Jerusalem

Kooperation der Spitzenforscher

HUJI-Präsident Asher Cohen (l.) und Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, besiegeln die weitere Zusammenarbeit.

Könnte eines Tages der eigene Kühlschrank zum Spion werden – und das eigene Auto zum Mörder? Die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche macht dieses Szenario stetig wahrscheinlicher: So könnten Hacker virtuell in einen vernetzten, »smarten« Kühlschrank eindringen oder aus der Ferne die Kontrolle über ein autonomes Fahrzeug übernehmen, um dessen Passagiere zu erpressen.

Um derartige Szenarien zu verhindern, arbeiten Experten für Cybersicherheit weltweit an Abwehrsystemen für vernetzte Produkte und Infrastrukturen – und nun haben sich führende israelische und deutsche Forschungsinstitutionen zu diesem Zweck zusammengeschlossen. Am 21. Mai wurden an der Hebräischen Universität in Jerusalem (HUJI) zwei »Fraunhofer Project Center« eröffnet, die ersten ihrer Art in Israel. Eines von ihnen widmet sich der Cybersicherheit, das zweite der Gesundheitsforschung.

DIGITALISIERUNG »Neue Technologien und die Digitalisierung aller Lebensbereiche sind für uns Chancen und Herausforderungen zugleich«, sagte die deutsche Botschafterin in Israel, Susanne Wasum-Rainer, bei der Eröffnungszeremonie. »Es ist wichtig, dass wir verantwortungsvoll mit ihnen umgehen – und ich bin überzeugt, dass diese Verantwortung bei der Hebrew University und der Fraunhofer-Gesellschaft in guten Händen liegt.«

Das Zentrum für Cybersicherheit ist an der Fakultät für Informatik angesiedelt.

Das »Fraunhofer Project Center for Cybersecurity«, angesiedelt bei der Fakultät für Informatik, soll den Kern eines Exzellenznetzwerks für Cybersicherheit bilden, das, so hoffen seine Gründer, auf diesem Gebiet zur führenden Adresse in Israel werden soll. Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie (SIT) und Forscher der Hebräischen Universität werden gemeinsam an neuen Strategien arbeiten, um Daten, IT-Systeme und kritische Infrastrukturen vor Hacker-Angriffen zu schützen.

Expertise »Dank der starken praktischen Expertise von Fraunhofer SIT, zusammen mit den führenden theoretischen Forschern an der Hebräischen Universität, können wir Lösungen für Industrien und Regierungen, große und kleinere Firmen produzieren«, sagt die israelische Cyberexpertin Haya Shulman vom Fraunhofer-Institut. Sie hat in Israel promoviert, mehrere Preise für ihre Forschung gewonnen und zuletzt die Abteilung »Cybersecurity Analytics and Defences« des Fraunhofer-Instituts in Darmstadt geleitet. Sie kennt also beide Welten, die das neue Project Center zusammenführen soll.

»Deutschland hat exzellente Cybersicherheits-Experten und das nötige Wissen, doch die Regierung müsste mehr Richtlinien vorgeben, um Internetanbieter und Unternehmen zu zwingen, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen«, urteilt sie. »Cybersicherheit kostet Geld, deshalb müssen Unternehmen dazu motiviert werden, in Sicherheit zu investieren. In Israel hat die Regierung in den vergangenen Jahren genau das getan: Sie hat eine Behörde geschaffen, um Richtlinien für zivile Infrastruktur und Sicherheitsvorschriften für Unternehmen zu entwerfen und durchzusetzen.«

Neue Möglichkeiten der Therapie von Infektionskrankheiten sollen erforscht werden.

INVESTITIONEN Israel gilt als Spitzenstandort für Cybersicherheit: Im vergangenen Jahr konnte das kleine Land fast 20 Prozent der globalen Investitionen in diesem Feld anlocken, überflügelt wurde es einzig von den USA. »Die israelische Armee hat Cyber in den 90er-Jahren als eine der Kampfdomänen definiert, wie Wasser und Luft«, sagt Haya Shulman. »Die Armee hat Expertise aufgebaut und wählt die besten Leute aus, um sie in diesem Bereich auszubilden. Deshalb gibt es erstklassige Experten in Israel.« Auf der anderen Seite, fügt sie hinzu, sei der Technologie-Transfer vonseiten der Fraunhofer-Institute an Unternehmen und öffentliche Einrichtungen höher als an israelische Unternehmen. Beide Seiten können also voneinander lernen.

Shulman teilt sich die Leitung des Project Center mit dem Fraunhofer-Forscher Michael Waidner sowie zwei Wissenschaftlern der Hebräischen Universität, Michael Schapira und Danny Dolev.

WIRKSTOFFE Am zweiten Project Center werden Forscher vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik und Wissenschaftler der Hebräischen Universität ihre Kräfte bündeln, um gemeinsam neue Behandlungsmöglichkeiten von Infektionskrankheiten, entzündlichen Prozessen und Autoimmunerkrankungen zu erforschen und Pharmafirmen bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe zu unterstützen.

»Jeder Partner hängt von der Expertise des anderen ab, und nur gemeinsam können wir erfolgreich sein«, sagt der Pharmawissenschaftler Gershon Golomb von der Hebräischen Universität, der das Center gemeinsam mit dem Fraunhofer-Forscher Steffen Rupp leiten wird.

Die Hebräische Universität Jerusalem, 1918 gegründet, gilt als Israels führende Forschungseinrichtung. Die Fraunhofer-Gesellschaft ist mit über 26.000 Mitarbeitern die größte Organisation für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen in Europa. Von ihrem jährlichen Forschungsvolumen von rund 2,6 Milliarden Euro erwirtschaftet die Gesellschaft rund 70 Prozent mit Aufträgen aus Industrie und öffentlicher Hand, das übrige Geld steuern Bund und Länder bei.

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