Biennale

Klischees, Tabus und leichte Themen

Ausgezeichnet für seinen »Faust«: der russische Filmregisseur Alexander Sokurov Foto: dpa

Michael Fassbender konnte sich freuen, denn gerade hatte der in Heidelberg geborene, in Irland aufgewachsene deutsch-irische Darsteller in Venedig den Preis als bester Schauspieler gewonnen. »Schon als Kind träumte ich davon zu spielen.

Ich habe einfach unglaubliches Glück gehabt, dass dieser Traum doch noch wahr wurde.« In gleich zwei Filmen, Shame von Steve McQueen und David Cronenbergs A Dangerous Method, einem Historiendrama über die Gründungszeit der Psychoanalyse, das bei uns Mitte November startet, war er im Wettbewerb vertreten.

Mit diesem Preis und dem Goldenen Löwen für Faust vom Russen Alexander Sokurov gingen am Samstagabend die 68. Filmfestspiele von Venedig zu Ende. Faust ist eine sehr freie Adaption von Goethes Drama, mit starken Anleihen an das große Vorbild Friedrich Wilhelm Murnau und dessen Verfilmung von 1926. Für den 60-jährigen russischen Autorenfilmer ist es die erste große internationale Auszeichnung – eine überfällige Anerkennung Sokurovs.

mephisto Zugleich bleibt ein Wermutstropfen: Denn man muss Sokurov, der sich offen auf den visuellen Stil alter Stummfilme bezieht, einen zumindest leichtfertigen Umgang in seiner Bildsprache vorwerfen, sein Mephisto erfüllt alle Stereotypen der Ikonografie antisemitischer Hetzfilme: Er ist ein »Wucherer«, klein und schmierig, körperlich defekt und mit großer Hakennase und redet gelegentlich jiddisch.

Ob aus Naivität oder aus Absicht – Sokurov bietet Betrachtungen eines Unpolitischen. Sein Versuch, die Geschichte des Faustischen bis zu der durch Hitler nicht mehr kontaminierten halbherzigen Unschuld eines Murnau zurückzudrehen, ist de facto ein Stück Gegenaufklärung.

Der israelische Beitrag Hahithalfut (The Exchange) von Eran Kolirin blieb zwar am Ende eines ungewöhnlich starken Wettbewerbs ohne Preis, kam aber durchaus gut an.

Der Film ist eine intellektuelle Komödie und wirkt am ehesten wie eine humorvolle Version von Antonionis Blow-Up: Ein Physiker kommt eines Tages früher als sonst nach Hause und erkennt nichts wieder. Eine stille Studie über die Ängste eines Menschen vor Veränderungen – ein rätselhafter Horrorfilm ohne Horror.

perspektiven In einem gewissen Sinn trifft diese Beschreibung auch auf Shlomi Elkabetz’ Edut (Testimony) zu, der in der Nebenreihe »Venice Days« gezeigt wurde. In statischen Einstellungen, in freier Natur gefilmt, sprechen israelische Schauspieler Aussagen von Palästinensern nach – eine Verschiebung der Perspektiven, zugleich ein repetitiver Film, der auf Dauer einfach langweilig ist.

Das Gegenteil galt für Yolande Zaubermans Dokumentarfilm Would you have Sex with an Arab?, was natürlich auch am vergnüglichen Ansatz lag, mit jüdischen wie arabischen Israelis über ihr Liebesleben zu plaudern.

Ist zumindest sexuell die Verschmelzung mit der anderen Seite möglich? Während dies einige zum Tabu erklärten, bejahte die Mehrheit, ohne die Belastungen und den sozialen Druck herunterzuspielen, der folgt, wenn aus einem »One Night Stand« Liebe wird.

Wie ernst und traurig das Thema ist, zeigte sich gegen Ende des spannenden Films. Da zeigt Zauberman Passagen aus einem Gespräch mit dem Regisseur und Schauspieler Juliano Mer-Khamis.

Es war das letzte Interview seines Lebens, nur Tage danach wurde er von einem Araber ermordet. »Man kann das palästinensische Problem nicht im Bett lösen«, sagt Mer-Khamis, Sohn einer Jüdin und eines christlichen Arabers, und bringt seine absurde Identität auf den Punkt.

Sehen!

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