Madonna

Königin Esther

Im Jahr 2009 schloss Madonna ihre Welttournee »Sticky & Sweet« mit zwei Konzerten in Tel Aviv ab. Foto: Flash 90

Glockenläuten, ein Mönchschor: Madonna tritt auf bei der Gala des Metropolitan Museum of Art im vergangenen Mai in New York, blonde Zöpfe, weißes hauchdünnes Kleid. Die Pop‐Ikone singt ihren fast 30 Jahre alten Hit »Like a Prayer«.

Wegen ihres Songs gingen damals konservative Politiker und Kirchenleute auf die Barrikaden. »Himmelskörper« ist das Thema der glamourösen Prominentenschau in New York, es geht um den Einfluss der katholischen Kirche auf die Mode.

Karriere Der nur zwölfminütige Überraschungsauftritt ist eine Zeitrafferreise durch die Karriere der erfolgreichen Popmusikerin. Sinnbildlich wird sie misshandelt, von heraneilenden Jungfrauen auf die Stufen einer angedeuteten Kathedrale geworfen. Sie erhebt sich mit einem stählernen Schulterpanzer, eine Jeanne d’Arc des Pop: eine starke Powerfrau, die selbstbewusst ihr Leben gestaltet.

Vor 60 Jahren, am 16. August 1958, wurde Madonna Louise Veronica Ciccone in Bay City im US‐Staat Michigan geboren. Sie setzte Trends in Musik und Videokunst, in Mode und Bühnen‐Performance. Für viele Frauen in der Popmusik wie Britney Spears, Katy Perry, Rihanna, Shakira oder Pink ist sie ein Vorbild. Und sie beherrscht das Spiel mit der Provokation noch immer – wenn auch mittlerweile eher augenzwinkernd in der Rückschau auf die vielen inszenierten Skandale der vergangenen 35 Jahre.

Die Sängerin küsste einen »schwarzen Jesus«, sang als Protest gegen die Todesstrafe auf dem elektrischen Stuhl, hängte sich vor mehr als zehn Jahren mit Dornenkrone ans Kreuz. Der Vatikan lief Sturm, Papst Johannes Paul II. persönlich bezichtigte die Sängerin der Gotteslästerung.

kostümgala Heute erregt die Musikerin kaum mehr die Gemüter. Die Wandelbare, die Stile und Identitäten lustvoll wechselt und sich künstlerisch immer wieder neu erfindet, ist selbst zur Popart, zum Gesamtkunstwerk geworden.

»Ich spiele gerade jetzt, die ganze Welt ist eine Bühne«, sagte die Ausnahmekünstlerin, die seit einem Jahr in Portugal lebt, einmal in Anlehnung an ein Shakespeare‐Zitat. Selbst der Vatikan scheint mit dem schwarzen Schaf seinen Frieden geschlossen zu haben: Für die Kostümgala im New Yorker Metropolitan Museum of Art zumindest verlieh die Papst‐Behörde 50 Kleidungsstücke und Juwelen.

Seit 1983, als sie mit dem Sommer‐Sonne‐Song »Holiday« erstmals die Hitparaden eroberte, spielt die »Queen of Pop« mit sexuellen und religiösen Motiven, schlüpft in die Rolle der Heiligen und der Hure.

Katholizismus Als Kindfrau räkelte sie sich lasziv auf dem Cover ihrer zweiten Schallplatte Like a Virgin (1984). Die Katholikin mit italienischen Vorfahren brach als Jugendliche mit dem Katholizismus, mit dem sie in einer Art Hassliebe verbunden ist.

Ein Grund für die Auflehnung gegen alles Kirchliche mag in ihrer Erziehung in strengen katholischen Schulen liegen. Zugleich ist Madonna unentwegt auf spiritueller Suche: Ein aktuelles Foto auf ihrer Facebook‐Seite zeigt sie vor einem Altar kniend mit der Zeile »Nimm meine Sünden und wasche sie weg«.

Madonna, die in den frühen 80er‐Jahren Kruzifixe als Mode‐Accessoires etablierte, kritisierte die Anti‐Kondom‐Politik des Vatikan. Ihre Tochter benannte sie nach dem katholischen Wallfahrtsort Lourdes.

Kabbala Umso enger ist Madonna mit der Kabbala verbunden. Die Künstlerin ist seit Jahren bekennendes Mitglied des Kabbala‐Zentrums, das sich selbst als »spirituelle Bildungseinrichtung, die das Wissen der Kabbala an alle weitergeben und die Botschaft von Liebe, menschlicher Würde und Respekt vorantreiben will«, beschreibt. Und mittlerweile ist die Popikone unter ihrem selbst gewählten jüdischen Namen Esther fast genauso bekannt wie unter ihrem Künstlernamen Madonna.

