Musik

Königin der Achtziger

Jennifer Rush, geborene Heidi Stern, war eine gefeierte Popsängerin. Jetzt versucht sie ein Comeback

von Torsten Haselbauer  13.09.2010 10:47 Uhr

»Berlin ist meine Lieblingsstadt, sie erinnert mich an meine jüdische Identität«: Jennifer Rush Foto: imago

Jennifer Rush, geborene Heidi Stern, war eine gefeierte Popsängerin. Jetzt versucht sie ein Comeback

von Torsten Haselbauer  13.09.2010 10:47 Uhr

Sie kann es immer noch. Plötzlich erhebt sich Heidi Stern von ihrem Schminkstuhl, stellt sich in die Mitte des kleinen Umkleideraums und macht allerlei lustige Verrenkungen. Jedenfalls sieht es für den Unwissenden so aus. Wer jedoch wie Heidi Stern die Waldorfschule besucht hat, der hat keine Mühe, diese Figuren zu dechiffrieren und daraus einen Namen zu fügen: Jennifer Rush. Waldorfschüler können ihren Namen tanzen. Die Erzieher haben für jeden der 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets eine Figur erfunden. »Eurythmie nennen die das«, sagt Heidi Stern alias Jennifer Rush in gutem, mit starkem amerikanischen Akzent eingefärbtem Deutsch.

Dramaqueen Jennifer Rush ist derzeit auf Deutschlandtour. Einige nennen es ein Comeback. Sie selbst vermeidet diesen Ausdruck gerne. Dafür erzählt sie in Interviews wieder und wieder ihre unglaubliche Erfolgsgeschichte. Die Story von der Sekretärin, die in den 80er‐Jahren zur erfolgreichsten Popsängerin dieser Erde aufstieg. Ein Superstar mit einer herzbewegenden Stimme.

Eine »Dramaqueen« mit einem etwas zu exaltierten Vibrato, mit schrillen Lederklamotten und zu dicken Polstern auf der Schulter. Aber wen störte das schon, damals? Dafür lieferte Rush doch mit The Power of Love oder Destiny Welthit auf Welthit. Es waren die passenden Songs für die romantischen Momente im Leben, eine Art Trostmelodie gegen die Schmerzen des Liebeskummers.

jüdin Jennifer Rush kann, wenn sie einmal ins Erzählen kommt, kaum aufhören damit. Und doch spart sie einen Teil aus ihrem Leben fast immer aus – sie ist eine Jüdin. »Ich weiß selbst nicht, warum ich darüber schweige. Aber ich denke, in Deutschland interessiert das Judentum an meiner Person am allerwenigsten.« Wohl zu Recht. Von den Musikjournalisten, die sie gerade belagern, fragt zumindest niemand danach. Sie wollen lieber etwas über ihr Comeback‐Album hören oder ihr eine Skandalgeschichte aus dem Privatleben entlocken.

Jennifer Rush hat ihre neue CD Now is the hour in einem Berliner Studio aufgenommen. 15 Lieder sind darauf, Balladen, Gute‐Laune‐Pop und einige Tanz‐Tracks. Nichts wirklich Überraschendes. Dafür solide und gut produziert, routiniert eingesungen. Für Rush soll es der Anfang sein für ihre Retro‐Glücksreise durch das Jahr 2010, die im Frühjahr begonnen hat. Die Hallen, in denen sie auftritt, sind nicht mehr ganz so groß wie früher, und die Städte, in denen sie stehen, sind es auch nicht. Magdeburg zum Beispiel oder ein Auftritt in der Carmen‐Nebel‐Show im ZDF. Immerhin Samstagabend, Primetime, rund fünf Millionen Zuschauer. Ihre Live‐Konzerte sind gut gefüllt, wenn auch nie ganz ausverkauft.

Stolpersteine »Meine Lieblingsstadt ist Berlin!«, sagt Jennifer Rush kurz vor ihrem Auftritt in Krefeld. »Es erinnert mich an New York, aber auch an meine jüdische Identität«, ergänzt sie unaufgefordert. Wann immer sie in der Hauptstadt weilt, nimmt sie sich eine Auszeit. Raus aus dem engen Terminkalender, rein in das Stelenfeld des US‐Architekten Peter Eisenman. Dann weiter durch die Stadt. Heidi Stern bleibt an jedem Stolperstein stehen, der ihr unter die Füße kommt. »Als Jude muss man Gedenkstätten besuchen«, da lässt die Sängerin keinen Widerspruch zu. Die Großeltern und viele andere Mitglieder ihrer weitverzweigten Familie wurden in Riga von den Nazischergen umgebracht. »Ein Pogrom vergisst man nicht. Und in Berlin erst recht nicht«, sagt sie streng in der kleinen Umkleidekabine zwischen all den Spiegeln, Schuhen und Parfümfläschchen.

Wer allerdings vermutet, dass die Künstlerin streng nach den jüdischen Glaubenssätzen lebt, der hat sich verschätzt. Rush bewohnt mit ihrer 17‐jährigen Tochter Ariel ein großzügiges Appartement in Manhattan, Central Park West. Sie kocht gerne. »Aber nicht koscher, weil man dann immer zweimal kochen muss«, erklärt sie. Und in die Synagoge geht sie auch nicht. Dennoch will sie unbedingt von einem wunderschönen Gefühl berichten, was sie immer dann wohlig beschleicht, wenn es ihr mal richtig schlecht geht. »In diesem Moment spüre ich, dass ich Jüdin bin und mich Israel willkommen heißen würde«, sagt sie, die selbst das Heilige Land noch nie besucht hat.

