzmarkt‐ und gefälschte Produkte nicht mitgerechnet. Und für ihren Erfinder, das Pharma‐Unternehmen Pfizer, ist es ein Riesengeschäft. Allein im ersten Jahr der Zulassung konnte mit der kleinen blauen Pille mehr als eine Milliarde Dollar umgesetzt werden. Das globale Marktvolumen soll bis 2018 laut den Forschern von GlobalData auf 2,6 Milliarden Dollar anwachsen.

Kein Wunder, dass auch andere an den Problemen von Männern ordentlich mitverdienen wollen. Weil der Patentschutz von Viagra 2013 in einigen europäischen Ländern bereits auslief, brachte der israelische Teva‐Konzern, immerhin der weltgrößte Anbieter von Generika, also Nachahmerprodukten, unter dem Namen Sildenafil ein Medikament mit gleicher Wirkung an den Start, und zwar zum Kampfpreis: In Großbritannien ist eine Tablette für ein Pfund zu haben, von Pfizer kostet sie glatt das Zehnfache.

Für Schlagzeilen sorgte kürzlich auch ein junges Unternehmen aus Israel: Can‐Fite aus Petach Tikva entwickelte unter dem nicht sehr erregend klingenden Namen CF602 einen weiteren Wirkstoff zur Verbesserung der Manneskraft. »Wir glauben, dass der Bedarf an einem neuen Medikament, das erektile Dysfunktionen sicher und effektiv behandelt, sehr groß ist«, erklärte denn auch Pnina Fishman, die Firmenchefin, sehr selbstbewusst. »Vor allem auch bei Männern, die unter Diabetes leiden und bei denen die konventionelle medikamentöse Therapie nicht anschlägt.« Oder die Viagra einfach aufgrund von Nebenwirkungen einfach nicht vertragen.

Und diese Gruppe ist sehr groß. Den unterschiedlichen nationalen Statistiken zufolge sind zwischen 35 bis 75 Prozent aller Männer mit Diabetes von erektiler Dysfunktion betroffen. Erst vor wenigen Tagen erhielten die Israelis für ihren A3‐Adenosinrezeptor, der bei der Regulation von Herz‐Kreislauffunktionen eine wichtige Rolle spielt, das US‐Patent.

»Es handelt sich dabei um einen sogenannten Neuromodulator«, so die Immunologin, die zuvor eine Professur am Rabin Medical Center, ebenfalls in Petach Tikva, innehatte. »Dieser spielt im Körper eine bedeutende Rolle und steuert das präsynaptische Aktionspotenzial und damit die Aktivität der Rezeptoren von Nervenzellen.« Adenosin findet sich bei zahlreichen Säugetieren und hilft in synthetischer Form unter anderem auch gegen Herzfunktionsstörungen.

Versuche Erfolgreich getestet wurde Can‐Fites Innovation bereits in einer vorklinischen Versuchsreihe an Ratten mit Diabetes. Zweimal am Tag erhielten die Nager CF602 verabreicht, und das bis zu fünf Tage lang. Die beschädigten Gefäße im Penis konnten teilweise wiederhergestellt werden, und der Druck innerhalb der Schwellkörper steigerte sich um satte 188 Prozent. All das ohne die so häufig bei anderen Potenzmitteln zu beobachtenden negativen Nebenwirkungen für den Blutdruck. »Darüber hinaus kann CF602 ebenfalls in entzündungshemmenden Medikamenten zum Einsatz kommen. Wir haben da noch eine ganze Reihe weiterer Neuheiten in Vorbereitung«, freut sich Pnina Fishman.

Wie lange es aber noch dauert, bis neben dem klassischen Viagra, Cialis oder Levitra auch die israelische Neuheit in den Apotheken zu haben sein wird, konnte noch nicht näher spezifiziert werden.

Ob das alternative Viagra aus Petach Tikva nun koscher le Pessach ist oder nicht, darüber gibt es bis dato ebenso wenig konkrete Aussagen.

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