Frankfurt/Main

Konflikte und Gedenken

Mit einem Festakt wurde am Mittwoch in Frankfurt die Konferenz »Geteilte Erinnerung. Gedenken in der deutschen Gesellschaft – Erinnern in der jüdischen Gemeinschaft« eröffnet, eine gemeinsame Veranstaltung der Bildungsabteilung im Zentralrat mit dem Jüdischen Museum Frankfurt und dem Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk.

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, darunter Vertreter des diplomatischen Corps, der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik sowie des Zentralrats und der jüdischen Gemeinschaft, im Kaisersaal des Frankfurter Römers.

Börneplatz Feldmann erinnerte an den Konflikt um den Börneplatz vor rund 30 Jahren, als die städtischen Gas- und Elektrizitätswerke auf den Fundamenten des ehemaligen jüdischen Ghettos ihre Zentrale errichten wollten, was zu Widerstand nicht nur unter den jüdischen Bürgern Frankfurts führte – für Feldmann die »erste offen geführte Auseinandersetzung um die Deutung der Stadtgeschichte und das Wiederentdecken von deren jüdischer Biografie«.

Damals habe ein Wandel in der Erinnerungspolitik eingesetzt. Seitdem gebe es die alljährlichen Veranstaltungen zum Gedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938; außerdem seien in der Folgezeit das Jüdische Museum samt seiner Dependance Museum Judengasse und das Fritz-Bauer-Institut zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust gegründet sowie die Gedenkstätte an der Großmarkthalle auf dem heutigen EZB-Gelände eingerichtet worden, dem Ort, von dem aus die Frankfurter Juden in Reichsbahnzügen deportiert worden waren.

Zentralratspräsident Josef Schuster gab sich als ausdrücklicher Befürworter von Gedenkveranstaltungen zu erkennen, die seines Erachtens keineswegs zu einem leeren Ritual verblasst sind. Vielmehr böten sie Gelegenheit zum Innehalten, zum kurzzeitigen Abstandnehmen von Alltagsgeschäften und politischem Betrieb.

Das kulturelle Gedächtnis brauche diese ritualisierten Momente, diesen Blick in die Vergangenheit, um sich neu auszurichten, betonte Schuster. »Mehr als jeder dritte Schüler weiß nicht, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager war«, sagte der Zentralratspräsident.

Angesichts der »schwindenden Zahl an Zeitzeugen, dem Wandel unserer Gesellschaft und der Digitalisierung ist diese Debatte unerlässlich. Denn die Erinnerung an die Schoa und deren Opfer geht die gesamte Gesellschaft an. Das ›Nie wieder!‹ darf nicht zu einer leeren Worthülse verkommen«, mahnte Schuster.

Europa Hessens Kultusminister Ralph Alexander Lorz hob hervor, wie wichtig die Erinnerung an die Zeit vor der Schoa sei, weil sie – jenseits des unendlichen Leids – bewusst mache, welch großen Verlust die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung für Deutschland und ganz Europa bedeutet habe.

Mirjam Wenzel, die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, wies auf den Wandel in der Auseinandersetzung mit Auschwitz während der vergangenen 30 Jahre hin. Durch die Pluralisierung sowohl der deutschen Gesellschaft als auch der jüdischen Gemeinschaft sei an die Stelle des Dualismus zwischen deutschen Tätern und jüdischen Opfern eine »Kosmopolitisierung des Holocaust« getreten.

Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, erklärte, Erinnern sei jüdisches Handeln, sei »die permanente Vorstellung dessen, wie wir gelebt und als Minderheit gelitten und überlebt haben«.

Insofern bedeute Erinnern stets auch Trauern. Fraglich sei, ob sich diese spezifisch jüdische Erfahrung mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft teilen lasse. »Mit dieser Tagung haben wir uns bewusst auf ein Minenfeld eingelassen«, so Kiesel. »Wir wollen die Auseinandersetzung und kein Aus-dem-Weg-Gehen, denn nur so kann am Ende Gemeinsamkeit entstehen.«

Ritual Kritische Worte äußerte Manfred Levy vom Pädagogischen Zentrum Frankfurt, der Schnittstelle zwischen Fritz-Bauer-Institut und Jüdischem Museum. Seines Erachtens ist die Gedenkkultur mittlerweile zu einem leeren Ritual erstarrt, sodass keine Bezüge zur Gegenwart mehr möglich seien.

In ihrem höchst anspruchsvollen Festvortrag gab Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, einen kritischen Überblick über Formen der öffentlichen Gedenkkultur seit Beginn des 20. Jahrhunderts. In den Zeremonien und Ritualen der Trauer lasse sich stets das Bedürfnis erkennen, der »durch den Tod hervorgerufenen Diskontinuität ein ewiges Weiterleben der Gemeinschaft und eine unhinterfragbare Ordnung der Dinge« entgegenzusetzen.

Auf dem Programm der Konferenz, die am morgigen Freitagnachmittag zu Ende geht, stehen unter anderem eine Exkursion zu verschiedenen Gedenkstätten im Frankfurt Stadtgebiet, mehrere Autorenlesungen, ein Vortrag über zeitgenössische Kunst und wie diese die Erinnerung an die Schoa reflektiert sowie ein Gespräch zwischen den Generationen zum Thema »Neues Judentum – altes Erinnern«.

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