Teenagerleben Jetzt wäre es aber doch mal an der Zeit, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, bemerkt sie nach einer halben Stunde ein wenig ungeduldig. Dafür stellt die Musikerin sogar ihr Handy aus, das andauernd bimmelt. Meistens ist ihre Tochter dran, »die derzeit alle möglichen Instrumente ausprobiert und mir immer etwas vorspielen will«, plaudert Mutter Rush aus.

Ihre Geschichte also. Es ist eine musikalische Familie, in die Heidi Stern vor 49 Jahren in New York hineingeboren wurde. Der Vater ein Operntenor mit weltweiten Engagements, die Mutter Pianistin. Der Bruder wird unter dem Namen Bobby Stern ein erfolgreicher Saxofonist. Heidi Stern lernt das Geigespielen und singt anfangs leise Lieder nach. Am liebsten die von Aretha Franklin und Joan Baez. Der Vater erhält ein Engagement in Flensburg, die Familie zieht über den großen Teich. Heidi landet in der Waldorfschule in Rendsburg, wo sie auch das Alphabet tanzen lernt. Familie Stern zieht oft um. Von Flensburg nach Düsseldorf und schließlich nach Frankfurt. »Es war sicherlich kein einfaches Teenagerleben, was ich führen musste«, sagt die Popdiva.

Sekretärin Heidi Stern hat dennoch Glück. Dank ihrer Zweisprachigkeit bekommt sie einen Sekretärinnenjob bei der US‐Army in Frankfurt. Abends schleicht sie sich in die Klubs der Bankenstadt, hat ihre ersten kleinen Auftritte als Sängerin. Der Vater finanziert ein Demotape, das sie zu den Labels schickt. Eine deutsche Plattenfirma eröffnet ihr schließlich die Chance, ein Album aufzunehmen. Da war sie gerade Anfang 20. »Ich habe sofort meinen Job gekündigt und meinen Namen in Jennifer Rush umgewandelt.«

Das war der Beginn einer glanzvollen Karriere. Gleich ihre dritte Single, die Ballade The Power of Love bricht Rekorde. Der eingängige Song wird der Hit der Achtziger, dank Rushs brillanter Stimme. Das Lied rast überall auf der Welt in die Charts, meistens bis zur Spitze. The Power of Love wird die meistverkaufte Single einer Solo‐Künstlerin in der Geschichte der britischen Musikindustrie. Das bringt Jennifer Rush nicht nur einen Eintrag in das Guinness‐ buch der Rekorde ein, sondern auch unglaublich viel Geld. Sie hat als Songwriterin und Co‐Autorin die halben Rechte an diesem Lied. Eine unerschöpfliche Goldgrube.

Wann immer sie fortan durch Deutschland fuhr und das Autoradio einschaltete, war ihr Hit zu hören. »Ein unglaubliches Glücksgefühl!« Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte Rush das Land der Autobahnen zu ihrem Lieblingsland auserkoren.

Lockerbie Einige Jahre später hatte sie noch einmal viel Glück. Am 21. Dezember 1988 wollte sie von Frankfurt nach New York fliegen. An diesem Tag begann der Transatlantikflug Pan Am 103 in Frankfurt mit einem Zubringer nach London. Jennifer Rush entschied sich kurzfristig dazu, auf einen Direktflug mit Lufthansa umzubuchen, »weil es bequemer war«. Als sie in New York landete, erreichte sie die Nachricht, dass über dem schottischen Lockerbie die Pan‐Am‐Maschine explodiert war. Alle 259 Insassen kamen dabei ums Leben und elf Bewohner des Dorfes Lockerbie dazu. Ein Sprengstoffanschlag. Laut schottischen Gerichten »ein staatsterroristischer Akt libyscher Geheimdienste«.

Hanteltraining Jennifer Rush mag darüber nicht gerne erzählen. Überhaupt will sie die Vergangenheit lieber ruhen lassen. Die Familiengeschichten, der Lockerbieflug. Selbst ihr Aussehen von damals gefällt ihr heute gar nicht mehr. Sie hat es längst abgelegt so wie andere Leute einen alten Hut. »Ich erschrecke, wenn ich mich auf Videos der Achtziger sehe.« Andere erschrecken indes über die Jennifer Rush von heute. Aufgespritzte Lippen, ein altersloses, faltenfreies Gesicht. »Das liegt in der Familie«, erklärt sie die wundersame Rundumerneuerung. In der Ecke ihrer Kabine liegen zwei Hanteln. Rush zeigt stolz darauf. »Zehn Kilo, mit Wasser gefüllt«. Damit trainiert sie ihren dünnen, muskulösen Körper.

Es klopft an der Tür. Zeit für ihren Auftritt, Frau Rush. I am your Lady, you are my Man singt sie dann, die erfolgreiche Singlefrau, mit ihrer immer noch tollen Stimme. Die Leute in Krefeld stimmen sofort mit ein. Sie haben Tränen in den Augen.

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