An Rosch Haschana ist sie regelmäßig im Heiligen Land, um mit anderen Anhängern der Kabbala das jüdische Neujahr zu begehen. Im Jahr 2009 schloss sie ihre Welttournee »Sticky & Sweet« in Israel ab. Mehr als 100.000 Israelis bejubelten damals die Pop‐Königin bei ihren beiden Konzerten in Tel Aviv.

Der Höhepunkt ihrer Auftritte kam gegen Ende der Show, nachdem ihr ein Fan eine israelische Flagge gereicht hatte. In das weiße Tuch mit dem blauen Davidstern und den zwei blauen Streifen gehüllt, rief Madonna damals: »Ich glaube fest daran, dass Israel das Energiezentrum der Welt ist. Ich glaube auch, dass wir hier alle in Harmonie zusammenleben können und in Frieden in aller Welt.«

kerzen In den Tagen darauf ging sie mit der israelischen Politikerin Zipi Livni essen. Abgeschirmt von der Presse machte die Pop‐Diva Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Jerusalem ihre Aufwartung. In der Residenz war die Presse nicht zugelassen, vielleicht, um die familiäre Atmosphäre nicht zu stören.

Gemeinsam mit Sara Netanjahu entzündete Madonna zwei Kerzen und sprach die Gebete zum Beginn des Schabbats. In den Jahren zuvor hatte sie auch Schimon Peres getroffen und handsignierte Bibeln ausgetauscht.

Im Jahr 2012 eröffnete Madonna ihre Welttournee »MDNA« in Israel. Damals war sie samt ihrem blutjungem Lebensabschnittsgefährten, ihren vier Kindern und einer 70‐köpfigen Entourage in Israel gelandet. Sie stieg im luxuriösen Dan Hotel am Tel Aviver Strand ab, in dem kurz nach ihrer Ankunft auch ihr persönlicher Kabbala‐Lehrer Eitan Jardeni eintrudelte. In Israel wird sie seitdem als »Königin Esther« verehrt. In einem Interview verriet sie, dass sie den Schabbat hält – zu der Zeit fand keines ihrer Konzerte an einem Freitagabend statt – und ausschließlich koscher isst.

Kotel Während ihres neuntägigen Aufenthalts im Heiligen Land hatte der US‐Star nicht nur vor, die Kotel in Jerusalem zu besuchen und an einem Massen‐Kabbala‐Seminar in Tel Aviv teilzunehmen. Angeblich standen zudem die Gräber einiger berühmter Rabbis auf dem Programm, darunter das von Rabbiner Schimon Bar Yochai, dem Begründer des Sohar, des grundlegenden kabbalistischen Textes.

Die Kunstfigur Madonna ist undurchschaubar wie eine Sphinx, hinter dem Maskenspiel wird der wirkliche Mensch nur schemenhaft erkennbar. Als Meisterin der Selbstinszenierung und Selbstvermarktung – mit rund 300 bis 350 Millionen verkauften Tonträgern ist sie die reichste Frau im Musikgeschäft – nimmt sie sich, was sie will. Zweimal war sie verheiratet, ist mit immer neuen Liebhabern (»Toy‐Boys«) in den Schlagzeilen.

Künstlerisch und geschäftlich behält sie die Fäden in der Hand und setzt sich für die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten ein. Das hat sie in den Augen einiger auch zu einem Idol des Feminismus gemacht.

kinder Dass Madonna in den vergangenen Jahren vier Waisenkinder aus dem südostafrikanischen Malawi adoptierte und dort Hilfsprojekte für Kinder unterstützt, brachte ihr auch negative Schlagzeilen ein. Dies sei eine »PR‐Nummer«, der reiche Popstar wolle sich nur Liebe und Anerkennung kaufen, kritisierten Medien.

»Meine Mutter starb, als ich klein war«, versicherte Madonna im Gespräch mit Waisen in Malawi, »deshalb möchte ich die Mutter sein, die ich nie hatte.« Anlässlich ihres 60. Geburtstags organisiert sie eine Online‐Spendenaktion für Kinder‐Hilfsprojekte in Malawi.

Zuletzt mischte sich Madonna in die #MeToo‐Debatte um sexuelle Übergriffe auf Frauen ein. Während ihrer ganzen Karriere habe sie gegen sexuelle Nötigung angekämpft, twitterte sie, als Hollywood‐Schauspielerinnen und Aktivistinnen im Januar die Initiative »Time’s up« (»Die Zeit ist reif«) gründeten: »Ich habe das schon seit Jahren gesagt! Endlich etwas Solidarität.«

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