Schlafmedizin

Kontrolliertes Sägen

Das Wort Folter erhält eine ganz konkrete Bedeutung. Wenn der Partner Nacht für Nacht röchelt, nach Luft schnappt, Zischgeräusche von sich gibt oder wie ein Sägewerk bei der Arbeit klingt, dann wird selbst die intakteste Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Zudem hat jeder, der sich halb wach hin und her wälzt, weil neben ihm oder ihr jemand sehr geräuschvoll schlummert, ein handfestes Glaubwürdigkeitsproblem.

»Rund 80 Prozent aller schnarchenden Menschen sind der Überzeugung, dass die gegen sie erhobenen Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen sind und man sie nur ärgern will«, weiß Avshalom Ben Zoor von seinen Erfahrungen zu berichten. »Nicht wenige reagieren darauf sogar äußerst gereizt«, so der Chef von Personal Technologies –Health Monitoring und Gründer mehrerer Meditech-Start-ups aus Tel Aviv.

Da gegen das Schnarchen kaum ein Kraut gewachsen ist, muss jetzt moderne Technik ran. »Snoring U« heißt die Lösung. Dabei handelt es sich um eine App, die für 3,99 Euro im iTunes-App-Store zu haben ist. Einmal auf das Smartphone geladen, verwandelt es dieses in ein Mini-Schlaflabor, das selbst auf dem kleinsten Nachttisch Platz findet.

In Betrieb genommen, erstellt die App nicht nur eine Art grafisches Protokoll darüber, wann und mit welcher Lautstärke der Schläfer seine Umgebung beschallt hat, sondern gibt darüber hinaus durch Vibrationen oder Melodien ein elektronisches Signal, wenn man wieder einmal eine akustische Belästigung für seine Umwelt darstellt und vielleicht die Schlafposition ändern sollte. Die Aufzeichnungen selbst können einem Arzt oder Schlafspezialisten helfen, den Ursachen auf den Grund zu gehen und therapeutische Ansätze zu erarbeiten.

schlaflabor »Snoring U« ist eigentlich ein Zufallsprodukt, erfunden von dem nach eigenen Worten »bekennenden Schnarcher« und Computeringenieur Ilan Aisic aus Kiryat Tivon. »Die Idee dazu kam ihm praktisch im Schlaf«, erklärt Ben Zoor, der die Entwicklung der App als erfahrener Geschäftsmann auf diesem Gebiet mitbetreut hatte. »Aisic hatte mit seinem Schnarchen seine Gattin zum Wahnsinn getrieben. Immer wieder musste sie ihn aufwecken und bitten, sich umzudrehen, damit wieder Ruhe einkehren konnte.«

Aisic wollte seine Frau von dieser unangenehmen Aufgabe erlösen und kam dabei auf die Idee, eine entsprechende App für iPhone, iPad oder iPod touch zu entwickeln. Mit Naveh Tov vom Bnei-Zion-Hospital in Haifa holte man sich noch einen ausgewiesenen Lungen- und Schlafspezialisten mit an Bord, der für die Identifizierung der relevanten medizinischen Parameter zuständig war. Die technische Entwicklung wurde von Ilan Aisics Unternehmen Pointer Software Systems in Angriff genommen.

Warnsignal »Natürlich kann die App keine Heilung bringen«, ergänzt Ben Zoor. »Aber sie liefert für wenig Geld Hinweise darauf, welche Therapie Erfolg versprechen kann.« Zudem hilft sie, Ruhe einkehren zu lassen, indem die App auf Basis der gesammelten Informationen akustische Warnsignale aussendet, dass es mit dem Schnarchen gleich wieder sehr schlimm werden könnte. »Viele berichten uns davon, dass sie trotz der Tatsache, dass sie von der App geweckt wurden, einen erholsameren Schlaf hatten und sich am Morgen fitter als sonst fühlten.« Über 100.000 Mal wurde die App bereits heruntergeladen – ein deutliches Indiz für ihren Nutzen.

»Das gutartige Schnarchen verursacht nur Lärm und Stress«, erklärt Jan Höhler vom Deutschen Berufsverband der HNO-Ärzte. Die Geräusche werden durch Vibrationen der Schleimhäute bei erhöhtem Atemwegswiderstand erzeugt. Dabei sind die Ursachen recht vielfältiger Natur, beispielsweise Übergewicht, da sich das Körperfett auch in Hals und Rachen ablagert und die Atemluft im Schlaf nicht mehr einfach so passieren kann. Auch ein paar Gläser Alkohol zu später Stunde können die Übeltäter sein, weil sich dann die Rachenmuskulatur stärker als sonst entspannt und die Luftzufuhr blockiert wird.

sauerstoff Gesundheitsgefährdend aber ist die sogenannte Schlafapnoe, wie Mediziner das »bösartige Schnarchen« nennen. Insbesondere Menschen mit Blutdruckproblemen sowie Herz-Kreislauf-Kranke sind dann gefährdet, weil die Atmung im Schlaf bis zu 30 Sekunden lang unterbrochen wird. In der Folge schlägt das Gehirn Alarm, der Blutdruck schießt in die Höhe, und die Nacht wird für den Körper zum reinsten Stress. Jeder Betroffene fühlt sich am nächsten Morgen wie durch den Wolf gedreht.

Neuere Forschungen haben ergeben, dass Schlafapnoe aufgrund der dadurch verursachten Sauerstoffunterversorgung sogar die Augen schädigen und langfristig das Sehvermögen herabsetzen kann. Und wer als Kind unter vergrößerten Rachenmandeln leidet und deshalb schnarcht, schneidet bei Intelligenztests überdurchschnittlich schlecht ab, so eine Studie der Universität Virgina (USA). Die App kann daher ein guter Ansatz sein, sich selbst und anderen einen ruhigeren und gesünderen Schlaf zu gönnen.

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